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testcard #20: Access Denied

Ende Mai ist der zwanzigste Band aus der Reihe testcard mit dem Titel “Access Denied” erschienen. Das übergeordnete Thema für alle Beiträger war “Ortsverschiebungen in der realen und virtuellen Gegenwart”.

Die Wertigkeit des lokalen wie des sozialen Lebensraums hat sich enorm in den letzten zwanzig Jahren verändert, so dass die Autoren gleichermaßen Gentrifizierung wie das Phänomen Web 2.0 betrachten und analysieren. Dabei werden sowohl subkulturelle wie politische Dimensionen erschlossen, was allemal sehr interessant anmutet.

Vervollständigt werden die knapp 300 Seiten durch divere Rezension zu Film, Musik und Literatur.

 

Jonas Engelmann / Holger Adam / Frank Apunkt Schneider / Sonja Vogel / Johannes Ullmaier (Hg.)

testcard #20: Access Denied

Broschur, mit zahlreichen s/w-Abbildungen
296 Seiten
1. Aufl. 2011
15,00 €(D)
ISBN 9783931555191


Jan Drees & Christian Vorbau: Kassettendeck

Nick Hornby hat sie uns gelehrt, die güldenen Regeln des Mixtapes. Diese vermeintliche Philosophie des Zusammenstellens einer Songabfolge war schon in “High Fidelity” im Grunde nur die Aufbereitung von einer allseits bekannten Strategie. Bahnbrechendes liefert auch das Autoren- und Herausgebergespann Drees & Vorbau nicht. Der Popliterat/Radiojournalist und der Szene-DJ liefern mit der Buchpublikation “Kassettendeck” vielmehr die Glorifizierung eines überkommenen Mediums ab.

Gerade die Kassette war lediglich eine Übergangslösung in der Tonträgergeschichte und doch scheint sie einer “Generation” den “Soundtrack” beschert zu haben, wie der Untertitel dem interessierten Käufer weismachen möchte. Ich selbst habe noch lange, viel zu lange in mehreren Fahrzeugen abstruse Kassettenrekorderkonstruktionen verwendet, um Mobilität mit (lofi-)Hörgenuss kombinieren zu können. Es würde mir jedoch nie in den Sinn kommen, im Anflug aufwallender Melancholie diese leiernden, kleinen Dinger noch einmal hochleben zu lassen.

So könnte man vermuten, dass die illustre Buchbeiträgergemeinschaft sich vor allem selbst feiert. Recht hätte man. Smudo, Hans Nieswandt, Peter Glaser, Lars Lewerenz, Benjamin von Stuckrad-Barre, Bret Easton Ellis, WestBam, und, und, und! Die vielen bekannten Namen können nur bedingt die etwas transparent schimmernde Substanz dieses doch sehr kurzweiligen Buches anreichern. Fazit: Ein in der Aufmachung hübsch illustrierter Zeitvertreib, jedoch keine Pflichtlektüre im eigentlichen Sinne.

Lesung: LCD im Salon des Amateurs

Dienstag geht es los! Der LiteraturClub Düsseldorf feiert seine Premierenveranstaltung im Salon des Amateurs. Eine Bereicherung für die Düsseldorfer Altstadt und Literaturszene gleichermaßen. Zum Auftakt lesen die Initiatoren selbst: A.J. Weigoni, Swantje Lichtenstein, Enno Stahl, Peggy Neidel, Jens Prüss. Pflichtveranstaltung!

Interview: Findus

findus-coverMit “straight unter die Rippen” kann man die Stoßrichtung des zwischen Indierock, Pop und Punk zu verortenden Sound der norddeutschen Band Findus beschreiben, der dennoch kaum in eine der musikalischen Schubladen passen will. Eigentlich war das Interview mit den sympathischen Neu-Hamburgern schon länger geplant, doch irgendwie ist das Vorhaben in den unendlichen Weiten des WorldWideWebs zeitweilig verschollen gegangen.

Nichtsdestotrotz und in aller Ausführlichkeit hat Sänger Lüam meine Fragen zur Wahlheimat Hamburg, zu bekannten Unterstützern und befreundeten Bands, zu seinen Texten, zur Selbstverwaltung als Band, Product Placement in Rockmusik und den bandeigenen Zukunftsplänen beantwortet. Ansonsten sei darauf hingewiesen, dass die Nordlichter bis Jahresende noch fleißig am Touren sind, u.a. mit Turbostaat und Escapado. Aber nun auf zum verschollenen Interview…

AiP: Interessant bei der Entstehung eures ersten Albums „Sansibar“ ist die Mischung aus „wir machen das jetzt allein“ und relativ bekannten Unterstützern: Thees Uhlmann/GHvC, Audiolith, etc. Erzähl doch mal! Ein Glücksfall in Zeiten, in denen es den Rundum-glücklich-Plattendeal ohnehin nicht mehr gibt?

L: Ja, das hat sich bei uns sehr gut entwickelt. Wir haben uns zusammen mit Freunden dazu entschieden, das Album selbst zu veröffentlichen. Dabei war uns allerdings noch nicht klar, wie das genau laufen kann und ob wir das überhaupt hinkriegen. Ohne viel Geld und ohne Namen. Dann haben wir uns einfach umgehört und das geht in Hamburg eigentlich recht gut. Wir wurden durch verschiedenste Leute auf ganz unterschiedliche Arten unterstützt. Zum einen tat die direkte Unterstützung sehr gut, ohne die wäre es auch so nicht möglich gewesen und zum anderen tat es auch einfach gut, dass wir in unserem Anliegen ernst genommen wurden. Dadurch entwickelte sich bei uns auch erst diese Sicherheit, das Gefühl auf dem richtigen Weg zu sein.

 

Ich finde, eure Musik ist relativ ambivalent. Einerseits funktioniert vieles als Partysoundtrack und hebt die Stimmung, andererseits gibt es nachdenkliche, melancholische, wütende Momente. Widerspruch oder ganz natürlich aus deiner Sicht?

Ja, für mich ist das eigentlich kein Widerspruch. Wir haben uns halt nicht hingesetzt und überlegt, was soll das für ein Album werden. Party? Melancholie? Wut? Da fließen halt alle Dinge zusammen. Wir erleben Sachen, die dann einfach mit in die Musik einfließen. Wir schreiben die Lieder und spielen sie zusammen. Mal wütend, mal traurig.

Wie hat der Umzug nach Hamburg den Bandalltag verändert, aber auch die Wahrnehmung eurer Band in der Öffentlichkeit? Gerade was deutschsprachigen Indierock anbelangt, ist die Hansestadt ja nicht gerade das schlechteste Pflaster…

Es hat sich auf jeden Fall einiges geändert, wobei ich das nicht genau definieren kann. Es ist nicht so, dass wir uns in diesem typischen Hamburger Szeneumfeld bewegen. Da sind wir eher außenvor, aber natürlich kriegen wir gewisse Dinge näher mit als früher auf dem Dorf. Aber wir sind jetzt in dem Sinne keine typische Hamburger Rockband, in der die Hälfte aller Mitglieder noch in irgendwelchen anderen Bands und Projekten rummacht. Außerdem liegt das Studio in Kiel und da entsteht halt auch immer noch sehr viel.

Was man aber auf jeden Fall beobachten kann, ist die Wahrnehmung unserer Band in anderen Städten. Wenn wir irgendwo hinkommen, dann wird da mit unserer neuen Herkunft geworben und ich glaube, die Leute denken dann, die kommen aus Hamburg, klingen nach Hamburg und das finden die oft geil. Seitdem wir alle in Hamburg wohnen, werden wir als Band ein Stück ernster genommen.

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Erzähl doch mal etwas über deine Texte. Was inspiriert dich beim Schreiben und wie läuft der Songwriting-Prozess bei euch ab? Bringst du fertige Texte mit in den Proberaum und haben die anderen Mitspracherecht?

Die meisten meiner Texte entstehen aus relativ alltäglichen Situationen. Vieles ist da einfach so Gefühlsbrei, den ich versuche, durch mein Geschriebenes mir selbst und den anderen irgendwie nahezubringen. Wobei ich mir da eigentlich nicht so meine Gedanken mache. Die Texte kommen und ich schreibe sie auf. Ich verfolge damit selten konkrete Ziele. Es gibt Tage, da schreibe ich viele Texte und dann gibt es auch wieder Zeiten, in denen geht nichts. Ich weiß auch nicht, ob ich besonders gut im Texten bin. Ich mache es einfach.

Wie wichtig ist das Motiv „Aufbruch“ für dich? In den Texten auf „Sansibar“ ist schließlich stets eine gewisse Ruhelosigkeit und ein präsentes Fernweh zu spüren.

Aufbruch ist mir schon wichtig. Ich verstehe Aufbruch allerdings etwas anders, nicht unbedingt als Wegkommen oder Abhauen, sondern als Weitermachen. Kein Stillstand. Mauern einreißen. Ich frage mich halt oft, ob es nicht besser ist, einmal mehr etwas Altes, Bequemes, vielleicht auch Schönes aufzubrechen, als irgendwann irgendwo zu stehen und zu merken, dass man satt und bequem ist. Gerade im Zusammenhang mit Musik und Kunst stelle ich mir diese Frage sehr oft, und außerdem sind fast alle Lieder der Sansibar auf dem Dorf, am Meer entstanden. Und ich glaube, da bleibt das nicht aus. Ist schon oft langweilig gewesen in der Gegend, in der Sansibar entstanden ist.

Habt ihr manchmal den Eindruck, dass ihr musikalisch zwischen den oft zitierten Stühlen sitzt: für das punk-affine Publikum zu pop-orientiert, was Eingängigkeit etc. anbelangt, und für den Typus der vermeintlich oberflächlichen „Indie“-Kids wieder zu rauh und unbequem?

Ja, das kriegen wir sehr oft mit, gerade jetzt auf den letzten Touren. Die Leute wissen immer nicht so recht, wo und wie sie uns einordnen sollen. Oder auch bei unseren letzten Supportsachen. Viele fanden es komisch oder sogar scheiße, dass wir eine Band wie Against Me! supporten dürfen, obwohl wir doch gar keine Punkband sind. Nach dem Konzert fanden die es dann doch irgendwie geil. Wir machen uns da aber nicht so den Kopf. ich finde es sogar ganz geil – wir können machen was wir wollen!

Ihr scheint guten Kontakt zu Bands wie Turbostaat oder auch Smoke Blow zu unterhalten, obwohl Findus zu diesen nur bedingt musikalisch passt. Würdest du sagen, es gibt szenetechnisch größeren Zusammenhalt bei euch im Norden oder ist das Schlüsselwort alleine „Sympathie“?

findus-3Ich weiß gar nicht so richtig, wie es im einzelnen dazu gekommen ist, dass wir mit diesen Bands befreundet sind. Bei Smoke Blow ist es halt einfach Björn, der Bassist, unser sechster Mann. Mit ihm haben wir unsere Platte produziert. Er steht uns immer zur Seite. Und bei Turbostaat hat sich das einfach mit der Zeit entwickelt, aber ich glaube, dass hat gar nicht so viel mit der Region zu tun. Ich glaube einfach, dass gerade diese beiden Bands noch sehr interessiert sind an dieser Kultur, und ich weiß nicht, ob das auch so wäre, wenn sie in Hamburg, Köln oder Berlin leben würden. Da gibt es dann auch einfach zu viele Bands und natürlich spielt auch die Sympathie eine Rolle.

Bei eurem Konzert zuletzt in Duisburg ist mir ein ziemlich gelungener, neuer Song aufgefallen oder irre ich mich da? Wie sieht es mit zukünftigen Veröffentlichungen aus? Steht was an? Eine schicke 7“-Single würde euch gut zu Gesicht stehen! :)

Ja, da sagst du was. Wir sind gerade fleißigst dabei, neue Lieder zu machen und werden dieses Jahr noch ins Studio gehen. Wann und was es neues gibt, bleibt abzuwarten.

Würdet ihr denn zukünftig wieder eine Platte im Alleingang, also auch mit dem verbundenen finanziellen Risiko, in Angriff nehmen oder darf es jetzt auch gerne ein reguläres Label sein? Welche Rolle spielt dabei der Wille zur Autonomie?

Ja, wir würden es auf jeden Fall wieder machen, nur kriegen wir nun auch ganz gute Angebote aus diversen Richtungen und die schauen wir uns schon auch interessiert an. Es ist uns allerdings sehr wichtig, dass alle Entscheidungen von uns getroffen werden. Mal sehen…

Wie stehst du zu der zunehmenden Digitalisierung von Musik? Findus setzten offensichtlich auf das Gesamtpaket des analogen Tonträgers, bei der Musik nicht nur zum schnell konsumierbaren Produkt degradiert wird. Andererseit birgt dieser Trend schließlich auch Chancen für Bands, um sich eigenständig im Netz zu präsentieren.

Ich finde es einfach wichtig, dass man als Band seine eigene Vorstellung, seine eigenen Ideen umsetzt. Mir selbst ist es einfach wichtig, die Musik auch schön zu verpacken. Für mich haben irgendwelche Lieder auf meinem MP3-Player einfach keinen richtigen Wert, aber dass muss jede Band selbst wissen. Uns ist es nur wichtig, dass wir genau diese Entscheidung selsbt treffen können. Cd? Vinyl? Booklet? Poster? Der ganze Quatsch soll von uns kommen.

Ihr habt 2009 beim Red Bull Tourbus mitgemacht. Gab es bandintern Diskussionen, ob man sich unter die Flagge besagten Großkonzerns präsentieren soll? Gerade die kommerzielle Vermarktung von jungen Bands (auch bei der Jägermeister Rockliga) mutet doch zweischneidig an oder? Stichwort „Ideale“?

Es gab in diesem Red Bull Fall keine Diskussionen, da wir davon selbst erst erfahren haben, als wir da schon drin waren. Ein Freund wollte uns was Gutes tun und hat uns da angemeldet. Grundsätzlich finde ich dieses Band-Firmen-Gekuschel nervig. Ich finde dadurch geht einfach ganz viel verloren. Es verliert an Persönlichkeit, wenn immer überall ein Großkonzern dahintersteht.

Was wünscht du dir persönlich für Findus und wie geht es weiter? Anfang vs. Ende… ;-)

Ich wünsche mir, dass es immer weiter geht. Wir ziehen jetzt in einen neuen Proberaum, wir schreiben neue Lieder und wir werden Konzerte spielen – immer weiter!

 

 

 

 

Bret Easton Ellis: Imperial Bedrooms

25 Jahre nach dem Debütroman “Less Than Zero” (“Unter Null”) des amerikanischen Skandalautors Bret Easton Ellis (“American Psycho”) erschien in dieser Woche mit “Imperial Bedrooms” die Fortsetzung der Romanhandlung bei Kiepenheuer & Witsch. Wieder geht es um den gleichermaßen privilegierten wie gelangweilten Protagonisten Clay, der nach – richtig – 25 Jahren auf die ehemaligen Weggefährten in L.A. trifft und in einen Strudel aus Paranoia und Gewalt gerät. Ellis in seinem Metier!

Barbi Marković: Ausgehen

ausgehenInteressantes Sujet, knalliges Layout und nicht zuletzt die Ausgestaltung als Literatur-Remix, als adaptiertes Konzept aus der Welt des Djing: all das spricht für den 2009 erstmals veröffentlichten Text “Ausgehen” von Barbi Marković. Beim Suhrkamp Verlag hieß es gar im Zuge der Veröffentlichung, “die deutschsprachige Popliteratur der Gegenwart” komme aus Belgrad, der Heimat der studierten Germanistin Marković, was eben direkt Bezug nimmt auf das nachfolgend besprochene “Ausgehen”, ein Remix der 1971 publizierten Erzählung “Gehen” Thomas Bernhards. Sicherlich ein mutiges Unterfangen, schließlich gilt der Österreicher Bernhard als einer der herausragenden Autoren der deutschprachigen Nachkriegsliteratur.  Gleich die erste reguläre Seite des schmalen Bändchens demonstriert das angewandte Prinzip, in dem ein Auszug aus “Gehen” durch ein visualisiertes “Scratch” zum Remix, zu ihrem “Ausgehen” wird.

Die überschaubare Handlung, welche vom angewandten und zugleich zutiefst deprimierenden Eskapismus des Clubbings berichtet, wird stets von Playlist-Auszügen aus einem DJ-Set  eingerahmt, so dass dieses Strukturprinzip als ebenfalls charakteristisch zu bezeichnen ist. Handlung ist in “Ausgehen” nicht nur kaum vorhanden, sondern gar auf ein rudimentäres Maß verkürzt und findet nur in der Reflexion statt. Die unendlich Monotonie von zermürbender Arbeitstätigkeit und ähnlich freudlosem Clubbingzwang findet sich auch auf stilistischer Ebene wieder. Es dominieren indirekte Rede und hypotaktische Repitition der ewig gleichen Satzteile und alles zusammen lässt die knapp 90 Seiten ebenso anstrengend für den Leser werden, wie wohl der Belgrader Clubbingmarathon für die Nicht-Protagonisten Bojana, Milica & co anmutet.

Lesen: Joachim Seidel – HimbeerToni

himbeertoniWer sich von der Maxime leiten lässt, wo ein Astra-Kronkorken drauf ist, da kann der Inhalt doch nur ansprechend sein, wird bei HimbeerToni zwangsläufig enttäuscht werden. Unterhaltsam soll sie sein, die wilde Fahrt durch den Selbstbedienungssupermarkt der neueren Populärliteratur und es fliegen nur so die reduzierten, weil abgelaufenen Produkte der Marken Oliver Maria Schmitt (“Anarchoschnitzel”), Rocko Schamoni, Heinz Strunk oder Nick Hornby in den Einkaufswagen des Autors. Man vergleiche nur die Listenaffinität aus “High Fidelity” und die hier ständig zitieren Problemcharts mit ihren wechselnden Platzierungen. Sicher Zufall. Inhaltlich berichtet Seidels Roman von alternden Punkrockern, die der Alltagsrealität und der tickenden Lebensuhr Tribut zollen müssen, augenscheinlich gestörten Verhältnissen zwischen den Geschlechtern,ungeplantem Nachwuchs, einem vielleicht gebrochenen Penis, anderen wohl dosiert eingesetzten Frivolitäten (Hi, hi), kosovarischen Bauchrednern, echten Vinylraritäten und allerhand anderen Absurditäten und “zufälligen” Verstrickungen.

Dabei wird kaum eine Plattitüde ausgelassen und der Kalauer auch dann noch getreten, wenn er sich bereits zuckend am Boden windet. Noch schlimmer ist es allerdings, dass die Figuren Herr Blümchen, Kurtchen und Holgi, allen voran  aber der HimbeerToni Horny Hornig himself, schrecklich blass bleiben und alles andere als authentisch oder gar sympathisch wirken. Weibliches Romanpersonal kommt zudem ganz schlecht weg, sind sie Partnerinnen der Altpunks doch primär schwangerschafts- und hormonbedingte Furien, denen es ihr Kerl überhaupt nicht recht machen kann. Ooh!

Wenn man sich so richtig über die “späten Ängste großer Jungs” in Rage reden würde, könnte man auch schon fast das wandelnde No-Go Mario Barth herbei zitieren. Nett ist sicher die Grobeinteilung des Romans in A- und B-Seite, die vielen punkhistorischen Anspielungen und ach ja, es liest sich extrem schnell runter. Wahrscheinlich ist Himbeertoni vor allem nach gesteigertem Konsum von “Astraknollen” tatsächlich zu gautieren. So bleibt das Prädikat Strand- und Toilettenlektüre haften. Ein Buch zum raschen Lesen und noch schnellerem Vergessen!

Buch: Christoph Lampert – We Call It Punk

we-call-it-punkIm Grunde gibt es nichts nervigeres als die zig Hobbyfotografen, die eine Konzertatmosphäre mit ihren vielmals stümperhaften Versuchen, auch nur ein einziges, vernünftiges Bild zu schießen, beinahe ruinieren. Andererseits gelingt es einem gekonnten Schnappschuss durchaus oder zumindest ansatzweise die spezielle Energie einer Live-Perfomance für die Nachwelt einzufangen. Christopf Lampert gehört mit Sicherheit zu den Fotografen, die von genannten Glücksfällen oftmals heimgesucht wurden, schließlich ist er seit 20 Jahren für verschiedene Fanzines (Kabeljau, ZAP, 3rd Generation Nation, mittlerweile fürs Ox) auf Punkkonzerten unterwegs, um diese in Bildern zu dokumentieren. Der erschienene Fotoband “We Call It Punk” veranschaulicht  in knapp 150 Bildern und auf 180 Seiten die Arbeit Lamperts, wobei dies einen Querschnitt aus besagten zwei Dekaden der Bildberichterstattung darstellt. Die Fotografien sind zum Teil in schwarz-weiß und zum Teil in Farbe gehalten, was die Authenzität der älteren Aufnahmen unterstreicht. Es gibt in entsprechender Weise eine Einteilung in klassische und digitale Aufnahmen.

Insgesamt 77 Bands hat Lampert vor die Linse bekommen bzw. für den Fotobildband ausgewählt, doch damit nicht genug, denn zu jeder Band gibt es auch eine entsprechende, von Zeitzeugen verfasste Story. Als spezielles Gimmick gehört zu der auf 444 Exemplare limitierten Hardcover-Publikation eine Vinyl-Single, die exklusive Songs von Pascow, Samiam, Soulside und The Vernon Walters beeinhaltet. Wenn das mal nicht etwas für den Gabentisch ist (nicht sehr punkrock-mäßig, ich weiß). Zu den fotografierten Bands gehören verschiedene Genre-Schwergewichte (wie  Bad Religion, Ignite, Nirvana, The Business, Die Ärzte, Fugazi, Samiam, Good Riddance, Turbo Ac’s, Youth of Today, Anti-Flag und viele, viele mehr), wobei auch der Blick über den Tellerrand gegeben ist, schließlich haben auch viele Postpunk-, Alternative-, etc. Kombos den Weg in den Band gefunden. Vor Art Brut über The Rifles und The Thermals bis zu The Gaslight Anthem sind es auch aktuelle Indie-Lieblinge, denen Lampert in seinem Buch Platz einräumt. Besonderer Fokus liegt sicher auch auf der einheimischen Szene, wie Bilder und Stories zu EA80, The Bottrops, Boxhamsters, Dackelblut, Dritte Wahl, Spermbirds, Turbostaat oder ZSK beispielsweise belegen.

Nick Cave: The Death Of Bunny Munro

Nick Cave war schon immer so seltsam wie begabt. Der Titel seines neuen Romans “The Death Of Bunny Munro” passt zu diesem Bild schon einmal die Seltsamkeit Caves betreffend. Es ist seit seinem Debütroman von 1989  “And The Ass Saw The Angel” erst die zweite Publikation des passionierten Anzugträgers. Alle zwanzig Jahre ein Buch schreiben? “The Death Of Bunny Munro” soll im September in den Buchhandel gehen: “I am damned”, thinks Bunny Munro in a sudden moment of self-awareness reserved for those who are soon to die!

The Beat goes on: Kalendarium toter Musiker 2009

Allerorts weihnachtet es schon seit einiger Zeit bedenklich. Wer sich in der Kommerzfalle, des Schenken und beschenkt werden, gefangen sieht, bekommt im Folgenden eine kleine, morbide Empfehlung. So manch ein Musiker hat seinen größten Beliebtheitsgrad erst post mortem erreicht, daher drängt es sich auf, diesen einen ganzen Kalender zu widmen. The Beat goes on hat sich ganz der Huldigung verstorbener, mehr oder weniger bekannter Musiker verschrieben und schlägt jeweils noch ein alkoholisches Tributgetränk vor. Legendenbildung leicht gemacht.

In der 2009er Ausgabe wird das Andenken von insgesamt 950 verstorbenen Künstlern auf 256 Seiten gepflegt. Es ist auch kaum verwunderlich, dass der Einband im schlichten Schwarz gehalten ist und auch die Gestaltung der Seiten selbst passt sich ganz dem Motto an. Auf der dazugehörigen Homepage kann man sich dank einiger Leseproben ein Bild von der ganzen Sache machen. Der Kalender kostet 14 Euro und ist über besagte Homepage zu beziehen und auch im regulären Buchhandel erhältlich.