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Estuar: Felicium

estuar-albumHeute in der Manege: versiert inszenierter Indie-Pop mit breiter Instrumenten-Palette, verspielt, mit Hand und Fuß, Herz und Leber. Estuar aus Hamburg legen sich stilistisch nicht fest und nennen ihre eigene Klangwelt “Shycore”, was  jedoch eher irritierend als orientierend wirkt. Das soeben erschienene Debütwerk Felicium der Band um Sängerin Helena de Pablos erweist sich als flatternder Tagtraum, der in der Tat fast schüchtern die Sinne betört, aber zuweilen auch verstörend anmutet.

Denn bei Estuar ist ebenso Platz für kreativen Irrwitz wie für eingängige Melodieführungen und einer selbstbewusst inszenierten, originären Ästhetik. Besonders intensiv ist Felicium bei so funkenschlagenden Liedern wie “Fury”, in dem vor allem die energische Stimme der Sängerin vollends zur Geltung kommt, doch auch in den ruhigen Stücken wie “Move like a leaf” ist es der Gesang, der den Hörer fesselt. Ein wahrlich erhabenes Stimmorgan, das Helena de Pablos zweifelsohne in angemessenes Scheinwerferlicht rücken kann.

In den besten Momenten des Albums gelingt es Estuar dank des abwechslungsreichen Songwritings und der mehrschichtigen Liedstrukturen  zugleich mysteriös zu glitzern als auch gefällig Pop zu zelebrieren, sprich Anspruch und Leichtigkeit in Einklang zu bringen. Dabei ist zudem der Sache zuträglich, dass sich Estuar nicht nur auf den herausragenden weiblichen Gesang verlassen, sondern sich die Mikrofonzeit teilen, beziehungsweise die Vocals komplementär zu gestalten wissen wie beispielsweise im düster-warmen “Until the dawn”.

Allerdings will sich nicht alles Dargebotene so recht erschließen und so manches fällt angesichts der merkwürdigen Zwischen-den-Stühlen-Stimmung durchs sphärische Raster und doch sind es die außergwewöhnlichen Arrangements die überzeugen und in Erinnerung bleiben. Gerade ein Kleinod wie das auf Französisch gesungene Indie-Chanson “La folie de la vie” muss eine Band erstmal im Repertoire haben. Prädikat wertvoll.

Interview: Audiolith – Doin’ Our Thing

Audiolith Records steht seit Jahren für gesäßtretende (elektronische) Musik ohne Grenzen, und da so Pi mal Daumen doinourthingdas fünzigste Release fällig war, sollte dies gebührend zelebriert werden. Da liegt es doch auf der Hand, eine Compilation zusammenzuschrauben, an der die gesamte Labelpossy beteiligt  ist. So ein richtig geniales Teil mit exklusivem Kram und ordentlich Value für die Moneten. Et voilà: Doin’ Our Thing. Anlässlich der Veröffentlichung hat Labelchef Lars a.k.a. Das Audiolith einige Fragen beantwortet und plaudert dabei ein wenig aus dem Nähkästchen in Bezug auf zukünftigen Output, denn die Erfolgsgeschichte Audiolith wird sicher fleißig weiter gestrickt. Weil der Sampler so ein dickes Ding geworden ist, folgt nach dem Inter- noch ein Review, und jetzt ab mit der Tür ins Haus.

Doin’ Our Thing – besser und kompakter hätte man die Labelphilosophie kaum zusammenfassen können und anlässlich des 50. Release hat Audiolith ein richtig üppiges Paket geschnürt. Was bekommt man denn für sein Geld?

Achtzehn exclusiv für diesen Sampler aufgenommen Lieder und eine DVD mit 27 Videos der letzten Jahre. Sozusagen einmal Rundumschlag. Status Quo 2009 bei Audiolith. Außerdem sind einige Kollaborationen zu hören wie zB. Frittenbude & Egotronic oder Der Tante Renate & M T Dancefloor.

Erfreulicherweise ist “Doin’ Our Thing” nicht einfach eine Retrospektive, sondern bietet viel Neues und Exklusives. Das schreit ja förmlich nach einem Haufen Arbeit und langer Vorlaufzeit!?

Im Moment sind die neuen Alben von Supershirt, Juri Gagarin, Bratze, Egotronic und Frittenbude in Vorbereitung für Herbst 2009 und Frühjahr 2010. Die Bands sind fast die ganze Zeit am produzieren, somit ging das alles recht easy über die Bühne.

So ganz eng ist die Zahl „50″ aber nicht zu sehen oder? ;-)

Nee, auf keinen Fall. Ist halb hundert und gut ist. Der Inhalt ist das Wichtigste.

Als Labelchef ist auf der Compilation wahrscheinlich nichts, was du nicht für gut befindest, aber was sind denn deine Highlights auf dem Sampler?

Ich find alle Tracks wirklich gelungen, klar, sonst würde ich das auch nicht rausbringen. Ich versteh mich nichts als klassischer A&R oder Produzent. Die Musiker liefern was ab, ich finds geil und bring es raus.

Welches Release war denn in der Vergangenheit für dich persönlich und für das Label am wertvollsten? Kann man das sagen?

Alle Releases sind wichtig. Der Gesamtoutput macht das Label zu dem, was es ist. Ein Pool guter Musik, die keinen Genregrenzen unterliegt.

Was kann man denn in näherer Zukunft an Audiolith-Veröffentlichungen erwarten? Kommt die neue Bratze-Bombe noch dieses Jahr?

Wie gesagt dieses Jahr noch Supershirt – 8000 Mark Album und das zweite Juri Gagarin Album. Nächstes Jahr kommen dann die neuen Alben von Bratze, Egotronic, Frittenbude und Saalschutz und bestimmt noch einige Sachen mehr. Checkt www.audiolith.net für Neuigkeiten.

Zum Abschluss noch eine spekulative Frage: Bekanntermaßen ist das Konzept von Audiolith ein sehr freundschaftliches. Gibt es trotzdem Bands/Künstler die du gerne auf Audiolith rausbringen würdest, dies aber nicht stemmbar bzw. unrealistisch ist?

Wir hier bei Audiolith hab uns darauf geeinigt unsere Bands die wir über die Jahre begleitet haben noch weiter aufzubauen und mehr Energie reinzupumpen. Ich bin nicht auf der Suche nach neuen Bands. Der Umfang ist wesentlich größer geworden mit unserem neuen Verlag, der Audiolith Booking Agentur, die Artur Schock in Berlin betreut. Außerdem arbeiten wir an einer neuen Tshirtreihe und einer Singlereihe. Es ist viel zu tun.

Danke und auf die nächsten 50. Veröffentlichungen!!!

Ich danke dir!

cover_back

Die CD + DVD Compilition “Doin’ Our Thing” brennt ein ziemliches Feuerwerk an Beats ab und ist zudem randvoll gepackt, ergo Qualität und Quantität reichen sich die Hände. Den Auftakt macht Knarf Rellöm X und der Songtitel zeugt von programmatischer Herangehensweise und assoziativer Etikettierung. “Der neue Beat (Für Audiolith)” ist dann auch typisch Knarf Rellöm: ein wenig schräg, ein wenig eigenwillig,  doch ein guter Einstieg in den Sampler, denn nach den knapp drei Minuten hat man Bock auf mehr. Es folgt die erste Kollaboration und zwar zwischen den alten Hasen Egotronic und der personifizierten Frischzellenkur Frittenbude. Berlin trifft auf Bayern und das Ergebnis “Die Schande” geht in die Vollen und pumpt mit mächtig Druck durch die Boxen. Keine Überraschung,  aber richtig gut! Ähnlich fies ballert der neue Bratze Track “Pelikan” vor sich hin. Wird Zeit, dass Kevin und Norman den zweiten Longplayer nachschieben. Rockt das neue Album wie der hier vertretene Song, dann wird das ganz großer Sport, aber Füße stillhalten – dauert noch! Ein neues Lebenszeichen gibt es auch von den Schweizer Technopunks Saalschutz in Form einer standesgemäßen neuen Hymne names “Der Widerspruch”: …volle Kraft in keine Richtung!

“Give Or Take” von Juri Gagarin kommt mit weiblichen Vocals daher und weiß zu gefallen, während ClickClickDecker mit dem wunderbaren “Durch die Bank” die Rakete in Sachen Geschwindigkeit ein wenig drosselt. Mit dem Hamann’schen Erfolgsrezept Gesang-Gitarre und überraschenden Beatzutaten – toller Song. Die Kooperation Basslaster & Ira Atari drückt dann wieder auf das Gaspedal, während The Dance Inc. ein melodisches Ausrufzeichen in dem ihren Stil abliefern. Dass Frittenbude die ganze Bude abfackeln, wundert niemand mehr: “Jung, abgefuckt, kaputt und glücklich”, der Pyromane des Samplers! Ein tiefes Clubmonster von einem Track steuert Krink mit “Hoax (Noise Remix)” dazu – well done! Supershirt haben mit “Nachtjacke” aus was feines am Start, wobei Ausfälle ohnehin mit der Lupe zu suchen sind. Man hat beinahe den Eindruck, die vertretenen Künstler hätten allesamt nur die Pralinen des Konfektsortiments bereitgestellt. Das letzte Highlight, wobei die im Review ausgesparten Tracks keineswegs zu verachten sind, ist das Feature Der Tante Renate und M T Dancefloor. “Full Force Funky Fresh” tanzt nochmal in der Asche und kloppt die letzten Ruinen in Grund und Boden. Heftiger Stoff, wie man es von den beiden Protagonisten erwarten durfte. Wer jetzt noch nicht genug hat, kann ja gleich noch die DVD ins geeignete Abspielgerät verfrachten und sich an den 27 Videos ergötzen. Dabei sind Perlen wie “Hightowers Herz” von Bratze, “Wer hat mir auf die Schuhe gekotzt” von ClickClickDecker, “Mindestens in 1000 Jahren” von Frittenbude, “Raven gegen Deutschland” von Egotronic, Olli Schulz und der Hund Maries “Kaiserwetter”, The Dance Inc. mit “Don’t run to the suburbs” und etlichen mehr. Die absolute Audiolith-Vollbedienung in jedem Fall!!!

Für lau gibt es übrigens noch das nicht auf dem Sampler vertretene Ultrnx vs. Ira Atari – “Doin’ our thing”. Hier der Link!

Morrissey: Year of Refusal

Die simple, aber signifikante Gebrauchsempfehlung “Play very loud” prangt auf dem Backcover von Year of Refusal, doch Grund zur Sorge dürfte der Urheber des Albums kaum besitzen. Die Songs seines mittlerweile neunten, regulären Studioalbums stürmen und drängen mit derartiger Vehemenz aus den Boxen, dass sich ein solcher Hinweis wahrlich erübrigt. Morrissey unterstreicht mit einer Großtat von einem Tonträger seine absolute Ausnahmestellung in der Manege des weltweiten Musikzirkus. Es ist schier unglaublich, wieviele an Perfektion grenzende Lieder aus der Feder Morrissey´s sprudeln und sein bereits bewundernswertes Oeuvre  weiter bereichern. Sollte Steven Patrick M. tatsächlich seine musikalische Laufbahn in näherer Zukunft beenden, “Year of Refusal” wäre ein wahrhaft würdiger Endstein. Read more »

Eagles of Death Metal: Heart On

Eigentlich bin ich kein großer Fan von tonnenweise Testosteron schleudernden Bands wie den Eagles of Death Metal, die bekanntlich kein RRRCK-Klischee unzitiert lassen können. Oberproll, Megamacho und Oberlippen-Schnurrbart-Träger Jesse Hughes wirkt jetzt auch nicht gerade integrativ und sympathisch, doch dann kam die Werbung eines bekannten Sportschuhherstellers mit dem großartigen “Don’t Speak (I Came To Make A Bang!)”. Nun fing meine Voreingenommenheit allmählich an zu bröckeln und mit dem ersten Free Download  “Wanna be in L.A.” aus dem neuen Album hatte sie mich dann. Mit recht! Read more »

Egotronic: Polarisieren auf der Tanzfläche

Album Nummer 3 und um das Fazit vorweg zu nehmen: Es ist bei weiten nicht alles nachvollziehbar, was Egotronic dem Hörer an Output um die Ohren hauen. Bewusste Abgrenzung auf brodelnden Beats und Party, Party, Party. So kommt zusammen, was für die Berliner zusammen gehört: Klare Positionsbeziehung, Sendungsbewusstsein und die Tanzfläche.

Die Grundaussage des selbstbetitelten Albums wird schnell klar: Es geht darum zu zeigen, dass Politikbewusstsein und Clubkultur durchaus zusammen gehen. Muskalisch sind die 12 Tracks das bislang ausgefeilteste, was Torsun & Co produziert haben. Es knallt jedoch nicht mehr als nötig und die Bandbreite der verwendeten Elemente wurde definitv erhöht. Dennoch fehlt ab und an der letzte Kick. Highlights sind definitiv der Opener “Berlin Calling”, “What I don´t do” featuring Dance Inc. oder “Egotronic vs. Rampue”.

Konkrete Inhalte werden allerdings selten transportiert, abgesehen von der kritischen Single “Kotzen” gegen Deutschtümmelei zum Beispiel, und das Album scheint vor allem Gebrauchsmusik zu präsentieren: Feierei ohne Grenzen. Man muss sich schon fragen, warum aus dem offensichtlichen Selbstbewusstsein und Selbstverständnis heraus nicht mehr gesellschaftliche Missstände angeschnitten werden. Trotz so manch nachvollziehbarer Ansichten weiß man nicht genau, wohin die Reise jetzt gehen soll. Tracks wie “Verspult” oder “Tanzen gehen” wirken doch zu stumpf um den gewollten Brückenschlag zwischen Politik und elektronischer Musik zu bewerkstelligen. Gerade so etwas kann dazu führen, dass doch viele Leute Egotronic hören werden, die die Band eigentlich gar nicht auf ihren Shows haben will. Ein durchaus hausgemachtes Problem also, die Hymnen wie “Unser Spaß sieht anders aus” nötig machen.

Egotronic und ihr Ravepunk werden auch mit Album Nummer 3 wieder viele Leute begeistern, da bin ich mir sicher. Mit ihrern z.T. kompromisslosen Ansichten und dem Kokettieren mit diesen, muss man jedoch etwas anfangen können. Musikalisch ein durchaus interessantes Album, im inhaltlichen Bereich bleiben doch ein paar Fragen offen. So oder so: Egotronic werden sich auch in Zukunft nicht verbiegen und die Kids werden sie dafür lieben. So viel steht fest!

Portugal. The Man: Censored Colors

Mit einem großen Knall tauchte die Band mit dem merkwürdigen Namen 2006 auf der Bildfläche auf und ihr Erstlingswerk wurde in den einschlägigen Gazetten reichlich abgefeiert. In der Tat bot ihr Debüt ‘Waiter: „You Vultures!“ ‘ eine atemberaubende Achterbahnfahrt aus Indierock, Postcore, Soul und weiteren Anleihen. Gelungene Klang-Collagen, die ganz locker aus der Hüfte und auf ganzer Linie überzeugen konnten. Exotik pur aus Alaska und eingängig oberndrein. Bereits ein Jahr später folgte, nach einer EP um die Wartezeit zu überbrücken (sic!), mit ‘Church Mouth’ der zweite Streich und was für einer! Portugal. The Man waren schon noch als die selbe Band zu erkennen, jedoch klang das neue Album eher nach New Orleans als nach Alaska. Dreckig-erdiger Blues/Gospel/Rock dominierte das rundum erneuerte zweite Album. Umso konsequenter und folgerichtig ist es doch, dass mit ‘Censored Colors” wiederum nur ein Jahr später ein weiterer Tonträger veröffentlicht wird, der erneut für überrascht-verzückte Gesichter sorgen dürfte. Read more »

Sten Fisher: Simple Things

Gute Singer/Songwriter kommen aus Amerika! Stimmt genau, aber nicht nur. Sten Fisher aus Köln tritt den Beweis an, dass man für anspruchsvolle Vertreter dieses Genres nicht zwangsläufig jenseits des großen Teichs suchen muss. Sein Debütalbum “Simple Things” regelt den Puls des Hörers auf gemütliche 50 Schläge pro Minute hinunter und polstert ihn auf einem Sofa der Gelassen- und Zufriedenheit. Melancholisch, abwechslungsreich und mit eindringlicher Stimme vorgetragen, sind diese 11 Songs eine Oase. Versprochen! Read more »