Mein erster Kontakt mit My Brightest Diamond fand auf der Bühne statt, also Shara Worden auf der Bühne und ich davor. Dass der Künstler sich in der Regel oberhalb des Publikums befindet, ist selbstredend der Normalzustand bei einem Konzert, doch ich meine mehr als nur das. Einerseits wirkte die Dame äußerst charmant, herzlich und liebenswürdig, doch da waren eben auch ihre z.T. sehr unterkühlten Songs, die gewöhnungsbedürftige Stimme und ein Outfit, dass auch dem Zuschauer in der letzten Reihe einen Satz in Neonschrift hinter die Stirn pinselte: Das hier ist Kunst. Inzwischen hat sich mein Eindruck ein wenig relativiert, nicht nur weil ich mir die Perlen aus dem musikalischen Schaffen von Worden heraus gewaschen habe, sondern auch weil die New Yorkerin zielsicher das Richtige zu tun scheint. Mit anderen Worten: die Sympathie ist weiter gewachsen und mein Ressentiment im Gleichschritt geschrumpft.
Die Tatsache, dass die Multiinstrumentalistin einst mit dem fantastischen Sufjan Stevens gearbeitet hat, spricht wohl ohne Zweifel für Shara Worden. Insgesamt kann man auch nur ihre Begabung und musikalische Ausbildung loben. Ihre oft düsteren Songs zwischen Klassik, Avantgarde, Kammermusik und Rock erschweren bisweilen den Zugang zu ihrer Musik. Zwei Alben wurden unter dem Projektnamen nun bereits veröffentlicht, doch wirklich überzeugt hat mich erst die Download Single From the Top of the World. Dies war nach dem Album 2008 A Thousand Shark’s Teeth im September bereits die nächste Veröffentlichung der Singer-Songwriterin mit der so ungewöhnlichen Stimme. Nur 4 Songs sind darauf enthalten, doch diese haben es in sich. Dort sind auch die beiden großartigen Edith Piaf Coverversionen “Hymne Á L’Amour” und “Adieu Mon Coeur” vertreten, die bereits im Liveset zu den absoluten Highlights gehörten.
Danach wurde es jedoch nicht still um Madame Worden. Für die Coversong-Compilation “Guilt By Association” vertonte sie den Gloria Jones-Hit “Tainted Love”. Da schrillen mit Recht zunächst die Alarmglocken, denn gerade dieser Song wurde bereits zugenüge verhunzt. Man erinnere sich nur an die wohl bekannteste Version von Soft Cell oder die lieblose Marilyn Mansion Umsetzung. Einmal schütteln und zurück zu My Brightest Diamond. Es ist erstaunlich. Der Soul-Evergreen funktioniert in der MBD-Adaption hervorragend, was ich ganz und gar nicht erwartet hatte. Nicht nur instrumental ist eine spanndende Neuinterpretation gelungen, auch gesanglich haucht Shara Worden der Nummer wieder im wahrsten Sinne Seele ein.
Die wohl letzte Schlagzeile in diesem für Worden umtriebigen und kreativen Jahr lautet: My Brightest Diamond steuern ein Lied zu einem Benefit-Weihnachtssampler für Amnesty International bei. “I’ll Stay ‘Til After Christmas” heißt die Veröffentlichung und als Song wurde “Nature Boy” ausgesucht. Vorbildlich und sehr zu empfehlen und preisgünstig ist das ganze auch noch.