Cowbell: Beat Stampede

Gesamtpaket mit Woohoo-Faktor, könnte man sagen. Vom stilvollen Artwork, ich wusste weiße Schuhe bislang nicht wirklich zu schätzen, bis hin zum letzten Drumstickschlag stimmt bei Cowbell einfach alles. Dabei ist es kaum zu glauben, dass das Duo Jack Sandham und Wednesday Lyle nicht von dem von ihnen besungenen Mississippi stammen, sondern in London ansässig sind.

Beat Stampede präsentiert eine gelungene Mischung aus Garage Rock, frühem Rhythm & Blues und starken Soul-Anleihen. Gleichsam findet man auch Schlüsselelemente der britischen Popmusiktradition, sodass bei Cowbell transatlantisch einiges zusammenläuft. Und passt. Und wackelt. Und stampft. Und zappelt. Und am Ende zufrieden ausatmet. Ein Vergleich mit den übergroß am Frau&Mann=Band-Himmel leuchtenden White Stripes verbietet sich angesichts der dargebotenen Qualität in jedem Fall. Meg & Jack sind ja so gestern!

Ich schrieb mich verrückt. Texte von Wolfgang Welt 1979–2011

Programmatisch ist er, der Titel des vorliegenden Sammelbandes. Das bewegte Leben, vor allem aber das popliterarische Werk des Bochumer Schriftstellers Wolfgang Welt wurde in den letzten Jahren zum Glück nachhaltiger gewürdigt. Literaturwissenschaft und Feuilleton wären dabei zu nennen. Eine breit gefächerte Rezeption blieb jedoch leider aus. Die von Martin Willems im Klartext Verlag herausgegebenen journalistischen Texte Wolfgang Welts zeichnen in beeindruckender Weise nach, worauf das literarische Schaffen des Autors in stilistischer Hinsicht fußt. Wenn niemand Geringeres als Peter Handke im Vorwort des Bandes Welts Werke als eine “grundandere Art von Geschichtsschreibung” bezeichnet, so kann und möchte man lediglich beipflichten.

Wolfgang Welts frühe Texte, vor allem Rezensionen in den Bereichen Musik, Literatur und Theater, bieten eine nicht vollständige, aber durchaus beeindruckende Topographie der Popkultur jener Jahre. Seine Vermessungstechnik greift dabei Themen punktuell auf, was einerseits dem Medium der Musik-/Literaturkritik geschuldet sein mag, anderseits Folge eines vornehmlich assoziativen Stils ist. Dabei ist es ebenfalls bemerkenswert, wie ungeschönt, aber keineswegs unreflektiert Welt seine persönlichen Ansichten zur Schau stellt, und dabei, ja, ein Stück weit blankzieht. Eine solche Innenschau des Ruhrgebietsmenschen Welt ist jedoch keineswegs unangenehm zu betrachten. Welt gewährt diese Einblicke und die Leserin/der Leser genießen das Privileg, daran partizipieren zu dürfen.

Nicht alle der vom Herausgeber Martin Willems mühevoll kompilierten Texte sind heute noch lesenswert, der Großteil ist es jedoch allemal. Teilweise liegt der Schriftsteller auch mit seinen subjektiven Einschätzungen und Prognosen falsch. Ein aufmerksamer Beobachter, aber kein Orakel von Langendreer. Interessant ist es in jedem Fall, wenn Welt noch Zweifel hegt, ob Bruce Springsteen tatsächlich dem früh proklamierten Legendenstatus gerecht werden kann. Auch die kommerzielle Ausschlachtung von Trends und Jugend(sub)kulturen analysiert Welt mit großem Zynismus (“Hip-Hop-Flop. Breakdancers Bruchlandung”). Besonders interessant wird es jedoch, wenn Welts Texte annekdotisch werden und frei zu fließen scheinen (“Wie der Lou Reed den Lachenden Vagabunden nicht traf”). Manches wirkt fast schon zu fabulös, um wahr zu sein. Welt mit Lemmy und Motörhead auf Tour? Das ist einfach nur große Unterhaltung für den Leser und ein klares Votum für eine eingehendere Beschäfigung mit den Romanen Wolfgang Welts.

Dave Hause: C’Mon Kid

Dave Hause? Ist das nicht der von der Revival Tour? Richtig, auch Dave Hause gehört zu den musizierenden Buddies von Chuck Ragan. Hause war Jahre lang als Gitarrist und Sänger in diversen Punk-affinen Bands (Paint It Black/ The Loved Ones) unterwegs und versucht nun, mit ruhigeren Tönen und heart-rending Stories zu überzeugen. Ob ihm das gelingt?

Unbedingt, ja. Allein der Titelsong der hier besprochenen EP verleitet die Hörerin oder den Hörer dazu, nach dem Ende des Liedes sehnsuchtsvoll durch zu schnaufen. Das nur von Piano und Stimme getragene  “C’Mon Kid” überzeugt vollends durch springsteen-esker Atmosphäre und kommt einem somitt angenehm vertraut vor. So gut war Brian Fallon (Gaslight Anthem) schon lange nicht mehr.

Das doch sehr lo-fi anmutende “Prague” fällt als zweiter Song auf der A-Seite dann leider etwas ab. Ergänzt werden die A-Seiten, die auch auf dem Debütalbum von 2011 enthalten sind, durch zwei gelungene Coversongs von Lucero und den fantastischen None More Black. “Join the Army” (Lucero) strotzt nur so vor Kraft und “Oh, There´s Legwork” (None More Black) gefällt als Country Adaption. Tolle EP. Ach, ja. Wer sich noch intensiver für die Revival Tour interessiert, dem seien die von Chuck Ragan kompilierten und als Buch erschienenen Tour Stories ans Herz gelegt: The Roads Must Traveled.

Sweet & Dandy Allnighter

24.11.2012 / The Tube / Düsseldorf / Ab 22 Uhr

Ob Ska, Reggae oder Soul, – bei feinsten Tunes aus den letzten sechs Dekaden smarter Tanzmusik schlagen die Herzen höher. Der im Tube servierte Klang-Cocktail zielt vor allem darauf ab, Hüften und Tanzbeine in Schwingung zu versetzen. Auch wenn wir ALLNIGHTER noch in Großbuchstaben schreiben, gibt es am DJ-Pult keine Puristenpose. Rare Erstpressungen landen woanders auf den Plattentellern, bei uns wird dafür ordentlich gefeiert.


 

Everybody dancing in that bar room this night!

Der Eintritt ist natürlich frei !

Alle weiteren Infos zu unseren Events auch unter :

www.the-tube-club.com

The TUBE
Kurze Str. 9, 40213 Düsseldorf

The Jim Jones Revue: The Savage Heart

Die Mutantenversion von Jerry Lee Lewis sprengt wieder alle Nähte seines Denim-Hemdes und präsentiert sich und seine Gefolgsleute erneut im terra nullius, irgendwo zwischen diversen Rock ‘n’ Roll Subgenres und allein auf weiter Flur. Der Albumtitel suggeriert schon programmatisch, was auf die Zuhörer zukommen wird. Im Takt eines wild-primitiven Herzschlags prügelt sich die Band aus London durch neun neue Songs, wobei die übergeschnappt röhrende Stimme von Sänger Jim Jones absolutes Trademark der präsentierten Musik ist. Und doch ist es gerade der Gesang, der zum Teil einen latenten Masochismus seitens des Zuhörers einfordert. Jim Jones gefällt sich offensichtlich in der Rolle als wahnsinniger Bluesprediger und malträtiert die eigenen Stimmbänder gewaltig. Fazit: Die Jim Jones Revue ist zu hart und dreckig, um für Rockabilly und Bluesrock Fans interessant zu sein. Also wer auch immer mit durchgeknalltem Gospel Blues Punk ‘n’ Roll etwas anfangen kann und sich nicht daran stört, dass die Soundsuppe stark überwürzt wirkt, wird mit The Savage Heart ein neues Lieblingsalbum gefunden haben. Mir ist das alles zu viel von allem.

Am 9.12. spielen The Jim Jones Revue in Köln (Gebäude 9).

Kettcar: 10 Jahre “Du und wieviel von deinen Freunden”

Band T-Shirt, High-Top Sneaker aus Leinen, Dosenbier  und “Du und wieviel von deinen Freunden”. Diese Auflistung mit Parametern aus späten Jugendjahren ließe sich mühelos fortsetzen. Grauzonen existierten scheinbar noch nicht, alles erschien der adoleszenten Lebensform namens “Ich” unheimlich kompliziert und gleichsam schwarz oder weiß zu sein. Trotz Wut im Bauch und rebellischer Pose war dennoch genug Platz für Selbstbespiegelung. Den Soundtrack dazu lieferten Kettcar ab.

Bei Erscheinen von “Du und wieviel von deinen Freunden” fiel oftmals die wohlklingende Umschreibung der Befindlichkeitsfixiertheit, eigentlich ja ein Zitat aus dem “Ich danke der Academy”-Text. Soundtrack zur Selbstbespiegelung eben. Es ist jedoch absurd, darin ein Manko im musikalischen Schaffen Kettcars zu sehen. Vielmehr ist diese gebotene Möglichkeit der Identifikation, des Halt-findens, die größte Stärke des Kettcar Debüts. Marcus Wiebusch hatte sich zuvor bei …But alive an gesellschaftlich-politischen Themen abgearbeitet, an diesen sogar zerrieben. In der kleinkariert anmutenden Punkszene war kein Platz mehr für den Mann, der gerne eigene Wege geht. Die Antwort auf die Frage, wie es weitergehen soll, war Kettcar.

Unzählige Male rotierte die “Du und wieviel”-LP auf dem Plattenteller und bekam einen eigenen Platz auf dem emotionalen Wertigkeitsschrein, direkt neben Morrissey und The Smiths. Im Laufe der Jahre nahm jedoch der eigene Wunsch nach Selbstbespiegelung ab. Oder vielmehr war nicht mehr das Medium Musik dazu nötig. Die Neuauflage des Kettcar Debüts gibt nun die Möglichkeit zu überprüfen, ob die Band und ihr Premierenalbum – zumindest für den hier Schreibenden – noch mehr ist als nur ein Nostalgiespuk bewirkendes Befindlichkeitsgespenst aus vergangenen Tagen. An dieser Stelle muss ich nun ein entschiedenes Jein anführen. Es ist schön, sich an die eigene Naivität und die vielen wunderbaren Momente aus 2002 und den nachfolgenden Jahren zu erinnern.
Gerne erinnert man sich auch an Provinzkonzerte von Kettcar, beispielsweise in Voerde, in der Nacht des zerquetschten Daumens, als ein gleichermaßen euphorisierter und betrunkener Reimer Bustorff den Merchandise-Stand der Band zu einem besonderen Ort werden ließ. Aber zurück in die Gegenwart.

Das Besondere am Reissue ist selbstredend die Bonus-CD. Dort findet man vor allem Prä-Album-Versionen der frühen Kettcar Songs, darunter auch die gar nicht so raren Raritäten wie “Hauptsache glauben” und “Genauer betrachtet”. Dabei darf das Highlight “Mein Skateboard kriegt mein Zahnarzt”, an dem sich LP-Besitzer ohnehin schon immer erfreuen konnten, nicht fehlen. Man muss allerdings zugeben, dass sich so manche Gesangslinie von Wiebusch höchst merkwürdig anhört. Die eigentlichen Album-Versionen sind einfach zu geläufig und vertraut, um dem Charme des Unfertigen zu erliegen. Mir wird zudem nicht ganz klar, wer dieses Reissue eigentlich brauchen sollte. Die Fans der ersten Stunde besitzen höchst wahrscheinlich die “Solange die dicke Frau noch singt, ist die Oper nicht zu Ende” EP und alle anderen werden sich an den Album-Versionen erfreuen. Es bleibt jedoch in jedem Fall zu hoffen, dass dieses wunderbare Jugendalbum noch zahlreiche Anhängerinnen und Anhänger finden wird.