Der dreckige Rest

Okkervil River: “Wake And Be Fine”

Eigentlich müsste man Will Sheff ein Stück roten Teppich an die Schuhsohlen tackern, denn der hagere Mann, der einem Woody Allen Film entsprungen sein könnte, gilt als einer der besten Songwriter unserer Tage. Falsch ist diese Einschätzung keineswegs, auch wenn die Teppichgeste mehr Glamour beinhalten würde, als dem schüchternen Songpoeten lieb wäre. Ohnehin macht Sheff sich in den Medien relativ rar und umso schöner ist es, dass er lieber Veröffentlichungen für sich sprechen lässt. 3 Jahre nach dem letzten Studioalbum “The Stand Ins” und einem Jahr nach der Kollaboration mit der Psychrock-Legende Roky Erickson präsentieren Okkervil River nun das neue Werk namens “I Am Very Far”.



 

Dass die Indiefolk-Darlings ihren erdigen Sound modifiziert haben, lässt bereits die Single “Wake And Be Fine” erahnen. In diesem Fall – wie so oft im Leben – lautet Devise verändern und Veränderungen zulassen, ergo Stillstand = Tod. “Wake And Be Fine” hat dennoch alles, was Okkervil River aus- und liebenwert macht: großartiges Melodiegespür, eine aufregende Komposition, ein gelungenes Maß epischen Charakters und letztlich Sheffs poetische Präsenz.

Daytrotter Session mit WHY?

Die Daytrotter Sessions haben sich mit den Jahren als die legitimen WWW-Nachfolger der John Peel Sessions erwiesen, was daran liegen könnte, dass sich der gesamte Indierock-Kosmos bereits im Horseshack Studio eingefunden hat. Fast alle namhaften Spartenkünstler waren schon dort, um ihre Live-Session einzuspielen.

Aktuell haben sich die verschrobenen Indiefolk-Lockenköpfe und -Bärte von WHY? bei Daytrotter verewigt. Amüsant zu lesen, ist die Beschreibung, wie Frontmann Yoni Wolf sein Lunchpaket im Studio verteilt hat. Hörenswert sind die Aufnahmen ohnehin.

“We cannot recollect anyone else using our piano as a food station and it makes sense that Wolf was the first, as he seems to have no separation of church and plate in his life, stirring everything together into one long lifeline of an experience.”

Lieber Finder

schön, dass du meine schwarze Tasche mit den vielen 7″ Vinyl Singles gefunden hast. Ich habe sie wohl auf dem Nachhauseweg verloren.

Bitte schreib mir doch unter um ein Treffen zu organisieren und über deinen Finderlohn zu sprechen ;)

Vielen Dank!

Ja, Panik: mfg

Ach, die Marsmännchen-Theorie. Ein Außerirdischer landet in Wanne-Eickel, fragt nach der besten deutschsprachigen Band im Indierock-Segment. So bescheuert das Szenario auch anmutet, antworten muss man wohl: Ja, Panik. Musikalisch ausgefuchste Arrangements und Texte, die zwischen Deutsch und Englisch, zwischen Schwermut und Hochgefühl, zwischen Schachtelsinn und scharfzüngigen Kalauern mühelos im Dreieck springen.

Die österreichischen Wahl-Berliner waren in der Vergangenheit bereits mehrfach Band der Stunde, zumindest aus Kritikersicht. Die Spex-Lieblinge veröffentlichen am 15. April ein neues Album mit dem kryptischen Namen “Dmd Kiu Lidt”. Vorab gibt der Free Download “Trouble” Auskunft über die Stoßrichtung des neuen Songmaterials. Dass Ja, Panik an eine musikalischen Wegscheide stehen, wurde band-seitig vor einiger Zeit in einem Interview bestätigt. Noch 34 Tage…

Maritime: Aufgetaucht

Ich kann mich noch gut an mein letztes Maritime Konzert erinnern. Im Düsseldorfer Zakk trug Sänger Davey von Bohlen einen nicht zu gewinnenen Kampf mit dem Mikrofonständer aus, ging immer wieder in die Knie, um seine Vocals in die dafür vorgesehene Apparatur zu leiten. Eine kuriose Performance, schließlich ist ein Mikrofonständer weder ein schwer zu justierender Gegenstand noch Mr. von Bohlen ein wahrer Hüne, was diverse Tauchversuche immerhin hätte erklären können. Ein denkwürdiger Abend allemal, da die Band aus Wisconsin selbst ihre entspanntesten Songs, denen eigentlich eine wohlige Schläfrigkeit innewohnt, in einem schier aberwitzigen Tempo ins Publikum feuerte. Letztgenanntes zeigte sich dann auch begeistert von der lancierten Spielfreudigkeit der Herren aus dem sogenannten Dachsstaat der USA.

Danach verabschiedeten Maritime sich aus der (deutschen) Öffentlichkeit, obwohl 2007 mit Heresy and the Hotel Choir ein neues Album bei Grand Hotel van Cleef erschien. Hierbei handelte es sich um eine solide Songwriting-Leistung mit gelegentlichen Highlights, wie den äußerst gelungenen Singles “Guns of Navarone” und “For Science Fiction”. Eine Album begleitende Tour gab es nicht, jedenfalls kann ich mich nicht an eine solche erinnern. In den letzten Jahren wurde es schließlich mucksmäuschenstill um die Freunde des maritimen Klimas, so dass die in diesen Tagen kursierende Nachricht von einem bald erscheinenden neuen Tonträger durchaus überraschen konnte. Am 8. April erscheint Human Hearts wieder beim Hamburger Label von Wiebusch & co und der musikalische Vorbote “Paraphernalia” findet sich hier als Free Download. Um zu begeistern, muss das Album noch eine Schippe drauflegen, denn der Song, dessen Titel sich auf die Mitgift einer Braut bezieht, ist gerade mal nett und das ist zumeist kein schmeichelhaftes Qualitätsurteil für eine Band. Ob Davey inzwischen einen Mikrofontauchschein gemacht hat, kann noch nicht geklärt werden. Tourdaten sind bisher nicht bekannt.

Alles auf Anfang

Mit einer adenaueresken Rückwärtsrolle zurück in den Startblock, ergo: Alles auf Anfang. Das verkündete Ende von unserem Blog war auch nicht mehr als nur “Geschwätz von gestern”. Es war nicht abzusehen, wie groß die entstandene Lücke für uns persönlich werden würde und die Lust am Schreiben ist wieder ähnlich groß wie vor dreieinhalb Jahren. Nun müssen wir uns eingestehen, dass wir nicht klüger sind als abgehalfterte Schlagersänger und ehemalige Schwergewichtsboxer. Von wegen: they never come back!

Alles ist Pop kommt zurück – allerdings mit einem leicht modifizierten Konzept. Die Ambition, mehr Magazin als Blog zu sein, tritt in den Hintergrund. Es soll keine ausufernden Rezensionsergüsse mehr geben und wir werden auch nicht mehr dem gefühlten Zwang unaufgefordert eingesandte CDs zu besprechen nachgeben. Wir wollen uns die Freude an der eigenen Schreibe nicht erneut trüben lassen und wieder das in den Vordergrund rücken, worum es geht: Unsere Begeisterung für Musik. Bald mehr dazu.

Fährmann am Sa, 13.11.

Auch wenn der letzte Mitstreiter bei unserem kleinen Blog nach langer Zeit die Tür zu zieht, geht es einmal im Monat Kneipentechnisch weiterhin zur Sache. Heute DJ-Action im Fährmann. Auf (fast) 3 Jahre Alles ist Pop!

3 Jahre “Alles ist Pop”…und aus!

allesistpop-aus“Mach die Tür zu, es zieht” sang Frank Spilker 1995 bei dem gleichnamigen Sterne-Song und beschrieb damit das Dasein im Transitraum. Ja, ja – alles ist in Bewegung und alles hat ein Ende, nur der/die/das Pop hat keins?

Mag sein, aber nach drei intensiven Jahren “Alles ist Pop” schlagen wir erstmal redaktionell gesehen die Türe zu. Zum einen, weil man zu Architektur bekanntermaßen nicht tanzen kann und andererseits weil einfach die Zeit nicht mehr ausreicht, um dem eigenen Anspruch und dem Anspruch der Künstler, Promoagenturen, Labels und interessierten Lesern gerecht werden zu können. “Alles ist Pop” ist nicht als Soloprojekt konzipiert worden und doch hat es sich so entwickelt, dass oft oder vielmehr lange Zeit nur ein einziges Paar Schultern die popkulturelle Bürde unseres kleinen Magazins zu tragen hatte.

Nichtsdestotrotz waren die letzten drei Jahre eine bewegte Zeit für uns, in der wir viele interessante Alben und Bands vorstellen konnten, einige sympathische und kompetente Künstler interviewen durften und dem chronisch untertanzten Duisburg mittels einer eigenen Partyreihe unsere Vorstellung von adäquaten Tanzflächenfüllern aufzwängen konnten. Zumindest für einige Monate.

Die Verlegung vom Dancefloor an die Theke, sprich vom Steinbruch ins Fährmann, hat sich ausgezahlt, so dass mein Mitstreiter Benedikt a.k.a. (Fast) Alles ist Pop auch weiterhin am zweiten Samstag im Monat die Kneipenlandschaft Neudorfs aufwerten wird.

Ich für meinen Teil kann mich nur bei allen kooperativen Musikern, Bands, Agenturen, Plattenfirmen und co für die vertrauensvolle Zusammenarbeit bedanken und bin jetzt raus, jedoch nicht, ohne noch einmal den großartigen Steven Patrick M. mit einem augenzwinkernen “[...] You’re gonna miss me when I’m gone” zu zitieren. (Morrissey, “All You Need Is Me”)

Beste Grüße,
euer Jan

An Introduction To…Elliot Smith

Viele Leute sehen in Elliot Smith einen der bedeutendsten Songschreiber unserer Generation, eine Einschätzung, die nach dessen Freitod 2003 noch häufiger anzutreffen ist. Nach bereits zwei anderen posthumen Veröffentlichungen folgt am 1. November die Compilation “An Introduction to…Elliot Smith”, die einen Querschnitt seines Schaffens bieten soll. Dass das großartige Album “Either/Or” mit 5 Stücken die größte Quelle des Samplers darstellt, ist sicher kein Zufall. “An Introduction to…” erscheint in CD-Form und 180 Gramm Vinylversion bei Kill Rock Stars / Domino.

Kurzgefasst: Belle and Sebastian, Eric Eckhart, Hunger For Distance

bsBelle and SebastianWrite About Love. Achtung, das ist keine Rezension. Die schottischen Schöngeister Belle and Sebastian haben in der vergangenen Woche bereits ihr achtes Studioalbum veröffentlicht und pflegen immer noch einen vor Harmlosigkeit triefenden Twee Pop, der gerade durch ausgezeichnetes Songwriting und trotz der chronischen Abstinenz von Reibungspotenzial den Status der Band als Indiepop-Darlings aufrecht erhalten wird. Obwohl ich selbst bereits mehrere B&S-Alben besitze, weiß ich immer noch nicht so recht, was ich von Stuart Murdoch und seinen Mitstreitern halten soll.

Letztlich genießt die Band einen Kultstatus, vor allem im United Kingdom, den man sicherlich respektieren sollte, doch bereits erste Höreindrücke aus Write About Love nötigen einem nicht gerade die Bereitschaft ab, sich näher mit dem alles in allem niedlichen Gesamtsound des Albums zu beschäftigen und in die sicherlich vorhandene Tiefenstruktur einzudringen. Die vermeintliche Wand des entspannt-gemächlichen Songwritings könnte ebenso die Auftürmung von Langweile und Austauschbarkeit sein. Man lerne: Handwerk und Talent müssen nicht folglich dazu befähigen, die weite Ebene der Mittelmäßigkeit zu verlassen, doch vielleicht ist dies genau die Kunstfertigkeit der schottischen Band, nämlich das eigentlich Geniale in Durchschnittlichkeit zu tarnen. Vielleicht werde ich es nie herausfinden.

Eric EckhartThis Is Where It Starts. Ein Name, wie ein Hammerschlag in eineeer Stahlmanufaktur. Auch ohne klingenden Künstlernamen kann der amerikanische Wahlberliner auf 25 Jahre Bühnenerfahrung zurückblicken und tauchte beispielsweise im Vorprogramm von Broken Social Scene, Fionn Regan oder Ocean Color Scene auf. Ebenfalls auf der Habenseite steht neben reichlich Lebenserfahrung, gehörig Stage Time auch noch eine angenehm warme Stimme, die wunderbar zum zwischen Singer-Songwriter-Kram und sonnigen Rock pendelnden Sound passt. Besonders viel Energie transportiert Eckhart bei den weniger popigen Songs wie “Bring Me Down” oder dem mitreißenden “Better Way”. Nett!

Hunger For Distance – Bremslichtdisko. File Under schrammeliger Indierock, was gar nicht mal negativ gemeint ist. Die 8 Song starke EP rumpelt da, wo sie muss und deswegen passt hier auch endlich mal das Prädhfdikat “Indie” in seiner ursprünglichen Wortbedeutung. Das ist frischer und authentischer (Post-)Proberaumsound, der wohl austariert ist und von einem guten Gespür für Laut-leise-Dynamik zeugt. Natürlich hat das alles mehr Demo- als einen professionellen Charakter, ist zum Teil sehr windschief und entsprechend leicht anstrengend zu hören, doch insgesamt keineswegs substanzlos.

Mit einer besseren Aufnahme und ausgefeilterem Gesang könnte die Band aus Duisburg, Köln und Mülheim  sicher mehr überzeugen, denn Songs wie “Reminiszenz” oder das leicht an Muff Potter erinnerende und absolut gelungene “Luzern (+1)” zeugen von vorhandenem Potenzial. “Das Schwerste ist es nicht, jemanden zu Verlassen, das Schwerste ist es, nicht zurückzukommen.” Wichtig ist es sicherlich, dass die Band nun den Sprung nach vorne schafft, um besagtes Etikett der bemühten Proberaum-Band loszuwerden. Falls dies gelingt, geht hier noch was, doch bis dahin gilt das Prinzip “support your local scene”, denn die EP ist für günstige 4€ (+ Porto) in diesem Geiste zu beziehen.