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Nils Koppruch: Caruso

caruso-coverAuch als Nachzügler unter den Rezensenten kommt man nicht umhin, bezüglich Caruso anerkennend mit dem Kopf zu nicken. Nils Koppruch präsentiert sich auf seinem zweiten Soloalbum musikalisch furios als Genregrenzgänger und auf der Textebene angenehm kryptisch und zuweilen kumpelhaft, jedoch nie anbiedernd oder gar uninspiriert. Zwischen metaphorischem Schönklang und Weisheiten aus dem Alltag, restauriert Koppruch das ausgeblichene Bildnis eines Liedermachers mit geschwungenen Pinselstrichen und grundiert dieses mit charmanten, zuweilen auch traurigen Geschichten.

Auf Caruso gibt Koppruch zwar erneut den Singer-Songwriter  traditionellen Verständnisses, erlaubt sich und den  12 neuen Liedern jedoch Ausflüge außerhalb des bekannt folkloristischen Terrains. Dabei ist ihm ein Album gelungen, das endgültig jegliche sentimental bedingten Reminiszenzen an die 2006 aufgelösten Fink abzuschütteln vermag. Daher nachfolgend auch keine weitere fink’sche Bezugnahme.

Mit “Armer Junge weint, armes Mädchen” beginnt Koppruch das Album mit der Eindringlichkeit einer dampfenden Tasse Kaffee um drei Uhr nachts – mit Sinn stiftenden Worten, die sich in der Summe nicht sogleich erschließen und entsprechend Aufmerksamkeit einforden. Mit dem (album)-titelgebenden Stück “Caruso” erinnert Koppruch dann an die Pianobar-Zeiten eines Tom Waits. Heart of Saturday Night. Gute Nummer. “Kirschen (wenn der Sommer kommt)” exzerziert in all seiner spürbaren Wärme das Nutze-den-Tag-Prinzip durch und erinnert folgerichtig in augenzwinkernd mahnender Manier an die Vergänglichkeit aller Dinge. Ein Reinhard-Mey-Momentum, was wirklich gar nicht diskreditierend gemeint ist. Und immer fort geht es, mit potentiellen Songfavoriten auf Caruso. In der Folge wirken das rankende “Wort im Wasser” und anschließend “Die Aussicht” gar unverschämt eingängig und liebenswert, so dass man stets dorniges Zwischengebüsch zu erwarten glaubt. Das bläserreiche “Verrückt vor Liebe” braucht man im Albumkontext nicht unbedingt, doch wer will schon bei Koppruch den Geschmackspolizisten geben?

Das beatlastige “Weil’s möglich ist” ist in seiner dylanesken Art unfassbar schnodderig-cool und “Wissen musst du es doch” entzündet in der zweiten Albumhälfte ein – ganz konventionell – flackerndes Lagerfeuer, das natürlich zum Geschichtenerzähler Koppruch passt. Keine Frage. “Vergessen was ich wusste” erweist sich zudem als Alternative Country Poem, bevor “Stadt in Angst” in Marmor meißelt, warum Koppruch in seinem Handwerk als Großer gilt. Wer Singer-Songwriter mag, die sich nicht in überbordender Gefühlsduselei verlieren, sollte sich die aktuelle Koppruch-Veröffentlichung zu Ohren kommen lassen.

Nicolas Sturm: Doppelleben

doppellebenBräsig, vor sich hin dämmernd das Rezensionsmuster aus dem Kuvert geschält, Kopfhörer aufgesetzt und nach dem die ersten 2, 3 Lieder das Gemüt erfrischt haben, formen die Augenbrauen Bögen und das Kinn vollführt anerkennende Aufundabbewegungen. Was Nicolas Sturm auf seinem, zwischen EP und Album zu verortenden Tonträger  “Doppelleben” abliefert, ist schlichtweg anrührendes Kopfkino, das zwischen Träne im Knopfloch und gesichtsfüllendem Schmunzeln eine breite Emotionspalette zu erzeugen weiß. Die 10 Songs sorgen für eine dermaßen erhöhte Endorphinausschüttung, dass man vermutlich nach dem Hörgenuss gegen sämtliche Dopingauflagen des Olympischen Komitees verstoßen würde. Man weiß gar nicht genau, wofür man stärker applaudieren soll, für die kunstvoll gearbeiteten kleinen musikalischen Schmuckkästchen oder die textlichen Kleinode, die sich in ihnen verbergen.

Knapp 36 Minuten lang und stark ist das “Doppelleben”, dessen Songs mit Indiepop und Folkelementen gerüstet und zugleich so entwaffnend sind. Dass Nicolas Sturm dem Künstlernetzwerk OMAHA Records angehört, will irgendwie so gar nicht überraschen, da beispielsweise Gisbert zu Knyphausen ebenfalls zu diesem gehört. Damit sei schon ein sinnvoller Ansatz- und Orientierungspunkt für jene gesetzt, denen ein Vergleichsmaßstab nützlich erscheint. Zu Sturms eigenen musikalischen Einflüssen gehört offensichtlich auch der Fixstern Dylan, was wirklich einleuchtend erscheint, da die Songs auf “Doppelleben” – ebenso wie Dylans – oftmals melancholisch und zugleich humorvoll jenseits des Brustbeins Treffer setzen. Nach dem instrumentalen Einleitungsstück “Regenhunde No. 53″ führt der Song “Baustelle” den Hörer gleich auf die Gewinnerstraße, auch wenn das erzählende Ich sich offenbar nicht auf einer solchen befindet. Oder doch? Spielt keine Rolle, denn bevor das Grübeln einsetzen kann, überfällt “Caroline” den Hörer mit feinen Strophen, weichem und zugleich angenehm rauhem Gesang und nicht zu unterschätzenden Wiedererkennungswert.

“Asphalt” fragt im heiteren Plauderton und entsprechend musikalisch untermalt: “Liegst du nicht mit mir auf dem immer noch heißen Asphalt? Bleibst du für mich nur eine lichtumrandete Gestalt?” Nur um dann festzustellen: “Oh, wie geschickt manipulierst du mich”. Nicolas Sturm liefert in seinen Songs mindestens genauso viele Antworten wie er Fragen aufwirft, was unumstritten auf der Habenseite der EP zu verbuchen ist. Ein Suchender schreibt Songs für sich und trifft offensichtlich einen kollektiven Nerv. Symptomatisch für diese Aussage ist sicherlich das Titelstück “Doppelleben” selbst, das mit den Textzeilen “Nein, ich will lieber nicht // Was mich treibt, was mich bricht // Sweet surrender, sweet surrender, ein Befehl //  Sweet surrender, sweet surrender, in for the kill” vandalastische Gelüste auslöst. Zeilen, die man an Hauswänden verewigen möchte, man gehört haben muss.

nicolas-sturmGanz leichte Kost hat Sturm auch im Repertoire, wie das schlagereske und kalauerhaft kokettierende Stereo Total Cover “Schön von hinten” versinnbildlicht. “Neujahr” ist dann wieder so eine knackig pointierte Popkomposition aus der Feder des irgendwo zwischen Karlsruhe, Frankfurt und Freiburg beheimateten Songschreibers, die man gerne auf dem nächsten Mixtape, das ja eigentlich keines mehr ist, unterbringen möchte. Von wegen aufhören, wenn es am Schönsten ist, denn “Träumungsschlussverkauf” ist ein heller Glockenton beim subtilen Indiefolk-Hau-den-Lukas, ein verdammte Hit par excellance, der bestimmt selbst betrunken gegrölt, noch einiges hermacht. Dann ist mit “Ikarus” der Budenzauber schon vorbei und liefert mit “Ein Herz kann man opfern, Schmerz kann man ertränken, doch Erinnerungen brennen so schlecht” nochmal einen prägnanten Slogan – remarkable! Zehn Songs, die im instrumentalen Zusammenspiel mit Jeremy James Dhôme, der für Percussion und Schlagzeug auf “Doppelleben” zuständig ist, beim Hörer große Sympathie entfachen. Well done und aus!

Nicolas Sturm – Doppelleben erscheint am 26. April 2010!

Karohemd und Klampfe: das alte Lied namens Punkrock

frank-turner-1Frank Turner, Chuck Ragan, Tim Barry, Tom Gabel…diese Reihe lässt sich mühelos weiterführen und das Phänomen Sänger aus Punkband macht Country-/Folk-Solo-Album ist längst zur Normalität geworden. Zuletzt waren es die neuen Longplayer von Frank Turner und Chuck Ragan, die erneut untermauerten, dass diese grundehrlichen Musikrichtungen unweigerlich miteinander korrespondieren zu scheinen. Zumindest erweisen sich die akustischen Spielarten folkloristischer Populärmusik als besonders attraktiv für in die Jahre gekommene Punkband-Frontmänner. Gut, Folk-Punk an sich ist nicht gerade eine neue Entwicklung der letzten Jahre wie beispielsweise Against Me! als bekanntes Exempel mit Stetigkeit bewiesen haben und auch der rentabele irisch-folkige Punkrock hat (zumindest was Qualität anbelangt) seinen Zenit bereits überschritten, auch wenn die Verkaufszahlen und größer werdenen Venues eine andere Sprache sprechen. Doch es ist gerade die mit Punk-Attitüde aufgeladene Lagerfeuer-Geselligkeit, die seit einiger Zeit beim Publikum besonders gut punktet.

Gerade der aktuelle Frank Turner Longplayer “Poetry Of The Deed” wird nicht nur in den Fanzines der Welt abgefeiert, sondern auch die etablierte Musikjournaille bereitet dem ehemaligen Frontmann der britischen Hardcore Punkband Million Dead den roten Teppich. Natürlich ergänzen sich das ruppig-hemdsärmelige Image der nonkonformistischen Subkultur und das Dasein als pragmatisch dichternder Singer-Songwriter in geradezu idealer Weise, zumal Folkmusik und Protestbewegung ohnehin schon seit jeher eine enge Liaison eingehen.

Gerade in wirtschaftlich bedrückenden Zeiten ist es auch die Geselligkeit solcher Musik die dem Hörer Wärme und Hoffnung vermitteln kann. Wer einmal die besondere Atmosphäre eines Chuck Ragan Konzerts erlebt hat, weiß, was damit gemeint ist. So irrational und absurd es sein mag, doch allein durch die mit kratziger Stimme vorgetragenen Songs des Hot Water Music Sängers scheint aus einer Ansammlung verschiedener Konzertbesucher auf einmal ein Haufen Gleichgesinnter, gar guter Freunde geworden zu sein. Selbstredend verfliegt dieses Gefühl wieder so schnell, wie es Einzug gehalten hat und war ohnehin nie mehr als eine gewünschte Illusion, doch die Zufriedenheit bleibt. Auch wenn man vielleicht nur das in der Musik Vorgelebte, den Trotz und die Standhaftigkeit mit nach Hause nimmt und in den Alltag überträgt – diese Haltung ist es ebenfalls, die Punk und Folk eint.

Das dem ganzen eine gewisse anachronistische Tendenz anhaftet, versteht sich von selbst. Dies kann aber kaum verwundern, ist Punk doch ohnehin seit 1977 eine beständige Art des Wiederkäuens und erreicht nur höchst selten die innovative Sprengkraft und Relevanz, welche man diesem stets attestierte. Die soziale Bedeutung von Szene und Subkultur ist dagegen kaum zu schmälern und unbestritten. Vielleicht ist es trotzdem das gesetztere Alter der Interpreten und ihrer Anhängerschaftt, das dem Punk Karohemd und Akustikgitarre  so gut zu Gesicht stehen lässt, doch manchmal entpuppt sich die analytische Spurensuche als defintiv obsolet, vor allem wenn es Musik betrifft, die so intuitiv ins Schwarze trifft. Dann erübrigt sich die Frage nach dem Warum und übrig bleibt allein das Vergnügen an herzensguter Musik mit Rückgrat.

Frank Turner – The Road


Tim Barry – Thing of the past


Tom Gabel – Harsh Realms


Chuck Ragan – The Boat – Köln – 01.09.2009


Karamel (live in Duisburg)

17.09.08
20:00

Was: Karamel aus Hamburg. Großes (Gefühls-)Kino von und mit dem Songwriter. Wenn das nicht intensiv ist, was dann? Da sollte man hingehen!!! Support: Benkjov

Wo: Steinbruch (Duisburg)

Wieviel: VVK: 4 Euro; AK: 6 Euro

Originalton Campfire Open Air im Steinbruch (Duisburg)

27.06.08
20:00

“Im gemütlichen Hofgarten im Steinbruch versammeln sich beim Originalton Campfire Open Air zum ersten Mal vier Singer/Songwriter und Folkprojekte aus vier Nationen, um bei Lagerfeueratmopshäre, ihre Songs zu präsentieren.

I.M. Harmful`s tiefschürfenden Lieder sind Introspektion und zerfledderte Beziehungsgeschichten, aber auch Erfahrungen mit Gott, dem Tod und dem Teufel werden verarbeitet. Wer I.M.Harmful auf einen seiner zahlreichen Konzerten in den letzten 2 Jahren erlebt hat, kennt die intime und melancholische Atmosphäre seiner Konzerte.

Lukas Batteau ist Singer/Songwriter aus Utrecht. Inspiriert wurde er vor allem durch Bands wie Radiohead, U2 und The Smashing Pumpkins. Herausgekommen sind großartige Lyrics, melancholische Gesänge und ansprechende Melodien. Nachdem er bereits bei einigen unserer Konzerte immer ein begeistertes Publikum zurückgelassen hat, war klar, dass er bei der Premiere des Originalton Campfire Open Air nicht fehlen darf.

Lasse Matthiessen ist ebenfalls Singer/Songwriter mit Wahlheimaten in Kopenhagen und Berlin. Nachdem er in zahlreichen Rock-, Pop-, und Jazzbands gespielt hatte, begann Lasse seine eigenen Songs zu schreiben und zu spielen, die von verlorenen Lieben und vom Kommen und Gehen der Zeit handeln. Seine Musik bewegt sich zwischen Slowmotion, Melancholie und Folk, die streckenweise an Neil Young, Bob Dylan und José Gonzales erinnert.

Das australische Singer Songwriter/Gitarrenduo Hussy Hicks gibt es erst seit ein paar Jahren und doch haben die beiden bereits auf allen Kontinenten und vielen großen Festivals neben Künstlern wie Tommy Emmanuel, Damien Rice oder Travis gespielt. Ihre Musik ist ein einzigartiger Mix aus verschiedenen Einflüssen wie Funk, Gypsie, Folk, Country, und Bluesroots.”

Im Hofgarten oder im Saal bei schlechtem Wetter // Beginn: 20h // Eintritt: VVK: 5 Euro; AK: 8 Euro // Tickets im Steinbruch // ****Shuttle Service****