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Justus Parker: Exil oder Disko

justus-parkerZwischen Indiepop-Niedlichkeit und post-punkiger Trennschärfe liegt ein immenses Stück Acker, das im brachliegenden Zustand zunächst eine menge Arbeit verspricht. Justus Parker spannen allerdings weder den Diskursgaul vor ihren Albumpflug “Exil oder Disko”, obwohl man das bei der Catch Phrase im Titel erwarten dürfte, noch wirkt die Band aus Düsseldorf/Köln/Wuppertal bei besagter Ackerbestellung irgendwie angestrengt.

Die ersten Songs des gerade veröffentlichten Longplayers zappeln und hibbeln sich gleich ins Aufmerksamkeitszentrum, was gleichsam an der treibenden Gitarrenarbeit und dem angenehm hysterischen Gesang liegt. “Unter Menschen” gibt entsprechend die Marschroute vor, schubst hinein – rüttel, rüttel – und dann: da sein gegen Dasein. “Durch den Nebel, ein paar Sterne/Ohne Kompass, ihre Glut/Großer Wagen, nee, Laterne/Schwere Schritte, träges Blut.”

Wer jetzt noch nicht versteht, was bei Justus Parker Sache ist, wird bei “Ich erhöhe meine Geschwindigkeit” belehrt. Beinahe zu eingängig wird hier gefuhrwerkt und doch kann man sich dem Drive der fünfköpfigen Band keineswegs entziehen. Textlich angemessen plakativ, könnte man sagen und falls sich der Eindruck einstellt, dass kontemporärer Indierock in deutscher Sprache Befindlichkeitsfixiertheit nicht mehr angemessen und in der rijustus-parker-21chtigen Dosis in Worte hüllen kann: “Zwischen auf die Barrikaden,/Selbstzerstörung und Blockade/Lieg ich wach und denk an nichts/Und bin allein.” Verkopft geht anders. Dennoch, ein wenig kryptischer dürften die Texte schon sein, obwohl Musik und Wort  klanglich sicher durchgehend symbiotisch wirken. Zwischen Exil und Disko liegt halt Alltag und dieser speist beispielsweise das schön vorwärts drängende “Das muss wohl Liebe sein”.

Gefällig ist sicher auch das radiokompatibele “Tanz, Baby (Solange du noch kannst)” und der Energielevel bleibt lobenswert oben. Letztlich kann man sich aber nicht dem Eindruck entziehen, dass Justus Parker ein wenig mehr von der dem Kameraden Post-Punk immanenten Kantigkeit gut stehen würde, eine Nuance mehr greifbare Gefahr, ein wenig mehr Diskurs und Ellenbogen. “Paläste aus Glas” geht eher in diese Richtung, kann sich den catchy Refrain jedoch auch nicht verkneifen, denn Justus Parker buchstabieren Pop stets in Großbuchstaben. Von “Am Ende kommen Touristen” lässt man sich schlussendlich gerne aus dem Album schmeißen, wobei mit dem Hidden Track noch einmal ein atmosphärischer Schlussstein gesetzt wird.

Mit “Exil oder Disko” haben Justus Parker, um doch noch ein Fazit zu ziehen, ein eingängiges, zumeist gefälliges Album eingespielt, das der Band noch die ein oder andere Türe öffnen könnte. Dem Rezensenten hätte jedoch ein wenig mehr Türeintreten statt Anklopfen besser gefallen.

Gang Of Four: Referenzredundanz

gang-of-fourFranz Ferdinand, Bloc Party, The Rapture, Radio 4, Foals – die Liste der erfolgreichen so genannten Indie-Bands, deren nervös-zackiger Stil sich  in den letzten Jahren als Trademark herausgebildet hat, wäre problemlos weiterzuführen und alle, wirklich alle genannten Stilanleihen lassen sich auf eine Band zurückführen, die so gesehen ordentlich ausbezahlt werden müsste. Die Rede ist von Gang of Four, die bereits 1978 mit ihrer ersten Single “Damaged Goods” das Phänomen vorwegnahmen, dass 30 Jahre später den sinnfreien Stempel Dance/ Disco Punk aufgedrückt bekommen hat. Der unterkühlte Charme dieses rhythmischen Stompers ist nach all den Jahren vermutlich immer noch genauso betörend, wie er 1978, ein Jahr nachdem Punk bereits den Zenit überschritten hatte, auf die damaligen Zeitgenossen gewirkt haben muss. Die vierköpfige Band aus Leeds hat jedoch noch weit mehr als nur diesen einen von Oxidation verschonten Gassenhauer zu bieten. Allein das Debütalbum “Entertainment” gilt mit Recht als Post-Punk Manifest, das mit “At Home He’s A Tourist” einen weiteren Meilenstein der Bandgeschichte enthält, der quasi als Blaupause für The Rapture & Co figurierte. Die Trennschärfe zu den musikalischen Nachfahren ergibt sich allerdings durch den starken sozialkritischen Gestus mit den Gang of Four auf den Plan traten und der sie von vielen der heute aktiven Bands unterscheidet.

Dass Jon King, Andy Gill, Dave Allen (nach 1981 ersetzt durch die Bassistin Sara Lee) und  Hugo Burnham jeder Zeit bereit waren für ihre Ideale einzutreten, düfte in der Frühphase von Gang of Four auch der britischen Yellow Press nicht entgangen sein, da die Band für mehr oder weniger handfeste Skandalen bekannt wurde. Mit dem in der damaligen Verhütungsdiskussion kontrovers aufgefassten “At Home He’s A Tourist” kam es bei Top Of The Pops zum Eklat, da die Band den Text des Songs nicht abändern wollte. Neben diesem beinahen zum Klassiker für Bands avancierten Zwischenfall bei dem bekannten Fernsehformat, kam es u.a. bei einem Konzert in ihrer Heimatstadt Leeds zu einer Massenschlägerei, die für alle vier Musiker im Krankenhaus endete. Grund: zu große Lautstärke. Dennoch sei noch einmal zu betonen, dass Gang of Four mit einer Mischung aus politischem Sendungsbewusstsein und einem innovativen Sound – gespeist aus kühl-minimalistischen Songstrukturen, gezielten Kracherruptionen, messerscharfen Bassläufen und groovenden Dub-Rhythmen – ihre Bedeutung für die musikalische Nachwelt generiert haben.

1984 aufgelöst, ab 1990 reformiert war der Zauber der ersten Alben “Entertainment!” (1979), “Solid Gold” (1981), “Songs Of The Free” (1982) und “Hard” (1984), wobei vor allem die ersten beiden Longplayer Grundlage für die noch heute anhaltende breite Rezeption sein dürfte, leider verflogen. Eigentlich sicher legitim, dass die Band vor einigen Jahren versuchte an dem Erfolg ihrer Epigonen zu partizipieren, doch das 2005er Album “Return The Gift”, welches Remixe von Yeah Yeah Yeahs, Ladytron, Hot Hot Heat, Dandy Warhols etc. und Neuinterpretationen ihrer vermeintlich besten Stücke enthielt, darf getrost ignoriert werden. GO4 ist in jedem Fall eine der wichtigsten und einflussreichsten Bands der Post-Punk-Ära, so dass es kaum verwundert, dass in vielen zeitgenössischen Musikrezensionen der Leeds Vierer immer noch erwähnt wird, auch wenn die Band nie über den Status als unbequeme Band aus dem britischen Underground herausgekommen ist, um das ganze ahistorisch zu zuspitzen. “Entertainment!” sollte man also zumindest mal gehört haben, wenn man sich für eingangs genannte Bands begeistern kann.

Pillow Fight Club: About Face And Other Constants

Es ist schon zum Teil skurril, was einem als Rezensenten so ins Haus geflattert kommt. Manchpillow_coveres ist zum ab- anderes zum drangewöhnen. Im Falle von About Face And Other Constants, dem zweiten Album der aus Frankfurt am Main stammenden Pillow Fight Club, hat man es eher mit einem postalisch verschickten Schachtelteufel zu tun. Statt “Pop Goes The Weasel” erklingt beim Öffnen der Box verspielt-atmosphärischer Post-Punk, der zudem durch ausströmenden Nebel zusätzlich visualisiert wird. Die Damen und Herren vom Pillow Fight Club scheinen sich jedoch nicht recht entscheiden zu wollen, ob sie in Richtung Anvantgarde und gen Pop-Horizont rennen wollen. Hauptsache die Beine bewegen sich erst einmal. Das hat aber so gar nichts mit dem Olympischen Gedanken zu tun, sondern vielmehr mit der Überwindung von Konventionen oder zumindest mit dem spielerischen Umgang mit solchen.

Vieles auf About Face And Other Constants mutet geradezu wie der unpeinliche Gegenentwurf zu Radiopop an, z.B. wenn die Band in “This is your song” fast traditionelle Folkpop-Elemente übereinander schichtet bis eine ganz possierliche Songchimäre aus den Boxen kriecht und kurz grüßt. Der geradlinige Post-/Dancepunk-Kracher “Not Interesting” ist gefällig, textlich allerdings leicht verstörend. Fassen wir zusammen: You dance like a fuck, so you fuck like a duck. Und weiter: Sorry, that’s not interesting. Merkt euch das, verdammt. Hervpfc-bandorzuheben ist in jedem Fall der prägnante Gesang von Valentina Trovato, die mit ihrer Stimme unterschiedliche Stimmungen zu generieren weiß. Von verträumt-einfühlsam (“No Gravity”) bis unterkühlt-verkopft (“Mirror Star”) ist es im Pillow Fight Club gerade mal ein paar Schritte durch den Raum. Dass die Band ihre Lektionen verinnerlicht hat, beweist sie in dem wunderbaren Artpunk-Hit “Some Other Day In A Lightyear” oder dem partiell gallopierenden “The Greatest Wave”, Zeugnis durchaus originellen Songwritings.

Nicht alles ist gleich bemerkenswert auf About Face And Other Constants und es fällt schwer eine Vergleichbarkeit zu anderen Bands herzustellen, da Pillow Fight Club ihr eigenes Süppchen kochen und z.T. leicht widersprüchlich würzen, doch genau das spricht doch uneingeschränkt für das soeben erschienene Zweitwerk der beiden Damen und beiden Herren. Daumen hoch für dieses Jack-in-the-Box-Album, das neben dezent platzierten Knalleffekten reichlich Platz für innere Einkehr bietet.