Band T-Shirt, High-Top Sneaker aus Leinen, Dosenbier und “Du und wieviel von deinen Freunden”. Diese Auflistung mit Parametern aus späten Jugendjahren ließe sich mühelos fortsetzen. Grauzonen existierten scheinbar noch nicht, alles erschien der adoleszenten Lebensform namens “Ich” unheimlich kompliziert und gleichsam schwarz oder weiß zu sein. Trotz Wut im Bauch und rebellischer Pose war dennoch genug Platz für Selbstbespiegelung. Den Soundtrack dazu lieferten Kettcar ab.
Bei Erscheinen von “Du und wieviel von deinen Freunden” fiel oftmals die wohlklingende Umschreibung der Befindlichkeitsfixiertheit, eigentlich ja ein Zitat aus dem “Ich danke der Academy”-Text. Soundtrack zur Selbstbespiegelung eben. Es ist jedoch absurd, darin ein Manko im musikalischen Schaffen Kettcars zu sehen. Vielmehr ist diese gebotene Möglichkeit der Identifikation, des Halt-findens, die größte Stärke des Kettcar Debüts. Marcus Wiebusch hatte sich zuvor bei …But alive an gesellschaftlich-politischen Themen abgearbeitet, an diesen sogar zerrieben. In der kleinkariert anmutenden Punkszene war kein Platz mehr für den Mann, der gerne eigene Wege geht. Die Antwort auf die Frage, wie es weitergehen soll, war Kettcar.
Unzählige Male rotierte die “Du und wieviel”-LP auf dem Plattenteller und bekam einen eigenen Platz auf dem emotionalen Wertigkeitsschrein, direkt neben Morrissey und The Smiths. Im Laufe der Jahre nahm jedoch der eigene Wunsch nach Selbstbespiegelung ab. Oder vielmehr war nicht mehr das Medium Musik dazu nötig. Die Neuauflage des Kettcar Debüts gibt nun die Möglichkeit zu überprüfen, ob die Band und ihr Premierenalbum – zumindest für den hier Schreibenden – noch mehr ist als nur ein Nostalgiespuk bewirkendes Befindlichkeitsgespenst aus vergangenen Tagen. An dieser Stelle muss ich nun ein entschiedenes Jein anführen. Es ist schön, sich an die eigene Naivität und die vielen wunderbaren Momente aus 2002 und den nachfolgenden Jahren zu erinnern.
Gerne erinnert man sich auch an Provinzkonzerte von Kettcar, beispielsweise in Voerde, in der Nacht des zerquetschten Daumens, als ein gleichermaßen euphorisierter und betrunkener Reimer Bustorff den Merchandise-Stand der Band zu einem besonderen Ort werden ließ. Aber zurück in die Gegenwart.
Das Besondere am Reissue ist selbstredend die Bonus-CD. Dort findet man vor allem Prä-Album-Versionen der frühen Kettcar Songs, darunter auch die gar nicht so raren Raritäten wie “Hauptsache glauben” und “Genauer betrachtet”. Dabei darf das Highlight “Mein Skateboard kriegt mein Zahnarzt”, an dem sich LP-Besitzer ohnehin schon immer erfreuen konnten, nicht fehlen. Man muss allerdings zugeben, dass sich so manche Gesangslinie von Wiebusch höchst merkwürdig anhört. Die eigentlichen Album-Versionen sind einfach zu geläufig und vertraut, um dem Charme des Unfertigen zu erliegen. Mir wird zudem nicht ganz klar, wer dieses Reissue eigentlich brauchen sollte. Die Fans der ersten Stunde besitzen höchst wahrscheinlich die “Solange die dicke Frau noch singt, ist die Oper nicht zu Ende” EP und alle anderen werden sich an den Album-Versionen erfreuen. Es bleibt jedoch in jedem Fall zu hoffen, dass dieses wunderbare Jugendalbum noch zahlreiche Anhängerinnen und Anhänger finden wird.
Letzte Kommentare