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David Bazan: Löwe/Maus/Herzsaft

bazanOft ist es lediglich eine Akkumulation von Zufällen, die dazu führt, dass ein begabter Künstler Zuspruch und Bekanntheit erlangt. Im Falle von David Bazan hat dieser nicht kalkulierbare Mechanismus nur bedingt funktioniert. Von 2000 bis 2004 hat Bazan mit Pedro The Lion eine wunderbare Albumtrilogie via Jade Tree veröffentlicht, doch außer einer eingeschworenen und restlose begeisterten Inside-Crowd hat fast niemand von “Winners Never Quit”, “Control” und “Achilles Heel” Kenntnis genommen. Der mal stürmische und oft melancholische Indie-Folk von Bazan und seinen Begleitmusikern blieb Geheimtipp und Pedro figurierte mehr als graue Maus anstatt als leo rex. Dabei ist die Ambivalenz des Prozesses kaum übersehbar, denn einerseits konnte man sich freuen, diese emotionalen Kleinode für sich allein zu haben, andererseits hätte man es David Bazan mehr als nur gegönnt, dass seine Stücke eine breitere Rezeption erfahren hätten. Schlimmer noch wiegt es sicherlich, dass Pedro The Lion und Bazan als Singer-Songwriter oftmals die TÜV-Plakette “Emo” verliehen bekommen haben, denn die implizite Negativ-Assoziation erscheint als völlig ungerechtfertigt.

Seit 2006 versteckt sich Bazan nun nicht mehr hinter dem Kinderbuch Alter Ego und veröffentlichte im vergangenen Sommer sein Solo-Debüt unter seinem bürgerlichen Namen. Das Album “Curse Your Branches” markiert eine Erweiterung des bazan’schen Klangkorpus und gestaltet sich als äußerst vielschichtig und abwechslungsreich, so dass es nicht nur den Holzfällerhemden  im Publikum gefallen dürfte, wenn er beispielsweise am 8. Februar in der Duisburger Konzertlocation Steinbruch auftritt. Mir persönlich gefielen die Pedro The Lion Geschichten ein wenig besser, doch das ist Jammern auf hohem Niveau und Bazans Debütwerk “an album of great music and great humanity”. (Barsuk Records)

Free Download: David Bazan – Bless This Mess aus dem Album “Curse Your Branches”

David Bazan auf Tour:

07. 02.10 Jubez (Karlsruhe)

08.02.10 Steinbruch (Duisburg)

09.02.10 NBI (Berlin)

Okkervil River: Black Sheep Boy (Definitive Edition)

black-sheep-boyEigentlich ist es ein Sakrileg, einen Beitrag zu diesem modernen Klassikeralbum mit einem platten Sprichwort zu eröffnen, but here it comes: Gut Ding will Weile haben! Zum ersten Mal überhaupt erscheint bald (18.12.) das 2005er Durchbruch-Album Black Sheep Boy von Okkervil River samt der, wie der Titel schon sagt, nachträglichen Appendix-EP nebst einem zusätzlichen Bonus-Song und das in doppelter Polyvinylchlorid-Ausführung. Der Veröffentlichungszusatz “Definitive Edition” ist also stichhaltig, was bei solchen kaufanregenden Labelmaßnahmen nicht immer selbstverständlich ist. Im Falle JAGJAGUWARs verbieten sich solche Unterstellungen ohnehin, denn gerade die Vinyl-Veröffentlichungen des Labels aus Bloomington (Indiana) präsentieren sich stets als Sorglospaket, sprich kommen mit dickem Vinyl, Hochglanz-Gatefold und zumeist mit Download-Code daher, aber zurück zum wirlich Wesentlichen, der Musik. Mit Black Sheep Boy hat sich Songwriter Will Sheff vor bald 5 Jahren beinahe urknallartig in die angsehenste Garde amerikanischer Songwriter katapultiert, obwohl es bereits das dritte Album der texanischen Band Okkervil River war.

Ganze Kübel voll güldenen Lobes haben sich über Sheff ergossen und dies beeinhaltet auch die populäre Tagespresse wie die New York Times. Gerade die poetischen Qualitäten sind es, die neben dem abwechslungsreichen Neo-Folk-Rock besonders hervorgehoben werden, beispielsweise sei hier das großartig-eingängige “Black” genannt, das auf der Label-Seite als Free Download bereit steht. Die nun auf der Doppel-LP mit veröffentlichten 7 Songs der Appendix-EP sind keinesfalls Restware oder gar Abfälle aus der Songwriter-Küche Sheffs, sondern vielmehr eigenständiges Qualitätsmaterial, das ein bereits grandioses Album noch einmal glasiert. Sahnehäubchen ist der bisher nur auf der “For Real” CD-Single enthaltende Song “The Next Four Months”, aber damit genug der bildhaften Sprache, die Will Sheff ohnehin viel besser, gar in Perfektion in seinen Lieder ausbreitet, so dass das Label keineswegs zu Unrecht von Märchen für Erwachsene spricht.

Wer Black Sheep Boy noch nicht sein eigen nennt, sollte  sich nicht lange grämen, dieses Album erst so spät für sich entdeckt zu haben, sondern rasch bei der Definitive Edition zu greifen, denn eines ist doch wohl klar, nämlich das Plattensammler und Nerds auch ganz wild auf diese erstklassige Veröffentlichung sind und wann und ob es Nachpressungen geben wird, wer weiß das schon. Also sollte man sich einfach mal von der versinnbildlichten Vortäuschung verknappter Ressourcen anstecken lassen, denn das hier ist kein Waffeleisen in einem Elektronikdiscounter, das ist Kunst für Audiophile.