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Dirk Darmstaedter: Dirk sings Dylan

Merkwürdige Kontingenz: erst versucht sich  Martha Wainwright in durchaus gelunger Manier an Songs von Edith Piaf und jetzt zollt Dirk Darmstaedter dem Oeuvre Robert Allen Zimmermanns Tribut. Auf Albumlänge. Bob! Erster Asdirkdylansoziation, sowohl bei dem einen als auch bei dem anderen Coveralbum: Gewagtes Unternehmen. Um es auf den Punkt zu bringen, lässt sich wohl ohne Übertreibung sagen, dass Dylan Folk in die Mitte der Gesellschaft getragen und mittlerweile etliche Musikergenerationen maßgeblich geprägt hat und das absolut genreübergreifend. Mehr soll zur Reputation Dylans an dieser Stelle nicht ausgeführt werden, denn wer den Stellenwert dieses Mannes innerhalb der populären Unterhaltungsmusik verkennt, dem ist ohnehin kaum zu helfen. Dylan, der Obelisk, dessen Spitze kaum noch zu sehen ist.

Dass Darmstaedter die Fähigkeiten besitzt, um sich dem Phänomen Dylan in angemessener Weise und mit einer Mischung aus größtmöglicher Sensibilität und eigenem Formwillen, ohne den dieses Projekt von vornherein obsolet gewesen wäre, nähern kann, darf aus gutem Grund unterstellt werden. Entsprechend sei noch einmal auf das letzte Album Darmstaedters “Life Is No Movie” von 2009 verwiesen,  welches als schlagendes Argument figurieren soll. “Dirk sings Dylan” beginnt mit “All I really want to do”, das vom 4. Album “Another Side of Bob Dylan” von 1964 stammt und dessen Titel fast schon programmatisch für Darmstaedters Herangehensweise gelten könnte. Oder sollte. Ein hervorragender Einstand und eine entsprechend gute Wahl des Openers, denn Darmstaedter schöpft dem Originalsong den Rahm ab und verfeinert diesen mit Gesang, der zwar nicht so schön-schrecklich windschief wie Bobs ist, jedoch den Hörer in ähnlich sympathischer Art und Weise mit ins sprichwörtliche Boot zieht.

Damit der seetüchtige Kahn nicht gleich heftige Schlagseite bekommt, soll das Niveau offensichtlich mit dem energischen Stomper “Subterranean Homesick Blues” gehalten werden. Hmm. Einen an dem Abstraktum Perfektion kitzelnden Song neu einzuspielen ist so eine Sache, bei der man kaum als Sieger vom Platz gehen kann. Belassen wir es dabei. “Boots of Spanish Leather” verdeutlicht dann, womit Darmstaedter voll und ganz überzeugen kann, nämlich mit Songs, die sich nicht ganz so deutlich im Gedächtnis verankert haben, die vielleicht eher unbekannt sind, obwohl besagtes “Boots of Spanish Leather” natürlich auf dem Dylan-Klassiker “The Times They Are a-Changin’” zu finden ist und entsprechenden Status unter Fans genießt. Dies aber eben auch, weil es einfach eine sensationelle Ballade ist, voller rastloser Melancholie  Darmstaedter transportiert die Stimmung gefällig,  in bewegender Weise.

Zwei Lieder später ein übergroßer Fragezeichen. “Mr Tambourine Man”? War das wirklich nötig? Der Song ist einfach durch, egal welche Version man bevorzugt: Dylan, The Byrds. Sogar William Shatner hdarmstaedterat das Stück einmal aufgenommen, genau der William Shatner, ja! Sicher ist die hier zu besprechene Interpretation ganz gut geraten, aber stößt man dabei doch auf das dumpfe Gefühl der Überflüssigkeit, das es eigentlich großflächig zu umgehen gilt. Dann “It Ain’t me, Babe”. Was ein Song, aber auch von Darmstaedter? Leider  wurde hier die herzzerreißende Fragilität des ursprünglichen Songs völlig zugunsten einer fast Tanzbarkeit erzeugenden Transformation vernachlässigt. “Simple Twist of Fate” und zum Glück ein Trumpf. Man sagt, “Blood On The Tracks” sei vermutlich das persönlichste und tiefschürfendste Album Dylans und Darmstaedter wird diesem emotionalen Trip des Einzelsongs und auch des Longplayers gerecht, kommt ihm sehr nahe.

Dirks Bob-Album ist immer dann großartig, wenn er nicht den Hit-Dylan gibt. “Chimes of Freedom”, auch von “Another Side of Bob Dylan”, arbeitet verteilt auf 7 Minuten gut mit dem immanenten Gänsehaut-Potential und “Shelter From The Storm”  (“Blood On The Tracks”) ist einfach nur atemberaubend. Dirk tränkt den Song in einer Essenz aus ungebrochener Vitalität, emphatisch, mitreißend. Mehr davon, doch dann schließt das Album auch bereits mit “He Was a Friend of Mine”, ein Folk-Traditional im wahrsten Sinne des Wortes, gelungen interpretiert und sich damit in illustre Gesellschaft stellend.

Zusammenfassend kann man betonen, das “Dirk sings Dylan” vieles, aber längst nicht alles richtig macht. Auf einzelne Songs hätte man durchaus verzichten können, auf Songs, die man einfach nicht mehr neu vertonen sollte. Vor allem hat man den Eindruck, dass Darmstaedter die “Hits” gar nicht nötig gehabt hätte, da er gerade die völlig zurückgenommen, intimen Momente des Albums so gekonnt in Szene zu setzen weiß und dabei überhaupt nicht auf übermäßig oft rezipiertes Material Dylans zurückgreifen müsste. Gelegentliche Dylan-Hörer oder Novizen können mit “Dirk sings Dylan” in der Tat glücklich werden, der Die-Hard-Fan wohl eher nicht, aber das war voher schon klar. Und um eines noch zu betonen und sich zum Abschluss ein Sakrileg zu erlauben: Dirk singt besser als Bob, d.h. wer sich an der nöligen Stimme des Altmeister immer schon gestört hat, bekommt hier eine insgesamt gelunge  Annäherung an dessen üppiges Gesamtwerk geboten.

(Tapete Records; Release 28. Januar 2010)