Band-Vorstellungen

Ferocious Dog: Gechichten von Höllenhunden und Hochzeiten

“If I had five million pounds I’d start a radio station because something needs to be done.” Die fünf Millionen Pfund hat Joe Strummer zwar nie gehabt, aber ich bin mir sicher, dass in seinen Playlists auch Songs von Ferocious Dog aufgetaucht wären. Die englische Folkband steht für vieles ein, was auch Strummer stets befürwortet hat. Mit Alltagspoesie und abwechslungsreichem Songwriting nimmt die sechsköpfige Band keine Rücksicht auf Genre-Grenzen und Erwartungshaltungen. Der praktizierte Mut, mit einer traditionellen Musikrichtung relativ frei umzugehen, erinnert wiederum an den legendären Gitarrenkönner Billy Bragg. Wenn Ferocious Dog jedoch sogar Offbeat-Rhythmen in einem schwermütigen Folksong (“Freeborn John”) gekonnt unterbringen, gehen einem endgültig die Vergleiche aus. Ferocious Dog bieten auf ihrem exklusiv in Deutschland veröffentlichten Album vieles an.

Mit gut gelaunten Pop-/Rock-Anleihen und süß schmeckendem Optimismus (“On The Rocks”) werden düstere Gedanken aus den Gliedmaßen geschüttelt. Zu Bewegung laden auch andere Songs ein. “Hell Hounds” geht mit dreckigem Folk Punk und infernalen Fidel-Ausbrüchen schwer nach vorne. Bei “Too late” wird es in der Tat erst spät rasant und “Pocket of Madness” kokettiert sogar ein wenig mit Polka und Balkan Klängen. Dass man es mit einer außergewöhnlich guten Band zu tun hat, merkt man jedoch bei den nicht so vor Experimentierfreude strotzenden Liedern. So strahlt die unverfälschte Schönheit von Songs wie “Criminal Justice” aus einem sehr gelungenen Album besonders hervor. Selten wurde eine vermeintliche Phrase wie “together we are strong” passender in Szene gesetzt. Das Album nimmt zudem im Verlauf an Tempo und Dramatik zu. Diese Entwicklung gipfelt dann in dem fantastischen Hymnus “Mairi’s Wedding Part II”, um an dieser Stelle vor lauter Begeisterung ein wenig die Pathoskeule zu schwingen. Ferocious Dog nennen ihren ungewöhnlichen Stil Speed Folk. Ich nenne ihn unbedingt und uneingeschränkt hörenswert.

Das Album ist vor Kurzem auf Weird Sounds Records & Promotion erschienen und kann dort ür 12 Euro als schickes Digipak bestellt werden. Alsbald sollte der Tonträger auch bei den großen Online Versandhandeln zu beziehen sein.

Cowbell: Beat Stampede

Gesamtpaket mit Woohoo-Faktor, könnte man sagen. Vom stilvollen Artwork, ich wusste weiße Schuhe bislang nicht wirklich zu schätzen, bis hin zum letzten Drumstickschlag stimmt bei Cowbell einfach alles. Dabei ist es kaum zu glauben, dass das Duo Jack Sandham und Wednesday Lyle nicht von dem von ihnen besungenen Mississippi stammen, sondern in London ansässig sind.

Beat Stampede präsentiert eine gelungene Mischung aus Garage Rock, frühem Rhythm & Blues und starken Soul-Anleihen. Gleichsam findet man auch Schlüsselelemente der britischen Popmusiktradition, sodass bei Cowbell transatlantisch einiges zusammenläuft. Und passt. Und wackelt. Und stampft. Und zappelt. Und am Ende zufrieden ausatmet. Ein Vergleich mit den übergroß am Frau&Mann=Band-Himmel leuchtenden White Stripes verbietet sich angesichts der dargebotenen Qualität in jedem Fall. Meg & Jack sind ja so gestern!

Dave Hause: C’Mon Kid

Dave Hause? Ist das nicht der von der Revival Tour? Richtig, auch Dave Hause gehört zu den musizierenden Buddies von Chuck Ragan. Hause war Jahre lang als Gitarrist und Sänger in diversen Punk-affinen Bands (Paint It Black/ The Loved Ones) unterwegs und versucht nun, mit ruhigeren Tönen und heart-rending Stories zu überzeugen. Ob ihm das gelingt?

Unbedingt, ja. Allein der Titelsong der hier besprochenen EP verleitet die Hörerin oder den Hörer dazu, nach dem Ende des Liedes sehnsuchtsvoll durch zu schnaufen. Das nur von Piano und Stimme getragene  “C’Mon Kid” überzeugt vollends durch springsteen-esker Atmosphäre und kommt einem somitt angenehm vertraut vor. So gut war Brian Fallon (Gaslight Anthem) schon lange nicht mehr.

Das doch sehr lo-fi anmutende “Prague” fällt als zweiter Song auf der A-Seite dann leider etwas ab. Ergänzt werden die A-Seiten, die auch auf dem Debütalbum von 2011 enthalten sind, durch zwei gelungene Coversongs von Lucero und den fantastischen None More Black. “Join the Army” (Lucero) strotzt nur so vor Kraft und “Oh, There´s Legwork” (None More Black) gefällt als Country Adaption. Tolle EP. Ach, ja. Wer sich noch intensiver für die Revival Tour interessiert, dem seien die von Chuck Ragan kompilierten und als Buch erschienenen Tour Stories ans Herz gelegt: The Roads Must Traveled.

Laura Vane & The Vipertones: Sugar Fix

Mein Körper wehrt sich stets gegen gesteigerte Koffeinzufuhr und ich vermute, dass es ihm unrecht ist, dass mit Sugar Fix eine neue Laura Vane & The Vipertones LP erschienen ist. Die man konsumieren muss, versteht sich, die extrem anregend wirkt und somit zu den Stimulantien der suchtgefährdenden Sorte gehören dürfte.

Schon gleich der Opener “Capsized” – Free Download hier – sorgt dafür, dass Extrasystolen durch die Blutbahn rollen. Ein großartiger Uptempo-Stomper, der durch die Bläsersektion der Vipertones und Miss Vanes sensationellem Organ ein fettes Ausrufezeichen setzt.

Das selbstbetitelte Vorgängeralbum von 2009 zeichnete sich bereits durch eine gelungene Stilvermengung traditioneller und moderner Soul- und Funkspielarten aus und Sugar Fix führt diesen Weg fort, jedoch nicht ohne dem ganzen noch einen Hauch Popappeal angedeihen zu lassen. So reihen sich samtweiche Motown-Perlen wie “All Over Again” oder “Just Keep Smoking” an Funksprengsätze wie “Wicked Man”.

Keine Frage, dass das holländisch-britische Bandkollektiv seine Sache versteht und erneut ein Qualitätsrelease auf Unique Records veröffentlicht hat. Es könnte ab und an noch ein wenig mehr in “Steam”-Manier grooven, aber nun geht es in den Bereich übermäßiger Detailkritik. Laura Vane & The Vipertones sind on top der europäischen Soulszene. Ende der Durchsage.

 


 

The Crookes: Ladendiebe aller Länder

Wie könnte man die Besprechung des Debütalbums der jungen, britischen Band The Crookes anders als mit einem abgewandelten Songtitel von The Smiths beginnen? Ich erspare mir einfach die Suche nach alternativen Anfängen und beginne mit der Referenzgröße schlechthin. Seit Voxtrot mit “The Start of Something” debütierten, hat niemand mehr so dreist (und gelungen) Morrissey, Marr & co zitiert, ohne als Plagiat durchzugehen.

Der Gitarrenpop auf “Chasing After Ghosts”, wie passend, steht eindeutig im Geiste der 80er Vorzeigeband. Erstaunlich, dass dieser Sound auch heute keineswegs altbacken wirkt und man den Jungs aus Sheffield  daher nicht vorwerfen kann, die Nostalgiepauke zu schlagen. Jedenfalls nicht ausschließlich.  Wer unter einer Pathosallergie leidet, kann mit den 11 Songs wohl nur wenig anfangen. Mir persönlich geht bei einem Tearjerker wie “Chorus Of Fools” das Herz auf. “Bloodshot Days” lässt klanglich Lilien regnen, so wie es auch Moz gefallen würde: eine Empfehlung für den Indieszene-DJ in der Provinz wie in den Metropolen. Talent borrows, genius steals!

The Jim Jones Revue: Gimme Deathbilly, baby!

Ich hatte mal dieses Paar High Top Sneaker von der Marke, deren High Top Sneaker man als junger Mensch nun mal trägt. Dieses Paar Schuhe entstammte einer besonderen Edition, die sich durch ein überbordend klischeemäßiges Flammendesign auszeichnete. So bemüht rebellisch dieses Schuhwerk auch daher kam, ich habe es, ganz bewusst jegliche Reflektion ausblendend, bedingungslos geliebt.

Seitdem ich diese Treter nicht mehr habe, beschäfte ich mich auch nur noch höchst selten mit  – Achtung Anführungszeichen – “primitiven” Rock ‘n’ Roll Sounds. The Jim Jones Revue jedoch spielen einen derartig tighten Rocksound, dass man unwillkürlich heiße Fußsohlen bekommt. Seit Wochen bewegt sich die Schwarzscheibe auf meinem Plattenteller und wenn ich unterwegs bin, weht mir der MP3-Player die Pomade ins Haar. Ihr dreckiger Sound ist sicher für die Rockabilly-Puristen zu heterogen, aber an Szenedünkel und Genrebeschränkungen war ich ohnehin nie interessiert.

Allein der Titeltrack ihres aktuellen Tonträgers “Burning your house down” ist so mitreißend und überzeugend, dass man den Rest des Albums ganz (un-)voreingenommen begegnen muss. Dieser exaltierte Bluesbastard mit seinem psychotischen Gesang ist wirklich gefällig, man möchte nicht leise, sondern laut röhrend jubilieren. Das Ding passt definitiv auch auf den True Blood Soundtrack. Um noch zwei Anspieltipps zu liefern, seien noch die wunderbare Rhythm ‘n’ Blues Single “High Horse” und die gut gelaunte B-Seiten-Eröffnung “Shoot First” genannt. Die verrückten Briten sind wirklich eine Offenbarung, da sie einem untoten Genre ein wenig rosige Schminke ins Gesicht schmieren.

The Strange Death Of Liberal England: Drown Your Heart Again

tsdole1Oftmals glaubt man, dass man zu abgeklärt sei, um von einem Album so richtig bewegt, auf dem falschen Fuß erwischt zu werden. Dass dies keinesfalls so ist, lehren The Strange Death Of Liberal England mit ihrem Album Drown Your Heart Again in erstaunlicher Manier. Ein quasi Konzeptalbum zum Thema Meer haben die fünf Briten aus Portsmouth eingespielt und so kann es kaum verwundern, dass dieses nach Sehnsucht, Euphorie, Melancholie, Einsamkeit und Lebensfreude gleichermaßen klingt.

“For me there has alsways been something  spiritual to the sea. It’s a place where people surrender their emotions, like a confession, literally leaving them behind,” so erklärt Sänger Adam Woolway seine Affinität zum Ozean. Man möchte Woolway angesichts dieser Worte augenblicklich die Hand schütteln und für den wunderbar pathetischen Kammerpop, den er schreibt, gleich in die Arme schließen.

Die Band von der englischen Südküste präsentiert sich auf Drown Your Heart Again in orchestralen, opulenten Arrangements und dennoch wird eine Funken schlagende Intensität erzeugt, die man sonst eher von minimal instrumentierten Liedern begnadeter Singer-Songwriter kennt. Beinahe hat man den Eindruck, dass Quintett verschieße sein Pulver bereits zu Beginn des Albums, zu spektakulär verhandeln die ersten Lieder das (musikalische) Sujet der Meererfahrung. “Flickering Light” erweist sich als Ausgangspunkt einer emotionalen Kreuzfahrt durch bewegte…nun ja…Gewässer, verlockt dazu, gleich noch einmal gespielt zu werden. Bevor man dies tatsächlich in Erwägung ziehen kann, übernimmt “Flagships” das Kommando und führt die Thematik in einen weiteren Idealsong und Woolway gibt mit seiner kräftigen Stimme den Dirigenten des Neptunus-Orchesters.

Die Single “Rising Sea” kann einen außerordentlich prägnanten Refrain ihr Eigen nennen und man muss dieser Komposition einfach Tribut zollen. Ein solcher Hit würde auch den zurzeit unvermeidlichen Arcade Fire ausgezeichnet zu Gesicht stehen, was in erster Linie ein großes Kompliment darstellen soll. Ohnehin möchte man den anderen Kleinoden, wie dem intimen “Autumn” oder dem polternd-stürmischen “Come On Young Philosophers!”, den gleichen Stellenwert einräumen. “Drown Your Heart Again” ist ein kohärentes Meisterwerk geworden, man muss so große Worte bemühen, um das Album angemessen zu charakterisieren. Überraschung gelungen und nun: “Get drunk and drown your heart again…”

The Strange Death Of Liberal England: Drown Your Heart Again (VÖ 22. Oktober 2010, DevilDuck)

The Distinctives: Hermeneutica EP

hermeneuticaWer hätte gedacht, dass Düsseldorf als postkolonialer Außenposten der einstigen Großmacht Britpop zu sehen ist. Bei The Distinctives weht in jedem Fall der geistige Union Jack und das nicht nur auf Halbmast. Zudem steckt der Pressetext die Koordinaten Indierock, Soul, Modbeat und Psychedelic ab, womit das Trio sich gleich einen zusätzlichen Vertrauenszuschuss verdient und diesen keineswegs verschenkt. Die am 22. Oktober erschienene Hermeneutica EP vermittelt das Gefühl, dass man es hier nicht mit Grünschnäbeln zu tun hat und in der Tat haben die Düsseldorfer ihre Erfahrungen in den Bands The Wedges und Perfect Ballroom Cast gesammelt, was bei den vier Songs der EP in einer nicht zu überhörenden Abgeklärtheit mündet.

Bereits der Türöffner “On Time” begrüßt den Hörer mit einem unerwartet britischen Akzent, was jedoch perfekt zu dem entspannten, wohl ausbalancierten Song passt, der problemlos im Tempo variiert und von der Qualität auch auf das erste The Rifles Album gepasst hätte. Kompliment, jedoch reißt das Niveau in der Folge nicht ab. Ähnlich souverän gibt sich das kurz geratene “Half Past 11″, das merklich Referenzmarker in der britischen Pop- und Rockgeschichte gesetzt hat und ebenfalls dazu geeignet ist, an einem trüben Sonntag Morgen die Sonne in die Wohnung zu lassen. “Payback Time” macht dann gekonnt einen Ausfallschritt nach vorne und erhöht die Schlagzahl im Geiste Paul Wellers, bevor “You Better Run” bereits – leider muss man sagen – die gelungene Hermeneutica EP beschließt.

Auch dieser letzte Song der Veröffentlichung präsentiert die drei Herren jeweils für sich an ihren Instrumenten, jedoch ebenso im Zusammenspiel als fähig, was eine vielversprechende Verbindung ergibt, die hoffentlich noch weitere Tonträger nach sich zieht. Demnach fällt das Fazit ungemein postiv aus: klasse EP und gerne mehr davon. Am 3. Dezember spielen The Distinctives übrigens im/beim Düsseldorfer FFT Freitagsklub. Hingehen!

Beat! Beat! Beat!: Lightmares

lightmaresDa wurde den Jungs von Beat! Beat! Beat! ein ganz schöner Rucksack voller Erwartungen aufgebunden, den man erstmal Schultern muss, ohne orthopädische Schäden davonzutragen. Ganz ohne Fehlhaltung erscheint nun mit Lightmares das Debütalbum der Band aus dem niederrheinischen Viersen, auch wenn die Vorschusslorbeeren der britischen Hypemaschinerie NME ( “Germany’s answer to Foals”) so gar nicht beim Charakterisieren des gebotenen, lockerleichten Indiepops zu helfen scheinen.

Anders als beim Foals-Debüt, das die Verspieltheit des Mathrock mit der Zackigkeit von Gang of Four kreuzte, präsentieren Beat! Beat! Beat! auf ihrem Erstling die Bandbreite modernen Gitarrenpops mit gelegentlichen Ausflügen in experimentellere Gefilde, was den Viersener ganz hervorragend zu Gesicht steht. Natürlich überstrahlt beim ersten Hördurchgang immer noch das inzwischen wohl bekannte “Fireworks” seine Songbrüder und doch stehen viele seiner Geschwister dem Überraschungshit der Band in Sachen Leuchtkraft in nichts nach.

Nach dem netten Einstieg mittels des gefälligen “Hard To Cherrish”  geht die erste Single “We Are Waves” eine sprudelnd-chemische Verbindung ein, die man sonst nur aus Mentos-Cola-Experimenten kennt oder wie das britische Magazin mit den drei Buchstaben verlauten lassen würde: huge hit! Wie auf einem guten Mixtape nimmt nun “Graveyard” ein wenig Tempo raus, wobei auch hier die eingängige Melodie Wiedererkennungswert besitzt. “You’re bbbDesigner” ist dann ein absolut herausragendes Stück, da es jegliche Indiepop-Niedlichkeit hintersichlässt und tatsächlich in die Foals-Richtung schielt, Postpunk und Nebelmaschine gleichermaßen bemüht. Großartig, wirklich großartig! Der Titelsong der “Stars EP” rudert dann wieder zurück in seichteres Gewässer und ist immer noch ein solides Liedchen in bester Kooks und Konsorten Manier, dabei auf den Punkt poduziert.

Apropros. Labelchef und Produzent Dennis Schneider (Ex Muff Potter) hat  Beat! Beat! Beat! tatsächlich den Sound auf den oder die Leiber, nun ja,  geschneidert. Ein  Maßanfertigung ist das bereits abgehandelte “Firework” ohnehin, auch wenn die ältete Version des Songs sogar noch ein Stück weit charmanter war. Eine weitere Facette gewinnen die Viersener dem eigenen Sound in “I See It Glisten” ab, das tatsächlich an eine der Lieblingsband der vier Jungs erinnert – The Strokes-, jedoch in einer entschleunigten Variante, was ebenfalls funktioniert.

Einen potentiellen Ohrwurm schenken Beat! Beat! Beat! mit dem abschließenden “Lightheavy Rapture” die Freiheit und das musikalische Getier dürfte noch einige Gehörgänge heimsuchen. Pssst. Der spärlich instrumentierte Hiddentrack ist ebenfalls als gelungen zu bezeichnen und rundet sehr trefflich ab. Alles in allem ist Lightmares ein beeindruckendes Debütalbum geworden, auch wenn man der Band noch ein wenig mehr Mut zu unkonventionellen Elementen wünschen würde, doch da die musizierenden Abiturienten am Anfang einer Entwicklung stehen, kann man diesen Punkt getrost unter den Rezensionsteppich kehren und nur raten: kauft Lightmares. Draft of the season!

Interview: Findus

findus-coverMit “straight unter die Rippen” kann man die Stoßrichtung des zwischen Indierock, Pop und Punk zu verortenden Sound der norddeutschen Band Findus beschreiben, der dennoch kaum in eine der musikalischen Schubladen passen will. Eigentlich war das Interview mit den sympathischen Neu-Hamburgern schon länger geplant, doch irgendwie ist das Vorhaben in den unendlichen Weiten des WorldWideWebs zeitweilig verschollen gegangen.

Nichtsdestotrotz und in aller Ausführlichkeit hat Sänger Lüam meine Fragen zur Wahlheimat Hamburg, zu bekannten Unterstützern und befreundeten Bands, zu seinen Texten, zur Selbstverwaltung als Band, Product Placement in Rockmusik und den bandeigenen Zukunftsplänen beantwortet. Ansonsten sei darauf hingewiesen, dass die Nordlichter bis Jahresende noch fleißig am Touren sind, u.a. mit Turbostaat und Escapado. Aber nun auf zum verschollenen Interview…

AiP: Interessant bei der Entstehung eures ersten Albums „Sansibar“ ist die Mischung aus „wir machen das jetzt allein“ und relativ bekannten Unterstützern: Thees Uhlmann/GHvC, Audiolith, etc. Erzähl doch mal! Ein Glücksfall in Zeiten, in denen es den Rundum-glücklich-Plattendeal ohnehin nicht mehr gibt?

L: Ja, das hat sich bei uns sehr gut entwickelt. Wir haben uns zusammen mit Freunden dazu entschieden, das Album selbst zu veröffentlichen. Dabei war uns allerdings noch nicht klar, wie das genau laufen kann und ob wir das überhaupt hinkriegen. Ohne viel Geld und ohne Namen. Dann haben wir uns einfach umgehört und das geht in Hamburg eigentlich recht gut. Wir wurden durch verschiedenste Leute auf ganz unterschiedliche Arten unterstützt. Zum einen tat die direkte Unterstützung sehr gut, ohne die wäre es auch so nicht möglich gewesen und zum anderen tat es auch einfach gut, dass wir in unserem Anliegen ernst genommen wurden. Dadurch entwickelte sich bei uns auch erst diese Sicherheit, das Gefühl auf dem richtigen Weg zu sein.

 

Ich finde, eure Musik ist relativ ambivalent. Einerseits funktioniert vieles als Partysoundtrack und hebt die Stimmung, andererseits gibt es nachdenkliche, melancholische, wütende Momente. Widerspruch oder ganz natürlich aus deiner Sicht?

Ja, für mich ist das eigentlich kein Widerspruch. Wir haben uns halt nicht hingesetzt und überlegt, was soll das für ein Album werden. Party? Melancholie? Wut? Da fließen halt alle Dinge zusammen. Wir erleben Sachen, die dann einfach mit in die Musik einfließen. Wir schreiben die Lieder und spielen sie zusammen. Mal wütend, mal traurig.

Wie hat der Umzug nach Hamburg den Bandalltag verändert, aber auch die Wahrnehmung eurer Band in der Öffentlichkeit? Gerade was deutschsprachigen Indierock anbelangt, ist die Hansestadt ja nicht gerade das schlechteste Pflaster…

Es hat sich auf jeden Fall einiges geändert, wobei ich das nicht genau definieren kann. Es ist nicht so, dass wir uns in diesem typischen Hamburger Szeneumfeld bewegen. Da sind wir eher außenvor, aber natürlich kriegen wir gewisse Dinge näher mit als früher auf dem Dorf. Aber wir sind jetzt in dem Sinne keine typische Hamburger Rockband, in der die Hälfte aller Mitglieder noch in irgendwelchen anderen Bands und Projekten rummacht. Außerdem liegt das Studio in Kiel und da entsteht halt auch immer noch sehr viel.

Was man aber auf jeden Fall beobachten kann, ist die Wahrnehmung unserer Band in anderen Städten. Wenn wir irgendwo hinkommen, dann wird da mit unserer neuen Herkunft geworben und ich glaube, die Leute denken dann, die kommen aus Hamburg, klingen nach Hamburg und das finden die oft geil. Seitdem wir alle in Hamburg wohnen, werden wir als Band ein Stück ernster genommen.

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Erzähl doch mal etwas über deine Texte. Was inspiriert dich beim Schreiben und wie läuft der Songwriting-Prozess bei euch ab? Bringst du fertige Texte mit in den Proberaum und haben die anderen Mitspracherecht?

Die meisten meiner Texte entstehen aus relativ alltäglichen Situationen. Vieles ist da einfach so Gefühlsbrei, den ich versuche, durch mein Geschriebenes mir selbst und den anderen irgendwie nahezubringen. Wobei ich mir da eigentlich nicht so meine Gedanken mache. Die Texte kommen und ich schreibe sie auf. Ich verfolge damit selten konkrete Ziele. Es gibt Tage, da schreibe ich viele Texte und dann gibt es auch wieder Zeiten, in denen geht nichts. Ich weiß auch nicht, ob ich besonders gut im Texten bin. Ich mache es einfach.

Wie wichtig ist das Motiv „Aufbruch“ für dich? In den Texten auf „Sansibar“ ist schließlich stets eine gewisse Ruhelosigkeit und ein präsentes Fernweh zu spüren.

Aufbruch ist mir schon wichtig. Ich verstehe Aufbruch allerdings etwas anders, nicht unbedingt als Wegkommen oder Abhauen, sondern als Weitermachen. Kein Stillstand. Mauern einreißen. Ich frage mich halt oft, ob es nicht besser ist, einmal mehr etwas Altes, Bequemes, vielleicht auch Schönes aufzubrechen, als irgendwann irgendwo zu stehen und zu merken, dass man satt und bequem ist. Gerade im Zusammenhang mit Musik und Kunst stelle ich mir diese Frage sehr oft, und außerdem sind fast alle Lieder der Sansibar auf dem Dorf, am Meer entstanden. Und ich glaube, da bleibt das nicht aus. Ist schon oft langweilig gewesen in der Gegend, in der Sansibar entstanden ist.

Habt ihr manchmal den Eindruck, dass ihr musikalisch zwischen den oft zitierten Stühlen sitzt: für das punk-affine Publikum zu pop-orientiert, was Eingängigkeit etc. anbelangt, und für den Typus der vermeintlich oberflächlichen „Indie“-Kids wieder zu rauh und unbequem?

Ja, das kriegen wir sehr oft mit, gerade jetzt auf den letzten Touren. Die Leute wissen immer nicht so recht, wo und wie sie uns einordnen sollen. Oder auch bei unseren letzten Supportsachen. Viele fanden es komisch oder sogar scheiße, dass wir eine Band wie Against Me! supporten dürfen, obwohl wir doch gar keine Punkband sind. Nach dem Konzert fanden die es dann doch irgendwie geil. Wir machen uns da aber nicht so den Kopf. ich finde es sogar ganz geil – wir können machen was wir wollen!

Ihr scheint guten Kontakt zu Bands wie Turbostaat oder auch Smoke Blow zu unterhalten, obwohl Findus zu diesen nur bedingt musikalisch passt. Würdest du sagen, es gibt szenetechnisch größeren Zusammenhalt bei euch im Norden oder ist das Schlüsselwort alleine „Sympathie“?

findus-3Ich weiß gar nicht so richtig, wie es im einzelnen dazu gekommen ist, dass wir mit diesen Bands befreundet sind. Bei Smoke Blow ist es halt einfach Björn, der Bassist, unser sechster Mann. Mit ihm haben wir unsere Platte produziert. Er steht uns immer zur Seite. Und bei Turbostaat hat sich das einfach mit der Zeit entwickelt, aber ich glaube, dass hat gar nicht so viel mit der Region zu tun. Ich glaube einfach, dass gerade diese beiden Bands noch sehr interessiert sind an dieser Kultur, und ich weiß nicht, ob das auch so wäre, wenn sie in Hamburg, Köln oder Berlin leben würden. Da gibt es dann auch einfach zu viele Bands und natürlich spielt auch die Sympathie eine Rolle.

Bei eurem Konzert zuletzt in Duisburg ist mir ein ziemlich gelungener, neuer Song aufgefallen oder irre ich mich da? Wie sieht es mit zukünftigen Veröffentlichungen aus? Steht was an? Eine schicke 7“-Single würde euch gut zu Gesicht stehen! :)

Ja, da sagst du was. Wir sind gerade fleißigst dabei, neue Lieder zu machen und werden dieses Jahr noch ins Studio gehen. Wann und was es neues gibt, bleibt abzuwarten.

Würdet ihr denn zukünftig wieder eine Platte im Alleingang, also auch mit dem verbundenen finanziellen Risiko, in Angriff nehmen oder darf es jetzt auch gerne ein reguläres Label sein? Welche Rolle spielt dabei der Wille zur Autonomie?

Ja, wir würden es auf jeden Fall wieder machen, nur kriegen wir nun auch ganz gute Angebote aus diversen Richtungen und die schauen wir uns schon auch interessiert an. Es ist uns allerdings sehr wichtig, dass alle Entscheidungen von uns getroffen werden. Mal sehen…

Wie stehst du zu der zunehmenden Digitalisierung von Musik? Findus setzten offensichtlich auf das Gesamtpaket des analogen Tonträgers, bei der Musik nicht nur zum schnell konsumierbaren Produkt degradiert wird. Andererseit birgt dieser Trend schließlich auch Chancen für Bands, um sich eigenständig im Netz zu präsentieren.

Ich finde es einfach wichtig, dass man als Band seine eigene Vorstellung, seine eigenen Ideen umsetzt. Mir selbst ist es einfach wichtig, die Musik auch schön zu verpacken. Für mich haben irgendwelche Lieder auf meinem MP3-Player einfach keinen richtigen Wert, aber dass muss jede Band selbst wissen. Uns ist es nur wichtig, dass wir genau diese Entscheidung selsbt treffen können. Cd? Vinyl? Booklet? Poster? Der ganze Quatsch soll von uns kommen.

Ihr habt 2009 beim Red Bull Tourbus mitgemacht. Gab es bandintern Diskussionen, ob man sich unter die Flagge besagten Großkonzerns präsentieren soll? Gerade die kommerzielle Vermarktung von jungen Bands (auch bei der Jägermeister Rockliga) mutet doch zweischneidig an oder? Stichwort „Ideale“?

Es gab in diesem Red Bull Fall keine Diskussionen, da wir davon selbst erst erfahren haben, als wir da schon drin waren. Ein Freund wollte uns was Gutes tun und hat uns da angemeldet. Grundsätzlich finde ich dieses Band-Firmen-Gekuschel nervig. Ich finde dadurch geht einfach ganz viel verloren. Es verliert an Persönlichkeit, wenn immer überall ein Großkonzern dahintersteht.

Was wünscht du dir persönlich für Findus und wie geht es weiter? Anfang vs. Ende… ;-)

Ich wünsche mir, dass es immer weiter geht. Wir ziehen jetzt in einen neuen Proberaum, wir schreiben neue Lieder und wir werden Konzerte spielen – immer weiter!