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John Legend & The Roots: Wake Up!

legend-rootsWie geil kann denn Politik sein, dachten sich vermutlich auch John Legend und Questlove, seines Zeichens Schlagzeuger von The Roots, als sie sich mitten im 2008er US-Wahlkampf darauf einigten, den im Land herrschenden Spirit musikalisch einzufangen. Schon fast ist der damalige Hype um Obama und die erzeugte Politisierung von vermeintlichen Nichtwählern in Vergessenheit geraten und doch erscheint jetzt mit dem gemeinsamen Album des Soulsängers und der Organic Hip Hop Band ein musikalisches Zeugnis dieser bewegten Zeit.

Längst musste sich der ikonisierte, einstige Präsidentschaftskandidat den realpolitischen Zugeständnissen eines Amtsträgers beugen und das Haupt für Dinge hinhalten, die er originär nicht zu verantworten hat. So ist das nun mal. Die Euphorie ist verflogen, aber Wake Up! entschädigt im Kleinen, ist musikalisches Trostpflaster, ist Balsam für die…

Soul – in der Vergangenheit selbstverständlich politisch aufgeladenes Ausdrucksmittel der afroamerikanischen Community, ist dem Genre diese Qualität weitesgehend verloren gegangen. John Legend und The Roots beleben nun diese Tradition in beeindruckender Weise. Vornehmlich “soulful music from the 60s and 70s” haben die kollaborierenden Künstler herangezogen und diese für sich interpretiert. Dabei gehen sie angemessen behutsam zu Werke und das Ergebnis pendelt zwischen den Polen funky (“Our Generation”) und smooth (“Wake Up everybody”).

Selbst Offbeat-Klänge, sprich Reggae-”Wurzeln”, finden sich auf Wake Up! (“Humanity”), was im Albumkontext nur logisch sein kann. Und wer bei Songperlen, wie dem gospel-lastigen ” I Wish I Knew How It Would Feel To Be Free”, nicht verstanden hat, warum dieses Coveralbum seine Berechtigung hat und darüber hinaus absolut genial ist,  muss definitiv zurück in die Soul-Grundschule: Nachsitzen!

Professor Green: Alive Till I’m Dead

profgreenIst das jetzt die Quietscheentchen-Ausgabe von Mike Skinners The Streets oder doch eher Eminem auf Helium, der ein unbeschwertes Partyalbum bei Mark Ronson aufgenommen hat? Professor Green, 26jähriger MC aus East-London, ist in der Tat irgendwo zwischen den genannten Koordinaten zu verorten  und sein am 24. September erscheinendes Album Alive Till I’m Dead ist Good Mood Pop Rap für die Tanzfläche. Dass sich Stephen Paul Manderson alias Professor Green selbstironisch mit Vanilla Ice vergleicht, ist natürlich ein Klumpfußvergleich und doch sagt dies einiges über die Grundausrichtung seiner Songs und das Zielpublikum aus. Die echten Hip Hop Heads werden bei Professor Green abwinken und es sind eher die Kids, die besagten Mark Ronson oder meinetwegen auch Plan B abfeiern, die auf Alive Till I’m Dead einiges Unterhaltsames finden werden, auch wenn es immer wieder Schattenmomente gibt – The Streets like.

Natürlich macht man es sich irgendwie einfach, wenn man bei den ersten beiden Singles  jeweils bekannte Samples verbrät und die Songs nur knapp am Status Coverversion vorbeischrammen. Gut, die Zielgruppe wird sich vermutlich ohnehin nicht mehr an INXS erinnern, daher kann man “I Need You Tonight” einfach mal neu verwursten und dank des extrem eingängigen Sounds ist der Song auch ohne Erinnerungserlebnis ein – richtig – Hit, Hit, Hit! Die nächste Single “Just To Be Good Green” bedient sich schamlos bei einem anderen 80er Synthesizer Bestseller, nämlich bei “Just Be Good To Me” von den vergessenen S.O.S. und wenn dann noch Lily Allen die Hook singt, steht Great Britain mal wieder Kopf.

Bei “Oh My God” erklärt sich Professor Green kurzerhand als Rap’s George Best, den legendären nordirischen Fußballspieler („Ich habe viel Geld für Alkohol, Frauen und Autos ausgegeben, den Rest habe ich einfach verprasst.“) Abgesehen von dieser Selbststilisierung könnte “Oh My God” problemlos Single werden, wofür größtenteils der von Labrinth vorgetragene Refrain sorgt. Professors Greens lässiger Flow passt auch wunderbar zum Bassmonster namens “Jungle” und die nächste prägnante Hookline lauert bestimmt im Dschungeldickicht. Man könnte sich nun immer weiter an der Tracklist entlang hangeln und beispielsweise “Do For You”, den Dancefloor-Stomper “Falling Down” oder “Monster” loben und doch ist manches einfach zu hitig. Hier wird nichts dem Zufall überlassen und man könnte beinahe glauben,  Alive Till I’m Dead stelle den Versuch dar, das britische Shock Value zu kreiieren. In der Tat könnte auch mancher Beat und eingängige Refrain von Timbaland stammen, was je nach Gusto gut oder ganz schlecht sein kann. Sagen wir es mal so: Wer abwechslungsreichen, cheesy Pop Rap gutheißen kann, sollte  schnell “Alive Till I’m Dead” erwerben und für Professor Green bedeutet dies, ein heißer Eisen im Chartfeuer zu haben und genug Geld anzuhäufen, um auch weiterhin einen auf George Best zu machen. Kick it!

Professor Green: Alive Till I’m Dead (VÖ 24.09.2010; Virgin/EMI)


Dendemann: Vom Vintage verweht

vvwEy, wat will denn die Skepsis-Schickse hier? Die soll mal weggehen, aber dahin, wo der Flavour wächst. Ist ja schließlich die neue Dende und da hat die nix zu suchen. Apropros. Dendemeier hat auch die alternative Suchmaschine in Gang gebracht und zwar um sich selbst und das Publikum nicht zu langweilen, schließlich hat sich der Mann mit der unverwechselbaren Stimme seit “Die Pfütze des Eisbergs” mit der Ankündigung verschanzt, die Tür erst wieder aufzumachen, sobald er den Hip Hop neu erfunden hat.

Rundumerneuert ist in jedem Fall der Sound auf  “Vom Vintage verweht” und wie der Titel bereits implizit heraus posaunt, hat Dendemann offenbar die konsumierte Ambrosia vom Retrogott geborgt. Der neue Gesamtsound, den his Dendeness in “Freie Radikale GbRdH” treffender Weise selbst “Garagen-Rap” tauft, flirtet heftigst mit dem Phänomen, das man zu Glanzzeiten des “Judgment Night Soundtracks” Raprock oder Crossover nannte. Anfang der Neunziger, eher noch ein paar Jahr mehr zurückgehend – die Inspirationsquellen für die 13 neuen Tracks gehen also in eine ganz andere Richtung als das, was man heute unter der Bezeichnung  Rap subsumiert. Dendemann hat ohnehin des öfteren verlauten lassen, dass er mit großen Teilen des aktuellen Bollorap nicht viel anfangen kann. Absage also und zugleich ein Beastie Boys Album im Dendemann Turbomixer, ein ganzes Run DMC Retro-Rudel an Songs.

Zugegeben, der Anfang war nicht leicht: asi-Matte und “Stumpf ist Trumpf 3.0″ Video sind amüsant ohne Ende, doch irgendwie muss man sich erstmal rantrauen, an Dendes Update, aber dann…platzt der Korken mit Druck aus der Champuspulle. Gleich der Opener “Nesthocker” ist ein ordentlicher Banger mit eingängiger Hook, der live mit der rekruitierten Band ganz schön nach vorne gehen dürfte. “Stumpf ist Trumpf 3.0″ hat längst gezündet, auch wenn man das eigentlich gar nicht wollte. Die unbequeme Eingängigkeit von “V.N.D.” erinnert ein wenig an die “Das Schweigen Dilemma” EP und “0Robota” knarzt und brummt herrlich an allen Enden, Dendes Rage against die Maschine.

“Ist das Textniveau im Keller, kommt der letzte Storyteller/ und dann gibts mehr auf die Löffel als beim nächsten Uri Geller” (“Und wenn ja, warum?”) – natürlich ist er noch da, der sprühene Wortwitz des ehemaligen Eins, Zwo MCs. Der Junge kickt immer noch die krassesten Lines im ganzen Spiel, keine Frage. Im Albumkontext gibt es neben aller rockigen Sperrigkeit aber auch so liebliche Zwischenspiele wie “Petze” und tighte Bouncer wie den Inkognito-Titeltrack “Metapher than Leather”. Bei “Es geht bergab” übt sich Dende in seinem liebsten, neuen Hobby – dem Singen – und irgendwie ist die 8o’s Pop-Hommage gefällig, aber auch ganz schön überflüssig. “I’m a Record Junkie” tötet mit seiner heavy Schwerfälligkeit anschließend aber jegliche cheasy Melodei und zwar ohne mit der Wimper zu zucken. Irgendwie fehlen einem dennoch die ganz großen Wortgemetzel der guten, alten Volker Racho Schule und manchmal plätschert es dann doch nur dahin wie bei “Hörma!”, doch jedes kleine d hat ein großes Ende, man! Das abschließende “Papierkrieg” macht nochmal das Iglu zum Scheiterhaufen (remember “Sport EP” 1998), denn der überraschende wie eigenwillige Burner macht ein Tocotronic Sample zum Megahit. “Vom Vintage verweht” enttäuscht keineswegs, doch an den Vorgänger reicht der Longplayer nicht heran. Die Konkurrenz sieht trotzdem nur Dendes Hacken!

P.S. Was für ein großes Artwort!

typ:t.u.r.b.o. – “Mein Liebe fließt in Worte…

…und verbrennt in Gasturbinen.” Zum ersten Mal begegnete mir der Knallersong “Gasturbinen” im Set von Indie-Szene DJ Christian Vorbau und ich war ziemlich angetan. Soweit ist das ja alles nicht ungewöhnlich! Doch als ich nach gewecktem Interesse und anschließender Recherche feststellen musste, dass die Interpreten des Tracks typ:t.u.r.b.o. “unsigned” sind und eben ohne Label ihr Ding durchziehen, war ich schon erstaunt. Was Pat Panda, J-Cop und Lionel Cutz fabrizieren, ist nämlich nicht nur kurzweilig, sondern die Jungs aus Köln haben auch ihre Turbofinger am Puls der Zeit.

Auch wenn die Drei in den 90ern durch Hip Hop geprägt und sozialisiert wurden, betonen sie, dass sie eben keine Hip Hop Crew sind. Eine echte Absage, an eine völlig festgefahrene Szene? Natürlich stellt man sich somit ein Stück weit ins Abseits, doch der Mut zur Lücke lohnt sich. Ihr Sound speist sich aus verschiedenen Einflüssen und könnte als modern, elektronisch und tanzbar betitelt werden. Klischees und Genrebezeichnungen spielen gleichsam keine Rolle im typ:t.u.r.b.o. Universum und das, ist mehr als nur erfrischend. Doch die Kölner haben noch mehr zu bieten als andere elektronische Acts, die sich auch einer expressiven, leinenlosen Grundhaltung verschrieben haben. Beim genaueren Hinsehen findet man ein reflektives Selbstverständnis, dass man schon als eine Art Philosophie bezeichnen kann:

“Wir leben an der Bruchstelle zwischen Vergangenheit und Zukunft. Alte Traditionen kollidieren mit modernsten Technologien. Wir sind diese Generation. Wir sind das Produkt einer Entwicklung, deren Ergebnisse für niemanden mehr einsehbar sind.”

Schön zu sehen, wie viel Passion, aber auch Weit- und Scharfsicht in der Kombo mit der merkwürdigen Orthographie steckt. Selbstverständlich ist dies nicht und erinnert dadurch Ansatzweise an die scharfzüngigen Mediengruppe Telekommander, aber ohne dass sich dies nachhaltig in den Texten niederschlagen würde. Der Vergleich hinkt nämlich gewaltig, denn typ:t.u.r.b.o. erlauben sich zwar den Luxus anders zu ticken, doch bei ihnen geht es erstmal um Amüsement. Dies nicht erst seit eine gewisse Crew namens Deichkind durch den Tabubruch, die Genregrenzüberschreitung bundesweit ins Rampenlicht geschleudert wurden. Fakt ist, dass diese Art von Musik zur Zeit Hochkonjunktur hat und es zu kurz greifen würde, dies nur als einen vorrübergehenden Trend einzuordnen. Dass es immer unwichtiger wird, wie man die Musik nun nennt, die man mag, bringen die Kölner passend selbst auf den Punkt.

“Vielmehr distanzieren wir uns von jeglichen Klischees, die irgendeiner vorgeschriebenen Musikrichtung anhaften. Wir halten diese für störend und hemmend. Wir legen keinen Wert auf spezifizierte Musikrichtungsbezeichnungen oder ähnliche Barrieren. Diese schränken die Offenheit des Zuhörers für ‘Neues’ ein. Kurz gesagt: Wir wollen, dass die Leute tanzen!”

UPDATE: Einer der vielen Floorfillers der Compilation King Kong Kicks ist Gasturbinen von typ:t.u.r.b.o. – Meines Wissens nach eine der wenigen (einzige?) Möglichkeiten diesen Track auf CD zu erwerben – und dazu noch 24 weitere für nur 10 Euro…

Die Geschichte eines Samples: The Amen Break

Wie das sogenannte Amen Break, ein Schlagzeugsolo aus dem 1969er Lied Amen Brother der Soulband The Winstons zu dem am häufigsten genutzten Sample im Hip-Hop und der elektronischen Musik wurde, fasst dieser als Video verpackte Audio-Track schön mit Hörbeispielen zusammen. Welchen Einfluß 5 Sekunden einer B-Seite doch haben können…

TRUE LEGENDS: Alltime Classics of Urban HipHop Cluture (Djäzz)

25.10.08
23:00

Was: Mad Flava präsentieren TRUE LEGENDS Alltime Classics of Urban HipHop Cluture. “Ihr wollt einen ganzen Abend lang nur von dem Besten berieselt werden, was unsere Kultur zu bieten hat? Den alten Head-Nod-Effekt wieder genießen, bis man das Knacken hinten im Genick spürt. Am nächsten morgen aufwachen mit steifem Nacken, aber wissen, dass es die True Legends (Masta Ace, Gang Starr, EPMD, Wu-Tang Clan, Talib Kweli, Nas, BIG, J.Dilla………) waren, die euch das eingebrockt haben?”

Wo: Djäzz (Duisburg)

Wieviel: Nix! Eintritt frei!!!

Hip-Hop-Filme im ZDF

Das ZDF zeigt fünf Filme, die sich mit der Entwicklung der Hip Hop Kultur der letzten dreißig Jahre beschäftigen (Mehr Infos). Der viel gelobte Streifen Wholetrain lief bereits gestern, in den nächsten Nächten von Montag auf Dienstag folgen noch Wild Style, “Here We Come”, “Love, Peace and Beatbox” sowie “Lost in Music – Hip Hop Hooray!”. Tolle Aktion, aber zu den Zeiten… (via nicorola)