Der dreckige Rest

John K. Samson: Roadmovie mit Hauptrolle

jks14 Jahre sind seit der letzten ganz eigenverantwortlichen Veröffentlichung (“Little Pictures”) des Weakerthans-Sängers ins Land gezogen. In diesen fast anderthalb Jahrzehnten hat sich John K(ristjan) Samson zu einem der angesehensten Songschreiber im Indiefolk-Land entwickelt, der zudem für die als Liedtexte getarnten Geschichten weit über die Genre-Grenzen hinweg und über den oft zitierten Klee gelobt wird. Daher sind sich Musikpresse und Anhänger auch einig, dass die Diskographie der kanadischen Band um Samson einer Aneinanderreihung von wahren Kleinoden gleicht. Es wäre angemessen, John K. Samson in einem Atemzug mit Aushängeschildern des Genres wie Conor Oberst Will Sheff zu nennen, auch wenn dies dem bescheidenen und in sich ruhenden Mann wohl zutiefst zuwider wäre. Großangelegt hingegen ist die Veröffentlichungsreihe, die der charismatische Songschreiber aus Winnipeg für die nächsten 18 Monaten geplant hat. Eine Abfolge von Singles, die sich thematisch mit den Straßen und Highways der östlichen, kanadischen Prärieprovinz Manitoba  beschäftigen, soll in limitierter Auflage die Soloaktivitäten Samsons begleiten. Sicher ein geeigneter Topos für seine Songs, zumal  gerade die geographisch verorteten Weakerthans-Lieder stets für Gänsehaut sorgten, man denke nur an das herrlich entwaffnende “One Great City” von der Reconstruction Site.

Den Auftakt dieser Release-Reihe gestaltet die streng limitierte Single City Route 85 mit drei Songs, die die Erwartungen durchaus erfüllen, auch wenn sie nicht zu den ganz außergewöhnlichen Kompositionen des kleinen Manns mit der city-routefragilen Stimme gehören. Die A-Seite “Heart Of The Continent” ist allerdings bereits allein die Anschaffung der Single wert. John nur mit Akustikgitarre, das ist ganz und gar großartig und über jeden Zweifel erhaben. “Grace General” lädt zum Mitfühlen ein und “Cruise Night” ist ebenfalls dezent instrumentiert und wächst von mal zu mal. Letztlich sind aber selbst nur solide Songs des The Weakerthans Frontmanns dazu imstande, den Hörer in meterdicke Wohlfühlwatte zu packen.  Vielleicht ist auch nur die Tatsache, dass nach knapp 9 Minuten das neue Material bereits wieder in Stille mündet, die den Gesamteindruck leicht zu trüben vermag. Irgendwie hat man den Eindruck, dass es nach den drei Songs weitergehen müsste und man die ganz großen Momente vorenthalten bekommt. Die Single ist als Vinyl-Version mit Download-Code oder als rein digitales Release zu erwerben und zuletzt beim Grand Hotel van Cleef erschienen. Bei alten Freunden, wie Samson in diesem Interview bestätigt.

John K. Samson – Cruise Night als Free Download auf der Weakerthans-Homepage.

Pillow Fight Club: About Face And Other Constants

Es ist schon zum Teil skurril, was einem als Rezensenten so ins Haus geflattert kommt. Manchpillow_coveres ist zum ab- anderes zum drangewöhnen. Im Falle von About Face And Other Constants, dem zweiten Album der aus Frankfurt am Main stammenden Pillow Fight Club, hat man es eher mit einem postalisch verschickten Schachtelteufel zu tun. Statt “Pop Goes The Weasel” erklingt beim Öffnen der Box verspielt-atmosphärischer Post-Punk, der zudem durch ausströmenden Nebel zusätzlich visualisiert wird. Die Damen und Herren vom Pillow Fight Club scheinen sich jedoch nicht recht entscheiden zu wollen, ob sie in Richtung Anvantgarde und gen Pop-Horizont rennen wollen. Hauptsache die Beine bewegen sich erst einmal. Das hat aber so gar nichts mit dem Olympischen Gedanken zu tun, sondern vielmehr mit der Überwindung von Konventionen oder zumindest mit dem spielerischen Umgang mit solchen.

Vieles auf About Face And Other Constants mutet geradezu wie der unpeinliche Gegenentwurf zu Radiopop an, z.B. wenn die Band in “This is your song” fast traditionelle Folkpop-Elemente übereinander schichtet bis eine ganz possierliche Songchimäre aus den Boxen kriecht und kurz grüßt. Der geradlinige Post-/Dancepunk-Kracher “Not Interesting” ist gefällig, textlich allerdings leicht verstörend. Fassen wir zusammen: You dance like a fuck, so you fuck like a duck. Und weiter: Sorry, that’s not interesting. Merkt euch das, verdammt. Hervpfc-bandorzuheben ist in jedem Fall der prägnante Gesang von Valentina Trovato, die mit ihrer Stimme unterschiedliche Stimmungen zu generieren weiß. Von verträumt-einfühlsam (“No Gravity”) bis unterkühlt-verkopft (“Mirror Star”) ist es im Pillow Fight Club gerade mal ein paar Schritte durch den Raum. Dass die Band ihre Lektionen verinnerlicht hat, beweist sie in dem wunderbaren Artpunk-Hit “Some Other Day In A Lightyear” oder dem partiell gallopierenden “The Greatest Wave”, Zeugnis durchaus originellen Songwritings.

Nicht alles ist gleich bemerkenswert auf About Face And Other Constants und es fällt schwer eine Vergleichbarkeit zu anderen Bands herzustellen, da Pillow Fight Club ihr eigenes Süppchen kochen und z.T. leicht widersprüchlich würzen, doch genau das spricht doch uneingeschränkt für das soeben erschienene Zweitwerk der beiden Damen und beiden Herren. Daumen hoch für dieses Jack-in-the-Box-Album, das neben dezent platzierten Knalleffekten reichlich Platz für innere Einkehr bietet.

Videos: What?, The Bishops, The Dead Weather…

Hier eine kleine Zusammenstellung bewegter Bilder mit musikalischer Untermalung, frühwhat-videoer bekannt unter dem Namen Musikvideo. Mit dabei der brandneue Clip von What? mit ihrem elektrisierenden Gitarrengewitter, ein neues Video der Britpop-/Mod-Revival-Band The Bishops, Jack White mit seinen The Dead Weather und ein keineswegs angestaubtes Duett zwischen der irischen Popikone Sinead O’Connor und dem begnadeten Alkoholopfer Shane MacGowan. Ein bunter Clipmix also.

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What? – Whateverism

What? steht ordentlich unter Strom, dass hat die Band mit ihrer ersten EP namens Whateverism zugenüge unter Beweis gestellt. “Alles ist Pop” berichtete beinahe überschwänglich. Mit Recht. Nun haben What? ihr erstes Video zum Titeltrack der EP rausgehauen und Bild und Ton korrespondieren ganz wunderbar. Wenn DIY-Videos immer so professionell aussehen würden, wäre die ein oder andere Videoproduktionsagentur kurz vor der Insolvenz.


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The Bishops – Hold On

Die immer gut angezogenen The Bishops aus London, für die “Retro kein Schimpfwort” ist, haben ebenfalls ein schickes Video abgedreht. In ansprechender und stilbewusster Schwarz-Weiß-Ästhetik versteht sich. Der Song selbst ist ein, nicht ganz überraschend, tighter Gitarrenpopsong mit erfreulichem 60′s-Einschlag.


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The Dead Weather – I Cut Like A Buffalo

Jack White, Alison Mosshart & Co haben in den letzten Monat mit ihrem Album Horehound ordentlich Staub aufgewirbelt, dabei aber eben auch polarisiert. Die Single “I Cut Like A Buffalo” und das dazugehörige Video gehören in jedem Fall in die Kategorie “interessant”!


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Sinead O’Connor & Shane MacGowan – Haunted

Und dann noch eins aus der Mottenkiste. Zu Unrecht in Vergessenheit geraten, ist dieses wunderbare Duett zwischen Sinead O’Connor und Shane MacGowan. Diese rein irische Koproduktion aus Feengesang und Säufergegröle hat ihren ganz eigenen Charme. Ein Jammer, was aus MacGowan geworden ist.


Kokomo: Postrock in Selbstorganisation

kokomoSelbermachen. Gerade der Drang zum D.I.Y. (Do it yourself) macht Sub- und Gegenkulturen seit mehr als 30 Jahren so spannend und attraktiv. Die Duisburger Postrock-Band Kokomo dokumentiert mit ihrer anstehenden CD-Veröffentlichung nicht allein die Liebe zu instrumentaler Musik, sondern unterstreicht ebenfalls, dass Selbstorganisation auch oder gerade in einer automatisierten Wegwerfgesellschaft von besonderer Bedeutung sein kann. Kokomo haben ihr erstes Album “Matterhorn Bob and the black fair” nicht nur in Eigenregie aufgenommen, sondern gestalten auch das Design selbst, doch damit nicht genug. Alle Fäden laufen zusammen, wenn die Band-Mitglieder zudem noch die Hülle selbst drucken und das Ergebnis  durch handverlesene Bastelarbeit jeweils zum Unikat werden lassen. Das Produkt menschelt, könnte man sagen. Kokomo zelebrieren die Veröffentlichung  vom zunächst auf 200 Exemplare limitierten Album  “Matterhorn Bob and the black fair” mit einem Konzert in angemessener Atmosphäre am 12. November im Djäzz.

Instrumentaler Postrock verlangt musikalische Fertigkeit und das Tobias, Benjamin, Rene and Oliver diese besitzen, bewiesen sie in der Vergangenheit schon allein durch geteilte Bühnen mit Junius, This Will Destroy You, Caspian oder auch God is an Astronaut. Gute Einblicke in ihren versiert-dynamischen Laut-Leise-Sound bieten kokomo-bandsich aber auch auf der Myspace-Seite der Band. Nachdem Kokomo, die Band existiert nun seit eineinhalb Jahren, bereits quer durch Deutschland getourt und in Österreich aufgetreten sind, werden die vier Duisburger auf der anstehenden Tour ihren neuen Tonträger auch in Frankreich und England präsentieren können. Nicht nur von ihrer Musik getrieben, sondern offenbar auch von der Reiselust ergriffen, ist zudem für April 2010 eine Europa-Tour in Vorbereitung, die Kokomo bis nach Istanbul bringen wird.

Zunächst halten die Jungs aber erst noch in Duisburg die Postrock-Fahne hoch und daher sollten alle Freunde progressiver Gitarrensounds und aufgebrochener Songstrukturen am 12. im Djäzz vorbeischauen und mit der Band CD-Release feiern. Die “Matterhorn Bob and the black fair”-CD wird übrigens 5, höchstens 6 Euro kosten und das ist bei all der aufgebrachten Leidenschaft ihrer Urheber doch ein sehr geringer Preis, zumal die mitreißende Musik des Tonträgers bei aller detailverliebten Aufmachung nicht unterschlagen werden sollte.

Kokomo CD-Release “Matterhorn Bob and the black fair” am 12. November im Djäzz (Duisburg). Ab 21 Uhr und 4 Euro Eintritt.

(Fast) alles ist Pop im Fährmann

Die Party ist tot, lang lebe die Party! Am kommenden Samstag, dem 7. November, gibt es im Fährmann wieder Indierock, Britpop und “Hamburger Schule”. Apropos Indierock, Britpop & “Hamburger Schule”: Es hat sich einiges getan – Bloc Party und die Rakes sind nicht mehr, die Libertines kommen wieder, die Sterne werden elektronisch und die neuen Hamburger sind Wiener. Zu viel neues? Verwirrung? Keine Angst, der Samstag wird das bestimmt (nicht) klären. Ab 18 Uhr, Eintritt frei. Alle Infos hier.

Escapado: Alles wird gut

escapadoEs sah nicht gut aus. Im Sommer wurde bekannt, dass die vielversprechende (Post-)Hardcore-Band Escapado aus dem hohen Norden personellen Aderlass zu verzeichnen hat. Sowohl Sänger Helge als auch Bassist Gunnar kehrten Escapado den Rücken und das obwohl mit dem Grand Hotel van Cleef-Album “Initiale” die Zukunft der Band mehr als rosig aussah. Inzwischen waren es die Escapado-Flüchtigen, die mit positiven Schlagzeilen hausieren gehen konnten.

Helges und Gunnars Neue hört auf den Namen Grand Griffon und schlägt mit einer ansprechenden Mischung aus rotzigem Hardcore und melodischen Punk Alarm und man somit eben ein neues musikalisches Kapitel auf.  Erste Hörproben stehen auf Myspace parat und zukünftige Tonträger werden bei den alten Bekannten von Zeitstrafe das Licht der Welt erblicken. Aber nun zu den Zurückgebliebenen.

Offensichtlich stand für die verbliebenen Mitglieder rasch fest, dass man die leck gelaufene Kogge Escapado wieder seetüchtig machen würde. Nicht ganz selbstverständlich, bei einem so derartigen personellen Einschnitt, aber vermutlich wurde bereits zu viel mit der Band erreicht, als dass man das alles einfach wegwerfen könnte und wollte. Inzwischen wurde aber auch die personelle Krise beendet und das Line-Up wieder komplettiert.

Nachdem mit Felix ein neuer Bassist gefunden wurde, verkündeten Escapado heute via Myspace, dass nun auch mit Jannes ein neuer Mann fürs Mikrofon angeheuert hat. Doch damit nicht genug. Zudem wurde für Sommer 2010 ein neues Album angekündigt, an dessen Songs nur noch die Feinarbeit aussteht. Konzerttermine mit der neuen Besetzung folgen entsprechend selbstverständlich in näherer Zukunft, sprich nach der Jahreswende. Ein Happy End also und das mit Cliff Hanger und  Sequel-Versprechen. Gut so.

Karohemd und Klampfe: das alte Lied namens Punkrock

frank-turner-1Frank Turner, Chuck Ragan, Tim Barry, Tom Gabel…diese Reihe lässt sich mühelos weiterführen und das Phänomen Sänger aus Punkband macht Country-/Folk-Solo-Album ist längst zur Normalität geworden. Zuletzt waren es die neuen Longplayer von Frank Turner und Chuck Ragan, die erneut untermauerten, dass diese grundehrlichen Musikrichtungen unweigerlich miteinander korrespondieren zu scheinen. Zumindest erweisen sich die akustischen Spielarten folkloristischer Populärmusik als besonders attraktiv für in die Jahre gekommene Punkband-Frontmänner. Gut, Folk-Punk an sich ist nicht gerade eine neue Entwicklung der letzten Jahre wie beispielsweise Against Me! als bekanntes Exempel mit Stetigkeit bewiesen haben und auch der rentabele irisch-folkige Punkrock hat (zumindest was Qualität anbelangt) seinen Zenit bereits überschritten, auch wenn die Verkaufszahlen und größer werdenen Venues eine andere Sprache sprechen. Doch es ist gerade die mit Punk-Attitüde aufgeladene Lagerfeuer-Geselligkeit, die seit einiger Zeit beim Publikum besonders gut punktet.

Gerade der aktuelle Frank Turner Longplayer “Poetry Of The Deed” wird nicht nur in den Fanzines der Welt abgefeiert, sondern auch die etablierte Musikjournaille bereitet dem ehemaligen Frontmann der britischen Hardcore Punkband Million Dead den roten Teppich. Natürlich ergänzen sich das ruppig-hemdsärmelige Image der nonkonformistischen Subkultur und das Dasein als pragmatisch dichternder Singer-Songwriter in geradezu idealer Weise, zumal Folkmusik und Protestbewegung ohnehin schon seit jeher eine enge Liaison eingehen.

Gerade in wirtschaftlich bedrückenden Zeiten ist es auch die Geselligkeit solcher Musik die dem Hörer Wärme und Hoffnung vermitteln kann. Wer einmal die besondere Atmosphäre eines Chuck Ragan Konzerts erlebt hat, weiß, was damit gemeint ist. So irrational und absurd es sein mag, doch allein durch die mit kratziger Stimme vorgetragenen Songs des Hot Water Music Sängers scheint aus einer Ansammlung verschiedener Konzertbesucher auf einmal ein Haufen Gleichgesinnter, gar guter Freunde geworden zu sein. Selbstredend verfliegt dieses Gefühl wieder so schnell, wie es Einzug gehalten hat und war ohnehin nie mehr als eine gewünschte Illusion, doch die Zufriedenheit bleibt. Auch wenn man vielleicht nur das in der Musik Vorgelebte, den Trotz und die Standhaftigkeit mit nach Hause nimmt und in den Alltag überträgt – diese Haltung ist es ebenfalls, die Punk und Folk eint.

Das dem ganzen eine gewisse anachronistische Tendenz anhaftet, versteht sich von selbst. Dies kann aber kaum verwundern, ist Punk doch ohnehin seit 1977 eine beständige Art des Wiederkäuens und erreicht nur höchst selten die innovative Sprengkraft und Relevanz, welche man diesem stets attestierte. Die soziale Bedeutung von Szene und Subkultur ist dagegen kaum zu schmälern und unbestritten. Vielleicht ist es trotzdem das gesetztere Alter der Interpreten und ihrer Anhängerschaftt, das dem Punk Karohemd und Akustikgitarre  so gut zu Gesicht stehen lässt, doch manchmal entpuppt sich die analytische Spurensuche als defintiv obsolet, vor allem wenn es Musik betrifft, die so intuitiv ins Schwarze trifft. Dann erübrigt sich die Frage nach dem Warum und übrig bleibt allein das Vergnügen an herzensguter Musik mit Rückgrat.

Frank Turner – The Road


Tim Barry – Thing of the past


Tom Gabel – Harsh Realms


Chuck Ragan – The Boat – Köln – 01.09.2009


Editors – Verlustängste

editors_itlaote6“I swear to god, I heard the earth inhale, moments before it spat its rain down on me.” Boom. Die Editors sind zurück und eröffnen ihren Drittling In this light and on this evening mit gewohnt großer Geste. Fast zweieinhalb Jahre nach dem bärenstarken An end has a start und nach Vorankündigungen, die beim Kollegen bereits schlimme Befürchtungen aufkommen ließen, traue auch ich mich kaum an diese Platte heran. Zu viel steht auf dem Spiel, zu ratlos ließ einen die Vorabsingle “Papillon” zunächst zurück. Doch alle Furcht vor dem Verlust einer Lieblingsband nutzt nichts, also rauf mit der neuen Platte auf den Plattenteller… und plötzlich sind alle Gedanken weg! Der Titelgebende Opener wummert einen mit zu Beginn zitierter Zeile gleich mal tief in dunkle Gedanken- und Gefühlswelten – mitten in den Editors-Kosmos also. Keine Gitarren in der Nähe? Kein Schlagzeug? Tom Smiths Stimme eher flüsternd als singend zu kaum mehr als ein paar Synthie-Spielereien? Für all diese Beobachtungen bleibt überhaupt keine Zeit, so packend ist das Intro. Nach knapp drei Minuten folgt eine Explosion, eine Klimax die wachrüttelt -  und nach nur einem Song herrscht plötzlich große Vorfreude auf die acht noch folgenden Stücke.

Also alles gar nicht so schlimm mit dem “neuen” Synthies-Future-Sound? “Bricks and Mortar” dämpft zunächst die gerade erst aufgebauten Erwartungen. Drumcomputer angeworfen, eine einfache Basslinie und – natürlich Keyboard mit ordentlich Hall drüber – hmm. Wäre da nicht diese Stimme, die sich langsam erhebt und in Stärke und Ausdruckskraft ganz weit vorne dabei ist, wär’s wohl nichts Besonderes. Es folgt mit “Papillon” Bekanntes. Wenngleich tighter und beatlastiger als die meisten seiner Song-Kollegen, bleibt das Schema stoischer, fast monotoner Rhythmen und Melodiewiederholung über fünfeinhalb Minuten gepaart mit Lyrics, die als einzige Konstante Editor’schen Schaffens zu bleiben scheinen, erhalten. “Darling, your’re born, get old and die here – well that’s quite enough for me.”

Halt, stopp! Es geht weiter. Die Stimmung inzwischen leicht gedämpft. “You Don’t Know Love” läuft. Ein Knaller. Nicht nur, weil der gerade beschriebene Songstruktur plötzlich aufzugehen scheint, als hätte es nie andere Editors gegeben – nein, plötzlich ist Sie wieder da: Die Gitarre! Perfekt harmonierend mit dem ebenso einfachen wie Gänsehaut erzeugenden Refrain in dutzendfacher Dauerschleife. Gänsehaut, ich liebe dich!  ”The Big Exit” ist danach leicht zu übersehen, vorhanden, aber nicht weiter wichtig – eine kleine Verschnaufpause eben. Die ist dringend nötig, denn das nächste Highlight baut sich bereits turmhoch auf. “The Boxer” setzt auf melodiösen Minimalismus. Fallen lassen und Smith lauschen, der nun endgültig zu Höchstform aufläuft, ist das Motto. “The Boxer isn’t finished, he’s not ready to die.” Eine Kampfansage auf höchstem Niveau. Doch emotionale Höhen werden inhaltlich natürlich nicht gestattet und mit einem klagenden “Dazed in the final rounds” sogleich wieder einkassiert. Wow!

Das gilt auch für “Like Treasure”, das in mancher Hinsicht ein zweites “You don’t know Love” markiert und vielleicht auch deshalb nur fast an eben dieses heranreicht. Das Ende naht, die Erwartungen sind inzwischen wieder weit oben, weil das Gefühl wächst, das das Quartett aus Birmingham gar keine andere Wahl hatte, als genau dieses Album aufzunehmen. Kälter als die beiden ebenso fantastischen wie in großen Teilen ähnlichen Vorgänger, die auf gleichem Niveau wohl kaum einen dritten Bruder hätten bekommen können. Ohne ein treibendes “The Racing Rats”, ein dauerexplodierendes “Bullets”, ohne sich aufdrängende Singles neben dem bereits veröffentlichen Schmetterling. Mit “Eat Raw Meat = Blood Drool” folgt im Übrigen noch der einzige Ausfall des Albums, zu stumpf wird hier das neu entdeckte Songprinzip durchgedrückt – schade. Das Finale gelingt hingegen wieder zu hundert Prozent Geschmackssicher und entlässt einen in bester The Back Room-Manier in die Freiheit. Was bleibt? Das gute Gefühl, dass Ängste in einem positiven Ende aufgelöst werden können und die Editors auch nach diesem herausfordernden Wurf eine Lieblingsband bleiben dürfen!



Moneybrother: Kopfwende in der Einbahnstraße

real-controlAnders Wendin, besser bekannt unter seinem Pseudonym Moneybrother, ist ein netter Kerl. War er schon immer. Schon zu Monster Zeiten wirkte der Schwede grundsympathisch und was noch wichtiger war, der ausgelassene Soul Punk seiner damaligen Band versprühte jede Menge Esprit und Spielfreude. 2000 ist das Monster dann eingegangen und Herr Wendin zog sich die großen Schuhe einer Solokarriere an, wenn auch unter besagtem Künstlernamen. Mit Blood Panic gelang dem Schweden dann auch ein respektables Album, ein gelungenes Stilhopping zwischen Soul, Reggae, Rock und einer nicht zu kleinen Prise Pop. Zudem enthielt jenes Solodebüt mit ” It’s Been Hurting All The Way With You Joanna” und “Reconsider Me” zwei Singles, deren Hitpotential sich nachhaltig erweisen sollte. Dank tatkräftiger Mithilfe Sarah Kuttners fand Moneybrother sein Publikum hierzulande und das Publikum Moneybrother, denn Monster waren nur sehr leidlich auf dem europäischen Festland bekannt. So richtig rund ging es dann aber erst 2005 mit dem Nachfolger To Die Alone, ein Album an dem der Gute offensichtlich bis heute zu knabbern hat. Tolles Artwork und starke Songs, wenn auch zum Teil arg schmalzig. Mit dem sensationellen “Blow Him Back Into My Arms”, dem Soul Smasher “They’re Bulding Walls Around Us” oder Schmachtfetzen wie  “Nobody’s Lonely Tonight” reizte Wendin eventuell seine Songwriter-Möglichkeiten bis zum Äußersten aus, denn die große Ernüchterung folgte 2007 mit Mount Pleasure.

Schon irgendwie ungewollt passend, dass sich Wendin auf dem Coverfoto mit Krücken ablichten ließ. Zwar sollte das Album insgesamt wieder etwas dynamischer daher kommen, doch irgendwie zündete der zum Teil uninspiriert wirkende Pubrock inklusive Springsteen-Anleihen nur selten. Auch die offensichtlichen Wenders Helden wie The Clash oder Thin Lizzy standen dem Album Pate, doch mehr als die nur kurzfristig unterhaltsamen Songs wie “Guess Who’s Gonna Get Some Tonight” oder Down at the R” sprangen dabei nicht heraus und selbst die locker-flockige Single “Just Another Summer” wirkte merkwürdig blutarm. Zwar durfte man kein weiteres Blood Panic oder To Die Alone erwarten, doch eine ansprechende Mischung aus beiden Alben inklusiver neuer Impulse wäre denkbar gewesen. Im Schreibprozess scheint dem lockigen Schweden jedoch die Kreativität auf der Arbeitsplatte abhanden gekommen sein. Ensprechend mäßig war die Resonanz auf Mount Pleasure, auch wenn der Longplayer in Schweden erneut die oberste Chartplatzierung ergattern konnte. In Deutschland stagnierten die Verkaufszahlen gegenüber dem Vorgänger und Moneybrother musste den Liebesentzug des Publikums fürchten, doch die Konzerte blieben das, wofür Wendin bekannt ist: gute Unterhaltung.

Nun der erneute Versuch in Gestalt des neuen Albums Real Control, das bereits im April in der schwedischen Heimat veröffentlicht wurde und seit Ende September nun auch auf dem hiesigen Markt erhältlich ist. Das Besinnen auf alte Stärken ist dem aktuellen Longplayer anzumerken, vor allem das Bemühen um die abhanden gekommene Leichtigkeit. Ob der Knoten letztlich gelöst wurde, ist schwer zu sagen. Die erste Single “Born Under A Bad Sign” könnte genauso gut Mount Pleasure entstammen und die weiterhin bestehende Skepsis weicht erst so langsam mit “We Die Only Once (And For Such A Long Time)”, das inzwischen als zweite Auskopplung fungiert. Sehr erfrischend, Joe Strummer lässt schön grüßen. Bei “6 AM” gelingt es Moneybrother wieder einen perfekten Herzschmerz-Soulknüller rauszuhauen und auch “Here Comes The Vain Again” verdeutlicht die Vermutung, dass der Interpret sich wieder auf der richtigen Spur befindet. Besser kann man Radiopop kaum gestalten. Manches auf Real Control bleibt wohl der Gunst der ganz treuen Fans des Schweden vorbehalten und Songs wie “Not That Old” sorgen doch ein wenig für Fremdscham. Dennoch scheinen die Zahnräder in der nordischen Hitmaschine längst wieder besser zu greifen.

Moneybrother – We Die Only Once (And For Such A Long Time)



The Flare-Up! – Whip’em Hard, Whip’em Good

flare-upAction-Garage-Rock mit viel Drive. Kommt aus Skandinavien? Richtig! Darf jetzt gegähnt werden? Mitnichten. Schon erstaunlich, dass gerade Schweden immer wieder Bands hervorbringt, die sich genau  besagtem Sound verschrieben haben, doch die hier vorgestellten The Flare-Up! sind mehr als nur weitere Hellacopters oder Backyard Babies Epigonen.

Ihr Debütalbum Whip’em Hard, Whip’em Good schlägt zwar durchaus in die Schweinerock-Kerbe, die in der Vergangenheit so typisch für die Garagerock-Szene des hohen Nordens war, doch andererseits weist die junge Band reichlich Eigenständigkeitspotential auf.

Dies beginnt bei der hysterisch anmutenden Stimme des Sängers Manne Svensson und drückt sich vor allem in der heterogenen Mischung der Songs aus, so dass der eingangs unterstellte Langeweile-Einwand ins Leere läuft. Auf  Whip’em Hard, Whip’em Good ist auch Platz für den ein oder anderen Popmoment und insgesamt scheint die Band eher in Richtung Indies- als zur Punkrockszene hinüber zu zwinkern.

Ein herausragendes Beispiel für die genreunorthodoxen Momente des Albums ist sicher der Titelsong, der sich  als lupenreine Glam-Power-Ballade entpuppt und ganz schön in den Ohren wurmt. Im Gegensatz zu diesen Ausbrechern, zu denen auch das ebenfalls Glamappeal aufweisende “Too Many Zombies” und das Britpop-lastige “All Them Pretty Dolls” gehören, versteht es der Longplayer schon erwartungsgemäß zu rocken und mit gehörig Dreck zu werfen. In diese Kategorie fällt sich der Opener “Put It In A Letter” oder das abschließende “Sure You’re Big Enough?” (exklusive dem Hidden Track, der sich als 70′s Rockschwarte erweist).

Das in Deutschland auf TV Eye Records in Berlin erschienene Album von The Flare-Up! ist wirklich eine kugelrunde Sache und rollt und rockt über Stock und Stein, weicht dabei dem ein oder anderen Klischee aus, obwohl solche Ausweichmanöver nicht immer zu gelingen scheinen. Dennoch ist  Whip’em Hard, Whip’em Good gerade gemessen an den doch sehr ausgetretenen Pfaden dieses Genres ein echter Glücksgriff.

The Flare-Up! auf Tour:

16. Oktober – Pretty Vacant (Düsseldorf)

28. November – Bassy (Berlin)