Posts Tagged ‘ Folk ’

Frank Turner: Recovery

Er ist der Charmebolzen unter den raubeinigen Sängern und Songschreibern. Und wer Frank Turner nicht mag, ergo nicht hört, hat wirklich was verpasst. Seit Kurzem kann man online das Video zur ersten Single aus Turners neuem Album “Tape Deck Heart” begutachten. “Recovery” ist wieder so ein wunderbarer Turner und Band im Rücken Ohrwurm geworden. The Sleeping Souls verrichten wie immer einen soliden Job im Hintergrund und ihr Frontmann glänzt mit durchdringenden Vocals.

Und doch darf es auf dem am 22. April erscheinenden Album noch ein wenig intensiver und mitreißender werden. Der Appetizer verstärkt in jedem Fall die Vorfreude auf den Longplayer, der in der Deluxe Version noch 6 Songs mehr zu bieten haben wird.

Was gibt es noch Neues im Hause Turner? Eine hübsch aufgemachte, neue Homepage zum Beispiel. Und das Album Artwork wird sich wohl alsbald auf dem ein oder anderen Unterarm wiederfinden.


 

Ferocious Dog: Gechichten von Höllenhunden und Hochzeiten

“If I had five million pounds I’d start a radio station because something needs to be done.” Die fünf Millionen Pfund hat Joe Strummer zwar nie gehabt, aber ich bin mir sicher, dass in seinen Playlists auch Songs von Ferocious Dog aufgetaucht wären. Die englische Folkband steht für vieles ein, was auch Strummer stets befürwortet hat. Mit Alltagspoesie und abwechslungsreichem Songwriting nimmt die sechsköpfige Band keine Rücksicht auf Genre-Grenzen und Erwartungshaltungen. Der praktizierte Mut, mit einer traditionellen Musikrichtung relativ frei umzugehen, erinnert wiederum an den legendären Gitarrenkönner Billy Bragg. Wenn Ferocious Dog jedoch sogar Offbeat-Rhythmen in einem schwermütigen Folksong (“Freeborn John”) gekonnt unterbringen, gehen einem endgültig die Vergleiche aus. Ferocious Dog bieten auf ihrem exklusiv in Deutschland veröffentlichten Album vieles an.

Mit gut gelaunten Pop-/Rock-Anleihen und süß schmeckendem Optimismus (“On The Rocks”) werden düstere Gedanken aus den Gliedmaßen geschüttelt. Zu Bewegung laden auch andere Songs ein. “Hell Hounds” geht mit dreckigem Folk Punk und infernalen Fidel-Ausbrüchen schwer nach vorne. Bei “Too late” wird es in der Tat erst spät rasant und “Pocket of Madness” kokettiert sogar ein wenig mit Polka und Balkan Klängen. Dass man es mit einer außergewöhnlich guten Band zu tun hat, merkt man jedoch bei den nicht so vor Experimentierfreude strotzenden Liedern. So strahlt die unverfälschte Schönheit von Songs wie “Criminal Justice” aus einem sehr gelungenen Album besonders hervor. Selten wurde eine vermeintliche Phrase wie “together we are strong” passender in Szene gesetzt. Das Album nimmt zudem im Verlauf an Tempo und Dramatik zu. Diese Entwicklung gipfelt dann in dem fantastischen Hymnus “Mairi’s Wedding Part II”, um an dieser Stelle vor lauter Begeisterung ein wenig die Pathoskeule zu schwingen. Ferocious Dog nennen ihren ungewöhnlichen Stil Speed Folk. Ich nenne ihn unbedingt und uneingeschränkt hörenswert.

Das Album ist vor Kurzem auf Weird Sounds Records & Promotion erschienen und kann dort ür 12 Euro als schickes Digipak bestellt werden. Alsbald sollte der Tonträger auch bei den großen Online Versandhandeln zu beziehen sein.

Dave Hause: C’Mon Kid

Dave Hause? Ist das nicht der von der Revival Tour? Richtig, auch Dave Hause gehört zu den musizierenden Buddies von Chuck Ragan. Hause war Jahre lang als Gitarrist und Sänger in diversen Punk-affinen Bands (Paint It Black/ The Loved Ones) unterwegs und versucht nun, mit ruhigeren Tönen und heart-rending Stories zu überzeugen. Ob ihm das gelingt?

Unbedingt, ja. Allein der Titelsong der hier besprochenen EP verleitet die Hörerin oder den Hörer dazu, nach dem Ende des Liedes sehnsuchtsvoll durch zu schnaufen. Das nur von Piano und Stimme getragene  “C’Mon Kid” überzeugt vollends durch springsteen-esker Atmosphäre und kommt einem somitt angenehm vertraut vor. So gut war Brian Fallon (Gaslight Anthem) schon lange nicht mehr.

Das doch sehr lo-fi anmutende “Prague” fällt als zweiter Song auf der A-Seite dann leider etwas ab. Ergänzt werden die A-Seiten, die auch auf dem Debütalbum von 2011 enthalten sind, durch zwei gelungene Coversongs von Lucero und den fantastischen None More Black. “Join the Army” (Lucero) strotzt nur so vor Kraft und “Oh, There´s Legwork” (None More Black) gefällt als Country Adaption. Tolle EP. Ach, ja. Wer sich noch intensiver für die Revival Tour interessiert, dem seien die von Chuck Ragan kompilierten und als Buch erschienenen Tour Stories ans Herz gelegt: The Roads Must Traveled.

The Strange Death Of Liberal England: Drown Your Heart Again

tsdole1Oftmals glaubt man, dass man zu abgeklärt sei, um von einem Album so richtig bewegt, auf dem falschen Fuß erwischt zu werden. Dass dies keinesfalls so ist, lehren The Strange Death Of Liberal England mit ihrem Album Drown Your Heart Again in erstaunlicher Manier. Ein quasi Konzeptalbum zum Thema Meer haben die fünf Briten aus Portsmouth eingespielt und so kann es kaum verwundern, dass dieses nach Sehnsucht, Euphorie, Melancholie, Einsamkeit und Lebensfreude gleichermaßen klingt.

“For me there has alsways been something  spiritual to the sea. It’s a place where people surrender their emotions, like a confession, literally leaving them behind,” so erklärt Sänger Adam Woolway seine Affinität zum Ozean. Man möchte Woolway angesichts dieser Worte augenblicklich die Hand schütteln und für den wunderbar pathetischen Kammerpop, den er schreibt, gleich in die Arme schließen.

Die Band von der englischen Südküste präsentiert sich auf Drown Your Heart Again in orchestralen, opulenten Arrangements und dennoch wird eine Funken schlagende Intensität erzeugt, die man sonst eher von minimal instrumentierten Liedern begnadeter Singer-Songwriter kennt. Beinahe hat man den Eindruck, dass Quintett verschieße sein Pulver bereits zu Beginn des Albums, zu spektakulär verhandeln die ersten Lieder das (musikalische) Sujet der Meererfahrung. “Flickering Light” erweist sich als Ausgangspunkt einer emotionalen Kreuzfahrt durch bewegte…nun ja…Gewässer, verlockt dazu, gleich noch einmal gespielt zu werden. Bevor man dies tatsächlich in Erwägung ziehen kann, übernimmt “Flagships” das Kommando und führt die Thematik in einen weiteren Idealsong und Woolway gibt mit seiner kräftigen Stimme den Dirigenten des Neptunus-Orchesters.

Die Single “Rising Sea” kann einen außerordentlich prägnanten Refrain ihr Eigen nennen und man muss dieser Komposition einfach Tribut zollen. Ein solcher Hit würde auch den zurzeit unvermeidlichen Arcade Fire ausgezeichnet zu Gesicht stehen, was in erster Linie ein großes Kompliment darstellen soll. Ohnehin möchte man den anderen Kleinoden, wie dem intimen “Autumn” oder dem polternd-stürmischen “Come On Young Philosophers!”, den gleichen Stellenwert einräumen. “Drown Your Heart Again” ist ein kohärentes Meisterwerk geworden, man muss so große Worte bemühen, um das Album angemessen zu charakterisieren. Überraschung gelungen und nun: “Get drunk and drown your heart again…”

The Strange Death Of Liberal England: Drown Your Heart Again (VÖ 22. Oktober 2010, DevilDuck)

Isobel Campbell & Mark Lanegan: Es knistert wieder

Manifeste Gegensätze  auf Albumcampbell-lanegan1länge und das bereits im dritten Anlauf. Mark Lanegan ist phänotypisch wohl eher als verlebt zu bezeichnen. Grunge (Screaming Trees) und Stoner Rock (Queens of the Stone Age) sind nicht spurlos an dem geschäftigen Musiker vorbeigezogen, was dann sowohl das ausgezerrte Gesicht als auch die verrauchte Stimme erklären dürfte.

Isobel Campbell hingegen war jahrelang dem schöngeistigen Twee Pop bei Belle & Sebastian verschrieben und hat die schottische Band als Cellistin, Keyboarderin und Vocalistin durchaus mitgeprägt. Das dunkelhaarige  Raubein und die feminine, blonde Mitdreißigerin werden auf dem am 24. August erscheinenden Longplayer “Hawk” erneut die jeweiligen Qualitäten in die Waagschale werfen und die Frage, ob sich nun der Literaturwissenschaftler oder doch eher der Ornithologe mit dem Albumtitel beschäftigen soll, darf an dieser Stelle getrost außen vor bleiben

Was die besagten Gegensätze anbelangt, werden diese nicht nur biografisch und durch das prä-kollaborative musikalische Schaffen unterfüttert, sondern zeigt sich vor allem im gesanglichen “Zusammenspiel”. Wenn Lanegans Whiskeykehle auf Campbells laszives Gehauche trifft, schwebt schon eine gewisse Spannung – ein atmosphärisches Geknister – als Platzhalter zwischen den beiden Protagonisten. Man gewinnt den Eindruck, dasscampbell-lanegan2 gerade diese Wärme erzeugende Reibung gesanglicher Natur den besonderen Reiz ihrer zwischen Americana, Folk und Blues mäandernden Alben ausmacht. Gerade bei den Stücken mit düsterer Stimmung muss man unweigerlich an das Nick Cave und Kylie Minogue Duett aus dem Jahre 1995 denken, aber nun zum bald erscheinenden Material des Duos Campbell-Lanegan .

Die beiden bei Myspace gestreamten neuen Songs “Come Undone” und “You Won’t Let Me Down Again” machen in der Tat neuigierig auf die aktuelle amerikanisch-schottische Co-Produktion. Gerade “Come Undone” mit seiner entspannt-bluesigen Stimmung mutet besonders gelungen an. Natürlich flanieren die beiden auf reichlich ausgetretenen Pfaden und doch könnte “Hawk” bei durchgehend hohem qualitativen Niveau eine lohnenswerte Sache darstellen.

The Bewitched Hands On The Top Of Our Heads EP

TheBewitched-45t-FINAL-Preview RECTOWer sich vom sperrigen Namen nicht abschrecken lässt, entdeckt hinter der wortreichen Fassade eine Band, die mit unwirklich schönen Avantgarde-Pop begeistern kann.  The Bewitched Hands On The Top Of Our Heads aus dem Nordosten Frankreichs, aus Reims um genau zu sein, schöpfen ihre Inspiration aus vergangenen Dekaden der Popmusik, in denen letztgenannte auch psychedelisch anmuten konnte, was heute kaum noch denkbar erscheint. Beinahe magisch schwebt der gleichnamige Opener ihre ersten EP “Hard To Cry” durch den Raum und hinterlässt noch nach dem Verklingen der letzten Töne eine Wärme ausstrahlende Aura. Geschichtete Stimmen, geschichtete Instrumente und doch wirkt alles so simpel und unangestrengt.

Die sechs Franzosen haben das Ohrwurm-Diplom im Handgepäck, so viel steht fest. Es ist schon erstaunlich, dass die Band es sich erlauben kann, einen sensationellen Songeinfall wie “Out Of Myself” nach gerade einmal anderthalb Minuten zu verwerfen und dabei wie Belle and Sebastian auf LSD zu klingen. “I’m In My Slim” weist ebenfalls Singalong-Qualitäten auf und praktiziert den Schulterschluss zum Hörer mittels dieses kurzen, eingängigen Folkrockers und ist wie jeder andere Song der EP soundtrack-kompatibel…für einen Arthaus-Film versteht sich. Wenn The Bewitched Hands On The Top Of Our Heads noch mehr dieser süchtigmachenden Melodien im Köcher haben, wird das im Herbst folgende Album ein richtiger Blattschuss.

Die “Hard To Cry” EP ist seit dem 23. Juli via iTunes zu beziehen

Villagers: Schakalwerdung

villagers2Bei Musik mit irischer Provenienz spuckt der mit Assoziationsvisualisierung vertraute einarmige Bandit drei Mal das gleiche Symbol aus: ein stark behaarter Bizeps der aus einem Karohemd hervor lugt, ein randvolles Guiness-Glas und eine Wandergitarre. Bei Villagers aus Dublin hat man es jedoch vielmehr mit entrücktem, nachdenklichem Indiefolk zu tun, der den zerbrechlich wirkenden frühen Alben der Bright Eyes relativ nahe steht. Read more »

Good Weather Girl: Boon

nn_digi2“Teenage Dreams Aren’t So Hard To Beat” ist auf dem nagetier-besetzten Sattel zu lesen, der das Albumcover von “Boon” ziert. Diese Antwort auf “Teenage Kicks” von den Undertones stammt von einem musizierenden Geschwisterpaar aus London, welches unter dem Namen Good Weather Girl den naiv verschrobensten und gleichzeitig unerwartet schönsten  Lo-Fi-Pop-Entwurf der Saison ins Rennen schickt, sich einen Underdog-Startplatz im Wettlauf um die Herzschmerztrophäe 2010 sichert.

Dion October und Shem Lucas sind als Homerecording-Entdeckung in der Tat ein Glücksgriff für das Label Hazelwood, denn die 14 auf “Boon” vertretenen Stücke gehören definitv in die Kategorie “besonders” und nach bereits einem Hördurchgang kann man bedenkenlos noch das Appendix “-wertvoll” anhängen. Die kindliche Stimme der singenden Dion October konterkariert dem Anschein nach die in den Texten immanente Zerbrechlichkeit und genau das macht den großen Charme des Schwester-Bruder-Debüts aus. “Neon Coloured Town” oder “Black Coffee Days” oszillieren beispielhaft zwischen den Polen Zuckersüße und Bitterpille und das in bewegender Manier. Um den Bogen zurück zu den Undertones zu spannen, kann man in frei zitierender Weise zu den 14 Songs nur anmerken: I wanna hold them, wanna hold them tight…

Cody: “Songs” zwischen Wehmut und Hoffnung

codyDas erste, was man vom schlicht mit “Songs” betitelten Album hört, ist eine beinahe wehmütig in die Stille schneidende Mundharmonika und dies erweist sich als präfigurativ für die folgenden 47  Minuten mit durchaus hoher emotionaler Dichte. Was Cody aus Dänemark dem geneigten Zuhörer präsentieren, ist eine überzeugende Mixtur aus Folk, Alternative Country und anderen der populären Musik entstammenden Versatzstücken. Mit der bereits angesprochenen Wehmut sei breits die Grundstimmung der “Songs” angemessen umschrieben, doch stets ist es Zuversicht und Hoffnung, die den Liedern der Dänen den sprichwörtlichen Stempel aufdrückt. Das äußert sich zwar oft nur im Detail, aber dann in so wunderbaren Liedern wie “Down in the Dark”.

Eines der am häufigsten in Musik betreffende Rezensionen vorkommenden Kriterien ist das Schlagwort Intensität und trotz des inflationären Gebrauchs dieses Wortes, erweist es sich auch im Falle von Cody nicht als reine Worthülse. Dabei sind es gerade die auf den ersten Blick simplen Songs wie “I want you”, die zielsicher in der Mitte zwischen Bauch und Kopf berühren. Die sechs Bandmitglieder von Cody überzeugen trotz manchen Songs ohne ersichtlichen Spannungsbogen mit ihrem Entwurf von abwechslungsreicher Musik irgendwo zwischen Folk und Country.

Die zum Teil aufwendigen instrumentalen Arrangements verbieten allerdings eine Reduzierung  auf einzelne genannte Genres, obwohl gerade die zurückgenommenen Songs wie “Catch the Straw” eine solche Charakterisierung nahelegen würden, zumal dies die stärksten Momente auf “Songs” sind. Bis an die oft ikonisierten Altmeister des Alternative Country wie Bonnie ‘Prince’ Billy, mit dem Cody sich bereits die Bühne teilten, reicht es für die in ihrer Heimat schon recht bekannten Dänen nicht heran, doch wer besagte Musikstile und ähnliche Künstler mag, der kann sich ganz bedenkenlos mit “Songs” arrangieren. Die Belohnung erfolgt in Form von Nackenhaar stimulierende Werke wie das Album schließende “Your Window”. Album out now!

Setting Sun + Quitzow (Steinbruch, Duisburg)

Was: Originalton mit zwei US Bands mit Liebe zum Folk, schrägem Pop und elektronischen Spielereien:

“Beide scheren sich den Teufel um Schubladen. Beide mischen Folk, Pop, Indie, Electronic, Klassik und Post-Punk. Erica Quitzow ist Sängerin und Multiinstrumentalistin der gleichnamigen Band Quitzow. Gary Levitt ist Sänger und Gitarrist der Band Setting Sun. Beide verbindet mehr als das gemeinsame Label. Beide schreiben Songs. Getrennt oder zusammen. Beide touren gemeinsam. Dann spielt Erica Quitzow bei Setting Song Violine und singt. Andersherum wird ähnlich verfahren. Gary Levitt bedient den Bass und setzt sich bei Quitzow hinter das Drumset.

Beide verbindet die Liebe zum Folk, leichten, schrägen Pop und die elektronischen Spielereien der Siebziger. Das klingt oft schräg, aber unbedingt interessant. Während Quitzow mehr mit elektrischen Sounds experimentiert und streckenweise Subversives a’la PJ Harvey zu hören ist, gelingt Setting Son öfter der Spagat zwischen schrägem Folk und eingängigen, poppigen Melodien.

Wo: Steinbruch (Duisburg)

Wieviel: 5 Euro VVK / 7 Euro AK