Was: The National zu Gast in Köln. Wolkenkratzer-Pop.
Wo: E-Werk (Köln)
Wieviel: 26 Euro + VVK-Geb.
Ist das jetzt die Quietscheentchen-Ausgabe von Mike Skinners The Streets oder doch eher Eminem auf Helium, der ein unbeschwertes Partyalbum bei Mark Ronson aufgenommen hat? Professor Green, 26jähriger MC aus East-London, ist in der Tat irgendwo zwischen den genannten Koordinaten zu verorten und sein am 24. September erscheinendes Album Alive Till I’m Dead ist Good Mood Pop Rap für die Tanzfläche. Dass sich Stephen Paul Manderson alias Professor Green selbstironisch mit Vanilla Ice vergleicht, ist natürlich ein Klumpfußvergleich und doch sagt dies einiges über die Grundausrichtung seiner Songs und das Zielpublikum aus. Die echten Hip Hop Heads werden bei Professor Green abwinken und es sind eher die Kids, die besagten Mark Ronson oder meinetwegen auch Plan B abfeiern, die auf Alive Till I’m Dead einiges Unterhaltsames finden werden, auch wenn es immer wieder Schattenmomente gibt – The Streets like.
Natürlich macht man es sich irgendwie einfach, wenn man bei den ersten beiden Singles jeweils bekannte Samples verbrät und die Songs nur knapp am Status Coverversion vorbeischrammen. Gut, die Zielgruppe wird sich vermutlich ohnehin nicht mehr an INXS erinnern, daher kann man “I Need You Tonight” einfach mal neu verwursten und dank des extrem eingängigen Sounds ist der Song auch ohne Erinnerungserlebnis ein – richtig – Hit, Hit, Hit! Die nächste Single “Just To Be Good Green” bedient sich schamlos bei einem anderen 80er Synthesizer Bestseller, nämlich bei “Just Be Good To Me” von den vergessenen S.O.S. und wenn dann noch Lily Allen die Hook singt, steht Great Britain mal wieder Kopf.
Bei “Oh My God” erklärt sich Professor Green kurzerhand als Rap’s George Best, den legendären nordirischen Fußballspieler („Ich habe viel Geld für Alkohol, Frauen und Autos ausgegeben, den Rest habe ich einfach verprasst.“) Abgesehen von dieser Selbststilisierung könnte “Oh My God” problemlos Single werden, wofür größtenteils der von Labrinth vorgetragene Refrain sorgt. Professors Greens lässiger Flow passt auch wunderbar zum Bassmonster namens “Jungle” und die nächste prägnante Hookline lauert bestimmt im Dschungeldickicht. Man könnte sich nun immer weiter an der Tracklist entlang hangeln und beispielsweise “Do For You”, den Dancefloor-Stomper “Falling Down” oder “Monster” loben und doch ist manches einfach zu hitig. Hier wird nichts dem Zufall überlassen und man könnte beinahe glauben, Alive Till I’m Dead stelle den Versuch dar, das britische Shock Value zu kreiieren. In der Tat könnte auch mancher Beat und eingängige Refrain von Timbaland stammen, was je nach Gusto gut oder ganz schlecht sein kann. Sagen wir es mal so: Wer abwechslungsreichen, cheesy Pop Rap gutheißen kann, sollte schnell “Alive Till I’m Dead” erwerben und für Professor Green bedeutet dies, ein heißer Eisen im Chartfeuer zu haben und genug Geld anzuhäufen, um auch weiterhin einen auf George Best zu machen. Kick it!
Professor Green: Alive Till I’m Dead (VÖ 24.09.2010; Virgin/EMI)
Nach dem Marie Fisker einen renommierten Status in ihrer Heimat Dänemark erreicht hat, wo sie im Vorprogramm von Juliette Lewis, Pete Doherty und Devendra Banhart spielen durfte, erscheint ihr Debüt mit einjähriger Verspätung nun auch in Deutschland. Mit „Ghost Of Love“ kreiert Marie Fisker einen Sound, den man allgemeinhin wohl am ehesten als amerikanisch beschreiben würde – rauer Country erweitert um psychedelische Elemente. Selbstverständlich folgt auch im Fall von Marie Fisker der Albumveröffentlichung eine Tournee. Im Oktober wird sie gemeinsam mit Anders Trentemøller die deutschen Gefilde bereisen. Dabei sind Trentemøller und Marie Fisker weitaus durch mehr verbunden als durch ihren Heimatort, nämlich durch eine langjährige musikalische Kollaboration, welche im Frühling dieses Jahres in „Sycamore Feeling“ gipfelte, der ersten Singleauskopllung aus Trentemøllers Album „Into The Great Wide Yonder“, für die Marie Fisker nicht nur die Vocals beisteuert, sondern ebenso für die Musik mitverantwortlich ist.
Eröffnet wird das Album mit dem Titeltrack „Ghost Of Love“ – eine schwermütige und reuige Ballade, die bei einer nicht all zu betrübter Stimmung des Rezipienten wohl ein wenig zäh daher kommt. Der darauf folgende Song „Seven Days“ verzichtet völlig auf eine rhythmische Begleitung durch Schlaginstrumente. Damit bleibt Marie Fisker zunächst bei einem mühseligen Gemüt. Harmonien in Moll und direkte Texte lassen keinen Zweifel daran, dass es sich thematisch ums Verlassen und Verletzt werden, letztendlich ums Allein sein dreht. Immerhin besudeln sich Marie Fiskers Zeilen nicht in Selbstmitleid, sondern sollen wohl eher eine bereinigende Funktion haben. Hier scheint Freuds Auffassung über Sublimierung – Kunst- und Kulturproduktion aufgrund von Triebverzicht – zu greifen.
Auch auf den nächsten Track „Hold On To This For A While“ lässt sich diese These anwenden, glücklicherweise schlägt Marie Fiske hier nun aber andere Töne an. Ein beschwingtes Zusammenspiel aus Bassdrum und Schellenkranz lässt ihre Zeilen umso lasziver daher kommen und durch eine nach und nach üppiger werdende Instrumentierung schwillt der Song prächtig an. Von nun an kann „Ghost Of Love“ die angesetzte Marke halten. Zu nennen sind vor allem die Stücke „Jack Of Heart“, „Devil Tear“ sowie „My Love My Honey“ und „City Lies“, welche durch leichten Anklang an Patti Smith, PJ Harvey, zeitweilig auch an The Raveonettes und Black Rebel Motorcycle Club begeistern und definitiv Anwärter für rotierendes Hören sind. Hat man also zunächst die ersten zwei Albumtracks hinter sich gelassen, kann man auch Verständnis für Marie Fiskers Status in Dänemark aufbringen. (VÖ: 27. August 2010 auf Maryvine Records/Cargo Records)
“Die Normalität ist eine gepflasterte Straße; man kann gut darauf gehen – doch es wachsen keine Blumen auf ihr.” Diesem van Gogh Zitat würde John K.Samson, seines Zeichens Sänger der Weakerthans, wohl nur bedingt zustimmen, schließlich scheint der kleine Kanadier mit der umschmeichelnden Stimme gerade Alltag und Normalität ästhetisch erfassen zu wollen, um eben das Besondere im Kleinen zu entdecken. Dies spiegelt sich auch in einer konzeptuellen Singlereihe wider, deren Teile sich jeweils einer Straße in Samsons kanadischer Heimat rund um Winipeg widmen. Nach der “City Route 85″ EP folgt nun mit “Provincial Road 222″ das Mittelstück der Veröffentlichungsreihe und zwar wieder stark limitiert (500 Vinyl-Exemplare) beim Grand Hotel van Cleef.
Das erste Stück “The Last And” trumpft gleich groß auf und könnte locker auf dem The Weakerthans Meilenstein “Left And Leaving” (2000) vertreten sein, denn an jenes emotionale Machwerk erinnert der Song. Diese Assoziation kann getrost als Erhebung in den Adelsstand für “The Last And” gewertet werden, da jenes Album nach Meinung des Verfassers dieser Zeilen das mitreißendste in der Weakerthans-Diskographie darstellt. “Petition” als zweiter Song der EP weiß ebenfalls zu begeistern: behutsames Gezupfe auf der Akustikgitarre, dezent inszenierte weitere Instrumentierung und gesangliche Mehrfachschichtung gestalten die einprägsame Melodie aus, ergänzt von einer der typischen Samson-Geschichten.
Das abschließende “Stop Error” präsentiert sich dann als Choral, was im ersten Moment durchaus verstörend wirkt. Diese kirchenmusikalische Inszenierung passt ja wiederum, wenn man die zuweilen religiös anmutende Verehrung Samsons bei den Weakerthans-Fans betrachtet und doch funktioniert der Song nicht wirklich. Da wäre doch eher noch ein intimer Singer-Songwriter-Moment vorzuziehen gewesen. Auch deshalb schade, da meines Erachtens die ersten beiden Lieder denen der “City Route 85″ EP vorzuziehen sind. Fazit: lohnenswerte Single, die zumindest als physikalischer Tonträger schnell vergriffen sein dürfte.
(VÖ: 17. September 2010)
Nummer 5. The Thermals erweisen sich immer mehr als nimmermüde Marathonläufer in Sachen Indierock, auch wenn sie im Laufe der Jahre ein paar Trademarks an der Wegstrecke haben liegen lassen. Nicht mehr so ganz unterproduziert wie einst, nicht mehr so dilettantisch-ungestüm schrammelnd und inzwischen ungeniert mit der Dame Pop flirtend – so könnte man knapp die Entwicklung des Trios aus Portland (Oregon) zusammenfassen. Nachdem 2009 The Thermals mit Now We Can See ein geradezu ideales Album für die Festivalsaison veröffentlicht haben, kommt das diesjährige Release quasi ein wenig spät, schließlich wurden inzwischen (fast) alles Open Air Bühnen wieder abgebaut.
Schade, denn allein die erste Single “I Don’t Believe You” kann man sich leicht als Soundtrack zum Umherspringen in Schlammpfützen vorstellen. Ähnliche Ohrwurmqualität zeichnet “Never Listen To Me” aus, das einem schrecklich bekannt vorkommt und man dennoch nicht den vermeintlichen Vergleichssong ausfindig machen kann. Vielleicht ist dies auch nur eine Selbstreferenz im Hause The Thermals. So funktioniert wohl Markenetablierung. Die Band um Frontmann Hutch Harris sollte längst so viele Alben verkaufen wie die inzwischen ziemlich peinlichen Genrezombies Weezer, aber Popmusik hat noch nie etwas mit Gerechtigkeit zu schaffen gehabt.
Dass The Thermals sich fast nur noch im Midtempobereich bewegen, ist keinesfalls als störend zu bezeichnen, da Melodien wie bei “Power Lies” oder à la “Not Like Any Other Feeling” einen Schokoladeneffekt erzielen, sprich sich überhaupt nicht schnell abnutzen. Wie die meisten Leute nicht die Finger von der braunen Kakaomasse lassen
können, so mag man sich auch an The Thermals selten satt hören. Dennoch ist festzuhalten, dass das Trio sich ein weiteres Gitarrenpop-Album im bekannten Stil zukünftig nicht mehr leisten kann, wenn sie sich nicht wie besagte Weezer nur noch selbst kopieren wollen. “Your Love Is So Strong” fällt als Uptempo-Nummer noch aus dem Albumkontext heraus und weiß zu begeistern und auch der Rausschmeißer “You Changed My Life” ist recht gefällig, und doch wird man den Eindruck nicht los, dass einige Songs aus der Session zu Now We Can See stammen und letztes Jahr aussortiert wurden.
Entweder werden The Thermals jetzt richtig groß und erschließen sich ein neues Publikum, das die alten Alben nicht kennt, oder Harris, Bassistin Kathy Foster und Schlagzeuger Westin Glass müssen zukünftig getrennte Wege gehen. Es steht zu befürchten, dass die Band sich sonst in Richtung Stadionrock entwickelt und das kann man nun wirklich nicht wollen. Gegenwärtig heißt das Motto jedoch, The Thermals mit ihrem Konzeptalbum zum Thema zwischenmenschliche Beziehungen hören und das sich einstellende Bauchgefühl unbefangen genießen. Ist das im Sinne des Erfinders? Egal – Kopfpause olé!
Dass Schönheit eben nicht nur im Auge des Betrachters liegt, sondern auch über den Gehörgang erfahrbar ist, manifestieren Kraków Loves Adana mit ihrem Debüt „Beauty“ und präsentieren damit, welche Art von Klang sie mit dem Attribut „schön“ schmücken. Dieser behauptet sich auf „Beauty“ als sanft, aber dennoch bestimmt.
Obwohl die Instrumentierung recht schlicht ist, obliegt ihr eine Vorliebe fürs Detail. Auf diese Weise gelingt es Kraków Loves Adana trotz ihres minimalistischen Ansatzes einen üppigen, klaren Sound zu erzeugen. Wie zum Beispiel in der aktuellen Singleauskopplung „Porcelain“: ein prägnantes Gitarrenzupfmuster addiert mit einer harmonischen Orgel, einem griffigen Schlagzeug und der sinnlich dunklen Stimme von Deniz Cicek resultiert das Stück in einer treibend zärtlichen Melancholie.
Die Freiburger Deniz Cicek und Robert Heitmann zelebrieren mit „Beauty“ eine verklärte Tristesse, die musikalisch stark an Cat Power und teils an The Kills erinnert. Charakteristisch für die elf Tracks sind dabei repetitive Phrasen, die besonders bei „1993“ gelungen eingesetzt werden. Denn dort greifen diese rhythmisch ineinander, sodass eine Dynamik entsteht, deren Höhepunkt durch die kraftvoll gesungenen Zeilen „it’s an action/an illusion/the attraction/of a physical love/it’s an excuse an llusion/ the attraction/of an unphysical worth“ artikuliert wird.
Das Timbre des Albums ist bestimmt von einer hallenden Klarheit, die nicht Mal durch zerrende Gitarren oder Verstärkerrauschen getrübt wird. Was jedoch nicht heißen soll „Beauty“ verliere sich in einem aufpolierten Glanz – ganz im Gegenteil. So gefällt beispielsweise das verträumte „A 60s Troubadour“, weil seine eingängige Melodie entlang eines Noise-Walls vegetiert. Doch eigentlich bietet bereits der erste Song „Geistermanier“ das Paradebeispiel. Denn hier wird Wohlklang durch sachte Brüche und einen Hang zur Dissonanz charakterisiert. Bezeichnend sich auch die zuletzt gesungenen Wörter von des Openers: „I will stay here“ – Kraków Loves Adana sind mit ihrem Debut definitiv gekommen um zu bleiben. (VÖ: 2. Juli 2010 auf Snowhite)