Wenn sich der Blick Richtung Schuhe senkt und dort angekommen für eine heilsame Ewigkeit verweilt – Fotos begeben sich auf ihrem neuen Album Porzellan in die Welt der
verrauschten Atmosphäre und lärmenden Gitarren, ohne jedoch das inzwischen wieder ziemlich hippe Shoegaze-Ding vorbehaltlos zu kopieren. Vielmehr gelingt es Fotos zwischen Noise und Dream Pop ein neue Plane aufzuspannen, eine Bettdecke unter der man samt Taschenlampe Mikrokosmos sein kann, sein will.
Nach dem selbstbetitelten Debütalbum (2006) und Nach dem Goldrausch (2008) gelingt den Hamburgern mit Porzellan ein Qualitätssprung in – für sie – luftige Sphären. Herauszustreichen ist in jedem Fall das musikalische Spagat zwischen Sonnenseite und Mondscheinterrain, zwischen der wärmenden Strahlkraft eingängiger Popmusik und der unterkühlten Stimmung eins Soundtracks, der Selbstreflexion bedingt, respektive möglich macht.
Sogartige Wirkung entfaltet der Albumopener “Alles schreit”, wenn der Song nach fast 2 Minuten Exposition ein leicht verschwommener Twee-Pop-Hit wird, wie ihn zurzeit The Pains of Being Pure At Heart
zu präsentieren pflegen, wobei man sich durchaus auch an die Referenzband schlechthin, an My Bloody Valentine, erinnert fühlt. Denkt man an die Art und Weise, wie Kevin Shields und seine Mitstreiter mit ihrem letzten Werk Loveless (1991) den Zuhörer um den sprichwörtlichen Finger gewickelt haben, so scheint der Beginn von Porzellan ähnlich betörend zu sein.
Das ebenfalls sehr gefällige Gewummer des Titeltracks samt herrlich scheppernden Schlagzeug wird durch den gelegentlich weit entfernt wirkenden Gesang Thomas Hesslers ergänzt. “Nacht” variert käsigen 80er Pop und ist textlich nah an der romantisch-kitschigen Lyrik eines Dirk von Lowtzows, wie sie zuweilen auf den letzten Tocotronic-Alben zu finden ist. Das muss einem nicht unbedingt zusagen und doch funktioniert die Musik-Text-Verbingung insofern, dass man allzu gerne die gerunzelte Stirn sich glätten lässt.
Das regelrecht fröhliche “Mauer” ist ebenfalls kilometerweit von der Ausfahrt namens beliebig entfernt und hat das Navigationsgerät ohnehin auf eine andere Route programmiert. Süß wie eine gemischte Tüte vom Kiosk ist “Wasted”, das als zartes Duett in Erinnerung bleibt. Beinahe hypnotisierende Wirkung entfaltet “Feuer” – schleppend, schwerfällig, aber vereinnehmend. Manchmal hat man schon den Eindruck, dass die Band, die inzwischen vom schwächelnden Major EMI ausgehend beim Berliner Indielabel Snowhite gelanded ist, zu dick aufträgt. Man höre sich nur das aufdringlich-schöne “Angst” an. Sicher ist Porzellan das tatsächlich beste Album von Fotos, auch wenn man sich ein paar mehr Ecken wünschen würde, denn sich an Musik zu stoßen, macht diese schließlich erst richtig spannend und das in nachhaltiger Weise. Dennoch ist die Zwischenwelt Porzellan defintiv eine Reise wert. Taschenlampe nicht vergessen.
Fotos: Porzellan (VÖ 10. 09. 2010; Snowhite)






