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The Great Bertholinis: Gradual Unfolding Of A Conscious Mind – Part 3

tgbOb ein Gegenwarts-Dante wohl der Musikindustrie in der Divina Commedia einen eigenen Höllenkreis gewidmet hätte? Zum Glück muss man nicht pauschal den sprichwörtlichen Teufel an die Wand malen, denn solang  Bands wie The Great Bertholinis so wunderbar entrückte Musik veröffentlichen können, ist vielleicht viel, aber sicher nicht dir Hoffnung verloren.  Das Album mit dem sperrigen Titel Gradual Unfolding Of A Conscious Mind – Part 3 ist seit 2006 bereits die dritte Veröffentlichung der flunkernden “Ungarn”-Kapelle beim sympathischen Indielabel Hazelwood und bietet kategoriensprengende Seelenmusik.

Indierock, Folk-Spielarten, Pop; Kaizers Orchestra und Tom Waits – bei Einordnungsversuchen gerät man schnell in eine Erklärungsnot, die zu ähnlich augenzwinkerndern Lügengeschichtchen führt, wie sie die vermeintliche Bertholini-Großfamilie selbst aufzutischen pflegt. Begeben wir uns also weg von Genre-Etikettierungen und hin zu dem, was ohnehin ganz für sich allein steht, nämlich den erdachten Songwelten der Great Bertholinis.

Bereits auf dem Vorgängeralbum Planting A Tree Next To A Book waren es die wehmütig klingen Blasinstrumente, die im Gedächtnis verhaftet blieben. So ist es nicht verwunderlich, dass es wieder die Bläser sind, die den Hörer an die Hand nehmen und mittels “Bright Days (Intro)” sanft ins Album geleiten. Das folgende “Run To Hide” klingt wie ein wohl bekanntes Stück Musik, gefischt im See des kollektiven Gedächtnisses und in eine ganz neue Gestalt tranformiert, was eine besondere Qualität dieser außergewöhnlichen Band darstellt. Es scheint für  The Great Bertholinis ein Leichtes zu sein, solche Melodiekaninchen aus dem Zylinder zu zaubern. In der Vergangenheit attestierte Ähnlichkeiten mit John, Paul, George & Ringo flackern kurz in “I Am Ctgb2an” auf, bevor die Band bei “The Things I Gave” wieder die melancholischen Straßenmusiker geben und dabei die Assoziation Murder By Death Aufmerksamkeit beansprucht.

In der Folge werden funkelnde Popsteinchen in passende Folkschmuckstücke gefasst (“Puzzle With A Milion Thoughts”) und ein muskalisches Chanson-Riesenrad (“String Puppets And Bees”) in Schwung gebracht. So bildreich sich diese Kritik gibt, so anregend und inspirierend ist die Wirkung von “Gradual Unfolding Of A Conscious Mind – Part 3″, so dass man leicht in einen schwärmerischen Ton fallen könnte, – ja – fällt! Dass mit der “Zucker Serenade” gar Varieté-Soundtrack geboten wird, sei nur am Rande bemerkt und auch, dass The Great Bertholinis im Songwriting beeindruckende Spannungsbögen einarbeiten (“Lost The Key”), denn letztlich sollte jeder selbst die Entdeckungsreise Gradual Unfolding Of A Conscious Mind – Part 3 antreten. Genug zu entdecken, gibt es in jedem Fall. Eins noch. Skeptiker sollten sich vom wunderbaren “Bright Days” eines besseren belehren lassen, denn dem Charme allein dieses einen Stückes kann und mag man sich nicht entziehen.

Tom Waits und das etwas andere Live-Album

Der unverwüstliche Tom Waits veröffentlicht ein Live-Album namens Glitter and Doom, welches auf der gleichnamigen Tour 2008 mitgeschnitten wurde. Das ganze erscheint als CD- und Vinyl-Version und wird zweigeteilt sein. Neben den  Songs auf dem einen Tonträger wird der zweite als ein einziger Monolog, also als Ansagen-Konglomerat daherkommen. Klingt…interessant! (via NME)

The Black Rider – Die psychedelische Musical-Alternative

black-riderThe Black Rider:  The Casting of the Magic Bullets lautet der vollständige Titel des grotesken Theater-Musicals, welches aus der ungewöhnlichen Kollaboration von Tom Waits, der Schriftstellerlegende William S. Burroughs und dem Theaterautor und Regisseur Robert Wilson hervorgegangen ist und 1990 als Uraufführung debütierte. Nach fast 20jähriger Aufführungsgeschichte gastiert das aktuelle Ensemble für fünf Termine im Oktober und November im Düsseldorfer Schauspielhaus. Grund genug, dem ebenso eigenwilligen wie erfolgreichen Stück der Theatergeschichte ein paar Zeilen zu widmen.

Das außergewöhnliche Projekt lebt von dem Aufeinandertreffen zweier Unikate, die in ihrem Metier als stilprägend gelten: Tom Waits vor allem durch sein einzigartiges musikalisches Oeuvre und William S. Burroughs durch seinen Status als Hauptprotagonist der Beat Generation, dem Skandalroman Naked Lunch und seiner bekannten Drogenkarriere. The Black Rider ist daher Produkt dieser Zusammenarbeit, wobei Waits für die Lieder und die entsprechenden Texte und Burroughs für das Buch selbst zuständig war. Als Grundlage des Stücks fungierte die Volkssage und Oper Der Freischütz aus dem 19. Jahrhundert, und die innovative Bearbeitung der Quelle zeugt von einer Eigenwilligkeit, die angesichts der beteiligten Personen eigentlich kaum überraschen kann und dennoch als kleine Theater-/Musical-Renaissance gefeiert wurde. Der besonderen Zauber der Inszenierung lässt sich entsprechend der beiden Freigeister anteilig benennen, denn während Tom Waits mit seinen “Songs für die dämonische Atmosphäre” des Stücks sorgt, ist es Burroughs, der The Black Rider als “Drogen-Allegorie” erscheinen lässt. Die Handlung ist dabei weitgehend mit der des Freischütz deckungsgleich, denn auch bei The Black Rider steht der verhängnisvolle Teufelspakt eines heiratswilligen jungen Mannes im Vordergrund, der – mit Hilfe des Leibhaftigen- den potentiellen Schwiegervater von seinen Qualitäten als Schützen überzeugen will und muss. Losgelöst von der offensichtlichen Text- und Handlungsebene offenbart das Theater-Musical einen Blick auf den den “modernen Menschen – [...] seine Maßlosigkeit, seine Entfremdung von der Natur, seine Untreue zu sich selbst, sein Verhältnis zum Bösen, Schmutzigen, Teuflischen.” (Düsseldorfer Schauspielhaus) Das gleichnamige Album von Tom Waits enthält übrigens viele aus dem Stück bekannte Lieder, allerdings zumeist in anderen Arrangements. The Black Rider ist an folgenden Terminen in Düsseldorf zu sehen:

28. und 30. Oktober + 11., 25. und 27. November jeweils im großen Haus.

Woyzeck-Aufführung mit Songs von Tom Waits

Seit Ende September läuft im Theater Oberhausen die deutschsprachige Erstaufführung einer Woyzeck-Adaption, für die Tom Waits zusammen mit seiner langjährigen Lebensgefährtin Kathleen Brennan sowohl Musik als auch Texte geschrieben hat. Was wohl Georg Büchner dazu sagen würde? Wer das Stück erleben möchte, sollte sich sputen. Beinahe alle Termine sind ausverkauft!!!

Buch-Tipp: Die vielen Leben des Tom Waits

Reptilien sind schon merkwürdige, geheimnisvolle Tiere, und ähnlich skurril-schillernd wirkt das Chamäleon Tom Waits auf seine Umwelt. Selbst seinen treuen Fans ist das umfangreiche Schaffen des kauzigen Kaliforniers oft ein Rätsel. Gleichermaßen war und ist Waits als Sänger, Komponist, Schauspieler und Autor tätig und seine Vielseitigkeit und Kreativität scheint unerschöpflich. Umso erfreulicher ist es, dass endlich eine gelungene Biographie in deutscher Sprache vorliegt. Autor Patrick Humphies gelint das schier Unmögliche: Waits wird plastisch, wird nahbar und bleibt dennoch schrullig. Große Erleichterung! Read more »

O’Death: Drei Schritte vom Abgrund entfernt

O’Death! Ein Name, der vermuten läßt, dass der Sound dieser Band vermutlich nicht mit “Easy Listening” zu beschreiben ist. Erwartung erfüllt. Die Band aus Brooklyn klingt wie ein zünftiges Besäufnis während einer Bootstour auf dem Styx. Unheimlich, verwegen, und einzigartig. Stilistisch eine Gradwanderung zwischen Country, Blues, Folk mit einer Note Punk. Stürmisch und zerbrechlich zugleich wirken ihre Songs und ihnen einen Anflug von Wahnsinn zu unterstellen, liegt mir fern. Recht, könnte man damit aber durchaus behalten… Read more »

Scarlett Johansson: Anywhere I Lay My Head

Als ich vor Monaten zum ersten Mal die Meldung gelesen habe, dass Scarlett Johansson ein Album zusammen mit David Bowie aufnimmt und dieses komplett aus Tom Waits Cover-Versionen bestehen soll, habe ich mir schon mehr als verwundert die müden Augen gerieben. Der erste Gedanke: Das kann doch nur ein Witz sein! So skurril das ganze Konzept anmutet, das Ergebnis ist wirklich nur ein schlechter Scherz! Read more »