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Dexys Midnight Runners: 3 Dekaden und keine Zielgruppe?

dmr30Als 1980 der Punk-Kessel längst übergekocht und sein heißer Trendsud bis in die entfernteste Gesellschaftsspalte gelaufen war, schickten die Dexys Midnight Runners ihr Debütalbum Searching for the Young Soul Rebels ins graue Vereinigte Thatcher-Königreich und überführten mit diesem das britische Phänomen Northern Soul in ihre Vorstellung von Popmusik. Nun erscheint eine 30th Anniversary Special Edition des Soulpop-Albums, was angesichts des gebotenen Inhalts ein wenig merkwürdig anmutet. Einerseits ist es gut, dass diese Band, die sich schon zu Zeiten des Debütwerks in die Sofaritze der Subkulturen gesetzt hat, wieder dem Mainstream-Publikum über den Überhit “Come On Eileen” (1982) hinaus bekannt gemacht werden soll, doch andererseits ist die Jubiläumsversion nur etwas für die Hartsterbenfans.

Der doppelte Silberling bietet auf der ersten CD Searching for the Young Soul Rebels in der Digital Remastered Version aus dem Jahre 2000, die inzwischen für die sprichwörtliche Appel-Ei-Kombo erhältlich ist. Diese aufgemöbelten Aufnahmen sind in der Tat sehr gelungen, waren sie auch schon anlässlich des zwanzigjährigen Geburtstags des Originals. Die Berechtigung für eine erneute Wiederveröffentlichung steht und fällt also mit der zweiten CD und die schöpft tief aus dem Raritäten-Fundus der Band. Da wären 5 unveröffentlichte Demosongs vom 10. Januar 1980, die sogenannten Manchester Square Demos. Zudem weitere B-Seiten, die inzwischen digital überarbeitet wurden, die John Peel Session der Mitternachtsläufer und die BBC-Session aus der Radiosendung des Kanadiers David “Kid”‘ Jensen. Insgesamt also 21 weitere Songs, die das Werk der Band um Sänger Kevin Rowland vervollständigen, durchaus auch bereichern.

Leute, die sich erstmals mit Dexys Midnight Runners sollten weiterhin die 2000er Variante von Searching for the Young Soul Rebels beziehen, Sparfüchse seid wachsam. Und wer kauft jetzt die 30th Anniversary Special Edition? Hallo, Zielgruppe? Bist du da, noch da? Da jedoch der Blue-eyed Soul interessant, tanzbar und relevant war und heutzutage noch ist, besitzt die Geburtstagsedition des Albums definitiv eine Daseinsberechtigung und Value for Money gibt es dabei auch. Also einfach über den Raritätenschnickschnack freuen und die Sorgen um die Musikindustrie sollen sich andere machen. Die Was-soll-das?-Frage darft vertagt werden.

Good Weather Girl: Boon

nn_digi2“Teenage Dreams Aren’t So Hard To Beat” ist auf dem nagetier-besetzten Sattel zu lesen, der das Albumcover von “Boon” ziert. Diese Antwort auf “Teenage Kicks” von den Undertones stammt von einem musizierenden Geschwisterpaar aus London, welches unter dem Namen Good Weather Girl den naiv verschrobensten und gleichzeitig unerwartet schönsten  Lo-Fi-Pop-Entwurf der Saison ins Rennen schickt, sich einen Underdog-Startplatz im Wettlauf um die Herzschmerztrophäe 2010 sichert.

Dion October und Shem Lucas sind als Homerecording-Entdeckung in der Tat ein Glücksgriff für das Label Hazelwood, denn die 14 auf “Boon” vertretenen Stücke gehören definitv in die Kategorie “besonders” und nach bereits einem Hördurchgang kann man bedenkenlos noch das Appendix “-wertvoll” anhängen. Die kindliche Stimme der singenden Dion October konterkariert dem Anschein nach die in den Texten immanente Zerbrechlichkeit und genau das macht den großen Charme des Schwester-Bruder-Debüts aus. “Neon Coloured Town” oder “Black Coffee Days” oszillieren beispielhaft zwischen den Polen Zuckersüße und Bitterpille und das in bewegender Manier. Um den Bogen zurück zu den Undertones zu spannen, kann man in frei zitierender Weise zu den 14 Songs nur anmerken: I wanna hold them, wanna hold them tight…

Erik Penny: Schlaglichtpop

bendImaginäre Feuerzeugflammen züngeln in der lauwarmen Albumnacht namens “Bend”, dem neuen Longplayer von Erik Penny. Der in Berlin lebende und aus den USA stammende Singer-Songwriter  steht für eingängigen folkPOP, der traditionell geprägt erscheint und stets in Richtung Kitsch zu Kippen droht und dennoch nicht fällt. Penny behält mittels der ihm eigenen, warm-durchdringenden Stimme die volle Kontrolle über die 12 Seelentröstern von Songs. In den besten Momenten auf “Bend” nähert sich der Wahlberliner aus Potsdam, New York der Intensität eines Elliot Smith an (“Cherry”), was referenztechnisch sicher nicht zum Nachteil gereicht. Dennoch hat der Vergleich links ein Holzbein und rechts einen Klumpfuß, da Penny statt einer brüchig-gequälten Stimme à la Smith mit vollem und selbstbewusst sicheren Gesang zu überzeugen weiß. Zudem sind die hier zu besprechenen Lieder wesentlich positiver und energetischer, wie beispielsweise “Side of the road” idealtypisch zu beweisen scheint. Besagter Song funktioniert zwar als solcher ganz hervorragend, dürfte aber auch als Soap-Soundtrack oder im Adultpop-Radio der Hausfrauenliga funktionieren.

Das ist gar nicht so abwertend gemeint, wie es sich vielleicht liest, sondern soll lediglich verdeutlichen, in welche Richtung der Hase namens Erik läuft. Nicht von ungefähr agiert Penny in der unmittelbaren Zukunft als Support für Ronan Keating. Man, man, man…! Insgesamt ist das Album, übrigens von Simon Fontzeck (Sir Simon Battle/ Tomte) coproduziert, bis ins Detail austariert und überzeugt auch was angemessene Instrumentierung anbelangt, beispielsweise das stimmungsvolle und doch dezente Cello im Titelsong (“Bend”). Stark ist auch “Say you’re crazy”, bei dem Erik Penny im puristischem Arrangement an die Nackenhaare appelliert, sich doch bitte aufzustellen, was entsprechender Weise als gelungener Rausschmeißer figuriert. Fazit? Durch und durch ein  Album mit einigen einprägsamen Hängenbleibern wie “Honey Please”, das (mir) insgesamt  beinahe zu professionell geraten ist und mehr Stadionflutlicht als Lagerfeuergeflacker ist.

My Glorious: Home Is Where The Heart Breaks

Wenn man so offensichtlich nur eine Richtung, nämlich aufwärts kennt, stößt man rasch auf Skepsis und Missgunst. Dass My Glorious diesen Weg mit einer Extra-Portion Selbtsvertrauen begehen möchten, my-gloriouszeichnet sich bereits durch Stimmigkeit von catchy Albumtitel und einprägsamen Artwork ab. Wenn dann noch die Musik des Tonträgers den geweckten Erwartungen gerecht wird, ist nicht nur Startrampe, sondern auch die Rakete vorhanden und dem Countdown folgt… die große Ernüchterung? Auf keinen Fall, auch wenn das Trio aus Österreich gar nicht so sehr nach Garagenrock klingt, wie der Beipackzettel zu suggerieren versucht. Passender ist schon die ebenfalls dort zu findende Verortung zwischen Foo Fighters und Coldplay, wobei eine Erweiterung des Namedroppings um Kings of Leon der Band aus Wien auch ganz gut zu Gesicht stehen würde. Die meisten Stücke auf “Home Is Where The Heart Breaks” sind im Midtempo-Bereich angelegt und bewegen sich mit expressiver Selbstsicherheit zwischen Melancholie, Schwermut und vertonter Trotzigkeit.

Der aus dem United Kingdom stammende Sänger und Gitarrist Samuel Fischer hält mit seinem markanten Stimmorgan die Songs in der Balance und figuriert als Dreh- und Angelpunkt des Albumgeschehens. Stücke wie “You Should Be Dancing” haben sich in der Ohrwurm-Marinade schön voll gesaugt, bevor sie von dem Trio gemeinsam kross gebraten werden. Bei dem wunderbaren “Blur Horizon” drängt sich eine Audioslave-Assoziation auf, was hier im Kontext keinesfalls negativ zu deuten ist. “Break My Heart” geht angenehm nach vorne, was man sich auf Albumlänge öfters wünschen würde, denn gerade hier scheinen Bandstärken zu finden zu sein. Ambitionierte, sich an die 7 Minuten Grenze orientierende Stücke wie “Under The Water” tauchen entweder ab oder wagen wie “Use Me” gleich die Arschbombe vom Zehn-Meter-Brett. Letztgenanntes ist in der Tat wirklich remarkable. “Atmosphere” versucht sich ebenfalls recht gelungen am Stimmungsspagat und alles in allem dürfte die Schnittmenge zwischen Alternative-Rock und Pop-Appeal bei einem breit angelegten Publikum gut ankommen. Mein Fall ist das nicht zu 100 Prozent, aber die Qualität des Dargebotenen ist schon beachtlich, so dass für die Band in Zukunft noch was gehen dürften. Destination oben!

mob: Mich kriegt ihr nicht

mob_coverBeharrlich besteht die Band darauf, dass man ihren Namen konsequent mit Minuskeln, also durchgehend klein schreibt, was angesichts der großartigen Musik von mob beinahe unangemessen bescheiden anmutet. Wodurch diese spezielle Schreibweise gespeist wird, soll an dieser Stelle nicht länger Gegenstand der Betrachtung sein, vielmehr das sehr hörenswerte Album Mich kriegt ihr nicht der Band aus Wien in den Fokus des Interesses gerückt werden. mob überzeugen auf ihrem Debütalbum mit unprätentiös-intelligenter Popmusik, deren textlicher Tiefgang wahrlich beeindrucken kann. Weit südlich von Hamburg und Berlin haben die vier Österreicher in den 13 Liedern auf Mich kriegt ihr nicht ein Niveau erreicht, das den durch Musikjournalisten oftmals krampfhaft forcierten Vergleich mit Referenzkünstlern und ihren Wohnsitzen imgrunde überflüssig macht. Die knapp 45 Minuten ihres Erstwerks zeugen von ausgefuchstem Songwriting, das mittels Gitarre, Bass, Schlagzeug und Klavier einen am Optimum kratzenden Zustand erreicht, und wenn dann noch die gesungenen Texte von Raphael Sas gleichermaßen Ratio und Emotion fordern, dann kann man wohl zurecht von einer pfannkuchenrunden Sache sprechen.

Gleich bei dem titelgebenden Stück gelingt es mob mit rattenfängerischer Sicherheit, den Hörer auf ihre Seite zu ziehen, Solidarität evozierend: “Diesmal holt mich keiner von euch ein!” Der vom Soloprojekt zur vierköpfigen Band avancierte mob bindet auch in der Folge den Hörer an die Ruhe ausstrahlenden und doch so kraftvoll wirkenden Lieder, beinflusst duch “die schönen und die nicht so schönen Seiten des Lebens”. Das Spektum reicht dabei von traumgleichen, verschlafenen Balladen wie “Was es war” bis zu mitziehenden, zum Tanz einladenden Nummern wie das klartext speiende “Schlag dich”, letztgenanntes ein absolutes Highlight in bester Gesellschaft. Ähnlich furios fahren “Sterne” und “Für uns” in die Glieder und stets sind es die intimen Momente auf Mich kriegt ihr nicht, die besonders in Erinnerung bleiben (“Du bist gegangen”). Gerade diese heterogene Mischung der 13 Lieder, die spannungsreichen Kontraste des Albums fesseln den Hörer bis zum Schluss, bis das sich an die 6 Minuten herantastende “Die Musik” noch einmal ein Glanzlicht setzt und Raphael Sas seine kernig-prägnante Stimme zum letzten Mal erhebt. Zwischen opulent und dezent finden mob ihren Weg und folgen diesem konsequent – ohne Seitenblicke, ohne Vergleiche.

Mich kriegt ihr nicht ist auf Problembär Records, einem Wiender Indie-Label, erschienen und kostet gerade einmal 10 Euro.


mob “Mich kriegt ihr nicht”


mob | MySpace Video

Setting Sun + Quitzow (Steinbruch, Duisburg)

30.11.08
20:00

Was: Originalton mit zwei US Bands mit Liebe zum Folk, schrägem Pop und elektronischen Spielereien:

“Beide scheren sich den Teufel um Schubladen. Beide mischen Folk, Pop, Indie, Electronic, Klassik und Post-Punk. Erica Quitzow ist Sängerin und Multiinstrumentalistin der gleichnamigen Band Quitzow. Gary Levitt ist Sänger und Gitarrist der Band Setting Sun. Beide verbindet mehr als das gemeinsame Label. Beide schreiben Songs. Getrennt oder zusammen. Beide touren gemeinsam. Dann spielt Erica Quitzow bei Setting Song Violine und singt. Andersherum wird ähnlich verfahren. Gary Levitt bedient den Bass und setzt sich bei Quitzow hinter das Drumset.

Beide verbindet die Liebe zum Folk, leichten, schrägen Pop und die elektronischen Spielereien der Siebziger. Das klingt oft schräg, aber unbedingt interessant. Während Quitzow mehr mit elektrischen Sounds experimentiert und streckenweise Subversives a’la PJ Harvey zu hören ist, gelingt Setting Son öfter der Spagat zwischen schrägem Folk und eingängigen, poppigen Melodien.

Wo: Steinbruch (Duisburg)

Wieviel: 5 Euro VVK / 7 Euro AK

Wallis Bird: Gegen jeden Widerstand

Wenn man sich mit der 26jährigen Irin Wallis Bird beschäftigt, so stolpert man unumgänglich über die unvollstellbare Tragödie, die ihr im Kleinkindalter widerfahren ist. Bei einem Unfall wurden der gerade einjährigen Wallis alle fünf Finger der linken Hand durch einen Rasenmäher abgetrennt. Zum Glück gelang es den Ärzten zumindest vier der verlorenen Finger wieder anzunähen.

Für die musikbegeisterte Wallis war dies aber kein Hindernis um ihr Lieblingsinstrument zu erlernen, sondern eher ein weiterer Ansporn. Lediglich die Art und Weise wie Wallis ihre Gitarre hält, mutet seltsam an, denn sie spielt als Linkshänderin eine umgedrehte Rechtshändergitarre. Ihre Folkpop Lieder arrangiert Madame Bird jedoch auf die genau richtige Weise und somit ist nicht nur ihre Story, sondern sind auch ihre Songs sehr hörenswert. Read more »

Nils Frevert im Pretty Vacant

20.05.08
20:00

Was: Nils Frevert live – Indiepop mit Gefühl…

Wo: Pretty Vacant (Düsseldorf)

Wieviel: 10 Euro AK

Scanners im Djäzz

09.05.08
20:00

Was: UK-Indierock/pop mit den Scanners im schnuckeligen Djäzz. Wird bestimmt super…Support: Dellplatz (Indiepop aus Duisburg). Anschließend: Burn The City – Independent Supreme Club

Wo: Djäzz (Duisburg)

Wieviel: TBA / Party: 4 Euro

TON: Wir haben die Zeit sie uns zu nehmen

Das Allerschlimmste, das es gibt
sind Ex-Punkbands, die heute Popsongs
spiel’n und dir die Welt erklären — (Kettcar)

Ist das wirklich das Allerschlimmste? – Keineswegs.

Viel schlimmer ist es da, das Gefühl zu haben sich für seine Art Musik zu machen rechtfertigen zu müssen. Zum Beispiel wenn man vom Punk zum Pop gekommen ist – wie der Sänger von TON. Read more »