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Lesen: Joachim Seidel – HimbeerToni

himbeertoniWer sich von der Maxime leiten lässt, wo ein Astra-Kronkorken drauf ist, da kann der Inhalt doch nur ansprechend sein, wird bei HimbeerToni zwangsläufig enttäuscht werden. Unterhaltsam soll sie sein, die wilde Fahrt durch den Selbstbedienungssupermarkt der neueren Populärliteratur und es fliegen nur so die reduzierten, weil abgelaufenen Produkte der Marken Oliver Maria Schmitt (“Anarchoschnitzel”), Rocko Schamoni, Heinz Strunk oder Nick Hornby in den Einkaufswagen des Autors. Man vergleiche nur die Listenaffinität aus “High Fidelity” und die hier ständig zitieren Problemcharts mit ihren wechselnden Platzierungen. Sicher Zufall. Inhaltlich berichtet Seidels Roman von alternden Punkrockern, die der Alltagsrealität und der tickenden Lebensuhr Tribut zollen müssen, augenscheinlich gestörten Verhältnissen zwischen den Geschlechtern,ungeplantem Nachwuchs, einem vielleicht gebrochenen Penis, anderen wohl dosiert eingesetzten Frivolitäten (Hi, hi), kosovarischen Bauchrednern, echten Vinylraritäten und allerhand anderen Absurditäten und “zufälligen” Verstrickungen.

Dabei wird kaum eine Plattitüde ausgelassen und der Kalauer auch dann noch getreten, wenn er sich bereits zuckend am Boden windet. Noch schlimmer ist es allerdings, dass die Figuren Herr Blümchen, Kurtchen und Holgi, allen voran  aber der HimbeerToni Horny Hornig himself, schrecklich blass bleiben und alles andere als authentisch oder gar sympathisch wirken. Weibliches Romanpersonal kommt zudem ganz schlecht weg, sind sie Partnerinnen der Altpunks doch primär schwangerschafts- und hormonbedingte Furien, denen es ihr Kerl überhaupt nicht recht machen kann. Ooh!

Wenn man sich so richtig über die “späten Ängste großer Jungs” in Rage reden würde, könnte man auch schon fast das wandelnde No-Go Mario Barth herbei zitieren. Nett ist sicher die Grobeinteilung des Romans in A- und B-Seite, die vielen punkhistorischen Anspielungen und ach ja, es liest sich extrem schnell runter. Wahrscheinlich ist Himbeertoni vor allem nach gesteigertem Konsum von “Astraknollen” tatsächlich zu gautieren. So bleibt das Prädikat Strand- und Toilettenlektüre haften. Ein Buch zum raschen Lesen und noch schnellerem Vergessen!

Dorfpunks – Der Film

dorfpunksRocko Schamoni, der alte Dandy vom Kiez, Bon Vivant der Herzen und Alleskönner zu 77 Prozent ist nicht nur Gründungsmitglied von Studio Braun, Musiker, Betreiber des (Golden) Pudel Club und Schauspieler, sondern bekanntermaßen und recht erfolgreicher Romanautor. Gerade sein zweiter Roman Dorfpunks konnte 2004 vollauf überzeugen, denn das autobiographisch motivierte und inspirierte Werk ist extrem kurzweilig, mit einem Humorspektrum von polternd bis subtil gesegnet und bieter darüber hinaus ein nicht zu verachtendes Identifikationsangebot an. Heinz Strunk, ein anderes Drittel von Studio Braun, hatte letztes Jahr mit der Verfilmung seines Romans Fleisch ist mein Gemüse vorgelegt, und nun hat es auch Dorfpunks auf die Leinwand geschafft. Donnerstag (23.4.) ist der Streifen in den hiesigen Kinos angelaufen.

Bereits im vergangenen Jahr schaffte es Dorfpunks auf die große Bühne. Die gleichnamige, mit dem Zusatztitel “Die Blüten der Gewalt” versehene, Operette feierte im Hamburger Schauspielhaus Ende April 2008 Premiere und nun folgt die Kinofassung. Regie führte Lars Jessen, der vorher größtenteils mit TV-Produktionen à la Tatort, Doppelter Einsatz oder Großstadtrevier betraut war. Jessens erster Kinofilm Am Tag als Bobby Ewing starb brachte ihm gemischte Kritiken ein, sodass Dorfpunks die nächtes Bewährungsprobe in der Königsdisziplin des Films für ihn darstellte. In der Hauptrolle des Roddy Dangerblood agiert mit Cecil von Renne ein völlig unbedarfter Schauspieler und auch der Rest des Ensembles dürfte dem Kinopublikum gänzlich unbekannt sein, was aber noch lange kein Qualitätsmerkmal sein muss.

Wer Dorfpunks nicht gelesen hat, dem sei die Handlung kurz zusammengefasst: Im Sommer 1984 erreicht die Punk-Welle mit erheblicher Verspätung das Ostsee-Örtchen Schmalenstedt, und der Protagonist ist Feuer und Flamme und nennt sich fortan Roddy Dangerblood. Schnell ist eine Punker Clique gefunden und die damit willkommene Abwechslung im tristen Alltag. Punks tun was Punks halt so tun, doch natürlich ist in der Provinz alles ein wenig anders, und der heranwachsende Roddy merkt schnell, dass auch Punk seine Grenzen hat.

Es bleibt zu hoffen, dass der sprühende Witz des Romans auch im Kinosaal funktioniert, und dieser charmant vertraute Verlierer von einer Hauptfigur auch auf der Leinwand ähnlich authentisch wirkt. Der von Schamoni selbst kompilierte Soundtrack läßt jedenfalls keine Wünsche übrig. Hier ist alles dabei was Rang und Namen hat: Slime, Fehlfarben, Stiff Little Fingers, Buzzcocks – alle mit von der Partie und auch ein paar New Wave Acts wie Heaven 17 und Talk Talk sind auch dabei. Dazu kommen noch einige andere obskurre Bands, so wie die Dorfpunks All Stars, so so. Die Taz findet jedenfalls, dass Jessen einen “klassischen, liebevoll ausgestatteten Adoleszenzfilm” mit “hübschen Zitaten” gedreht hat und auch das Hamburger Abendblatt findet: “So lassen sich Punk und Provinz gut ertragen!” Wie gut, erfährt man nur im Kino!


Lesung: Rocko Schamoni (Zakk, Düsseldorf)

17.12.08
20:00

Was: Rocko Schamoni liest aus “Sternstunden der Bedeutungslosigkeit” und raucht – allein unter vielen!

In seinem Werk beschreibt der Musiker, Autor und Allroundtalent Schamoni ein irrwitziges Duell zwischen Protagonist und Lebensalltag: Ein Dorfpunk, der zum unglücklichen Bürger wird, der sein Kunststudium hasst und das Leben auf dem Kiez auch. Als Roadie einer drittklassigen Rockband gerät dieser unkaputtbare Held mehr und mehr in Situationen, in denen nichts mehr hilft als sein verzwiefelt trockener Witz.

Wo: Zakk (Düsseldorf)

Wieviel: 13,- EUR / 10,- EUR erm. + VVK