Alben

1000 Robota: UFO

1000robota-ufo-coverManche covern aus Witz, andere aus Mangel an eigenen Stücken und wieder andere aus Spaß an der Freude. Im Falle von 1000 Robota ist es aber mehr. Es ist ein Statement. Auf ihrer allerersten Veröffentlichung - der EP „Hamburg Brennt“ – coverten 1000 Robota „Wir bauen eine neue Stadt“ von Palais Schaumburg. Das sollte bezeichnend sein, denn auf ihrem aktuellen zweiten Album „UFO“ kommen die drei Hamburger dem Klang der NDW näher als je zuvor. Ihre Attitüde bleibt weiterhin Punk, aber eher mit verwegenem New Wave als spritzigem Indie. Eine Entwicklung, die sich in der Ästhetik der Plattencovergestaltung ebenso wiederspiegelt wie im Wechseln des Plattenlabels. Für „UFO“ wurde Tapete Records gegen Buback Tonträger eingetauscht. Dabei wäre eine Veröffentlichung auf ZickZack Records (DER Herberge für Bands der NDW wie Einstürzende Neubauten oder eben auch Palais Schaumburg) schlichtweg perfekt gewesen.

Im Vergleich zu seinem Vorgänger „Du nicht er nicht sie nicht“ arbeitet „UFO“ viel mehr mit repetitiven Phrasen, ist aber in seinen Songstrukturen und der Dynamik wesentlich facettenreicher. Es bleibt der Eindruck 1000 Robota nehmen sich auf „UFO“ mehr Zeit ohne jedoch an Dringlichkeit zu verlieren. Grandios gelungen in „Glück“: in seinen 03:42 Minuten vollzieht der Song immer wieder eine Metamorphose von einem reißerischen Tumult, hin zu einer spannungsvollen Ruhe - durchzogen von scharfen Riffs, wummernden Bass und einem passgenauem Schlagzeug. „Glück“ ist auf den Punkt gebracht, musikalische wie textlich. Schon nach einmaligem Hören schreiben sich die prägnanten, selbstreflexiven Zeilen „Ihr seid keine Jugend und kein Phänomen. Hamburg brennt. Ja, ja, bla bla. Ihr wollt es gar nicht. Ihr wollt nur Euch und euer Glück. Verneinen ist einfach und Einsicht ist schwer“ ins Gedächtnis ein und verweilen dort auf unbestimmte Dauer.

Generell sind die Texte auf „UFO“ kryptischer, in der Wortwahl allerdings stets präzise. 1000 Robota schaffen es immer noch die deutsche Sprache in markante Parolen zu verpacken, die nicht mehr zwingend an den Imperativ gebunden sind.

Auch „Du wirst interessant“ brilliert durch das Zusammenspiel von Gegensätzen wie laut/leise, schnell/langsam, sanft/hart, kommt jedoch aufgrund der wuchtigen Bassline viel mächtiger als „Glück“ daher. Wohingegen im verträumten Track „Geh nicht zu weit“ das gemächliche Schlagzeug ganz wunderbar die sacht gesungen Wörter untermalt.

Während die Kombination aus Breakbeat und einem grollenden Bass in „Held und Macher“ einen aufwühlenden, düsteren Sound kreiert, wirkt das rotierende Muster in „Nicht so und nicht so“ gerade zu hypnotisch. Die heute erscheinende Single „Er sagt“ ist dabei mit seinem Geigen Staccato (!) mit Abstand der poppigste Track auf „UFO“.

In der Musikpresse kommentiert wurde vor allem der Hidden Track von „UFO“. In diesem wird nämlich der Beef zwischen 1000 Robota und Tomte Frontmann Thees Uhlmann nun auch musikalisch zementiert. Eingeleitet wird das Stück mit den folgenden Worten: „Eigentlich wollte ich dich nie erwähnen. Denn ich weiß ganz genau wie sie es sehen. Sie glauben nur das, was am einfachsten klingt.“ Deshalb sei an dieser Stelle nur gesagt, dass der Hidden Track einer der energischsten auf der Platte ist und jede Menge Hörvergnügen bereitet. Zu leugnen ist das nicht.

Um den Texten noch ein Mal zu huldigen, zum Abschluss ein Zitat aus „Wir reißen uns zusammen“: „Wir singen so, weil wir nicht anders singen können. Wir schreien so, weil wir nicht anders schreien wollen. Wir lieben so, weil man doch nun mal lieben soll. Wir schreien so, weil wir schreien wollen. Wir wollen es so aus Angst, dass niemand will.“ Ein Glück!

Am 11. November spielen 1000 Robota im schnuckeligen King Georg in Köln. Hin da! (VÖ: 3. September Buback Tonträger)

John Legend & The Roots: Wake Up!

legend-rootsWie geil kann denn Politik sein, dachten sich vermutlich auch John Legend und Questlove, seines Zeichens Schlagzeuger von The Roots, als sie sich mitten im 2008er US-Wahlkampf darauf einigten, den im Land herrschenden Spirit musikalisch einzufangen. Schon fast ist der damalige Hype um Obama und die erzeugte Politisierung von vermeintlichen Nichtwählern in Vergessenheit geraten und doch erscheint jetzt mit dem gemeinsamen Album des Soulsängers und der Organic Hip Hop Band ein musikalisches Zeugnis dieser bewegten Zeit.

Längst musste sich der ikonisierte, einstige Präsidentschaftskandidat den realpolitischen Zugeständnissen eines Amtsträgers beugen und das Haupt für Dinge hinhalten, die er originär nicht zu verantworten hat. So ist das nun mal. Die Euphorie ist verflogen, aber Wake Up! entschädigt im Kleinen, ist musikalisches Trostpflaster, ist Balsam für die…

Soul – in der Vergangenheit selbstverständlich politisch aufgeladenes Ausdrucksmittel der afroamerikanischen Community, ist dem Genre diese Qualität weitesgehend verloren gegangen. John Legend und The Roots beleben nun diese Tradition in beeindruckender Weise. Vornehmlich “soulful music from the 60s and 70s” haben die kollaborierenden Künstler herangezogen und diese für sich interpretiert. Dabei gehen sie angemessen behutsam zu Werke und das Ergebnis pendelt zwischen den Polen funky (“Our Generation”) und smooth (“Wake Up everybody”).

Selbst Offbeat-Klänge, sprich Reggae-”Wurzeln”, finden sich auf Wake Up! (“Humanity”), was im Albumkontext nur logisch sein kann. Und wer bei Songperlen, wie dem gospel-lastigen ” I Wish I Knew How It Would Feel To Be Free”, nicht verstanden hat, warum dieses Coveralbum seine Berechtigung hat und darüber hinaus absolut genial ist,  muss definitiv zurück in die Soul-Grundschule: Nachsitzen!

Professor Green: Alive Till I’m Dead

profgreenIst das jetzt die Quietscheentchen-Ausgabe von Mike Skinners The Streets oder doch eher Eminem auf Helium, der ein unbeschwertes Partyalbum bei Mark Ronson aufgenommen hat? Professor Green, 26jähriger MC aus East-London, ist in der Tat irgendwo zwischen den genannten Koordinaten zu verorten  und sein am 24. September erscheinendes Album Alive Till I’m Dead ist Good Mood Pop Rap für die Tanzfläche. Dass sich Stephen Paul Manderson alias Professor Green selbstironisch mit Vanilla Ice vergleicht, ist natürlich ein Klumpfußvergleich und doch sagt dies einiges über die Grundausrichtung seiner Songs und das Zielpublikum aus. Die echten Hip Hop Heads werden bei Professor Green abwinken und es sind eher die Kids, die besagten Mark Ronson oder meinetwegen auch Plan B abfeiern, die auf Alive Till I’m Dead einiges Unterhaltsames finden werden, auch wenn es immer wieder Schattenmomente gibt – The Streets like.

Natürlich macht man es sich irgendwie einfach, wenn man bei den ersten beiden Singles  jeweils bekannte Samples verbrät und die Songs nur knapp am Status Coverversion vorbeischrammen. Gut, die Zielgruppe wird sich vermutlich ohnehin nicht mehr an INXS erinnern, daher kann man “I Need You Tonight” einfach mal neu verwursten und dank des extrem eingängigen Sounds ist der Song auch ohne Erinnerungserlebnis ein – richtig – Hit, Hit, Hit! Die nächste Single “Just To Be Good Green” bedient sich schamlos bei einem anderen 80er Synthesizer Bestseller, nämlich bei “Just Be Good To Me” von den vergessenen S.O.S. und wenn dann noch Lily Allen die Hook singt, steht Great Britain mal wieder Kopf.

Bei “Oh My God” erklärt sich Professor Green kurzerhand als Rap’s George Best, den legendären nordirischen Fußballspieler („Ich habe viel Geld für Alkohol, Frauen und Autos ausgegeben, den Rest habe ich einfach verprasst.“) Abgesehen von dieser Selbststilisierung könnte “Oh My God” problemlos Single werden, wofür größtenteils der von Labrinth vorgetragene Refrain sorgt. Professors Greens lässiger Flow passt auch wunderbar zum Bassmonster namens “Jungle” und die nächste prägnante Hookline lauert bestimmt im Dschungeldickicht. Man könnte sich nun immer weiter an der Tracklist entlang hangeln und beispielsweise “Do For You”, den Dancefloor-Stomper “Falling Down” oder “Monster” loben und doch ist manches einfach zu hitig. Hier wird nichts dem Zufall überlassen und man könnte beinahe glauben,  Alive Till I’m Dead stelle den Versuch dar, das britische Shock Value zu kreiieren. In der Tat könnte auch mancher Beat und eingängige Refrain von Timbaland stammen, was je nach Gusto gut oder ganz schlecht sein kann. Sagen wir es mal so: Wer abwechslungsreichen, cheesy Pop Rap gutheißen kann, sollte  schnell “Alive Till I’m Dead” erwerben und für Professor Green bedeutet dies, ein heißer Eisen im Chartfeuer zu haben und genug Geld anzuhäufen, um auch weiterhin einen auf George Best zu machen. Kick it!

Professor Green: Alive Till I’m Dead (VÖ 24.09.2010; Virgin/EMI)

Marie Fisker: Ghost Of Love

marie-fisker_coverNach dem Marie Fisker einen renommierten Status in ihrer Heimat Dänemark erreicht hat, wo sie im Vorprogramm von Juliette Lewis, Pete Doherty und Devendra Banhart spielen durfte, erscheint ihr Debüt mit einjähriger Verspätung nun auch in Deutschland. Mit „Ghost Of Love“ kreiert Marie Fisker einen Sound, den man allgemeinhin wohl am ehesten als amerikanisch beschreiben würde – rauer Country erweitert um psychedelische Elemente. Selbstverständlich folgt auch im Fall von Marie Fisker der Albumveröffentlichung eine Tournee. Im Oktober wird sie gemeinsam mit Anders Trentemøller die deutschen Gefilde bereisen. Dabei sind Trentemøller und Marie Fisker weitaus durch mehr verbunden als durch ihren Heimatort, nämlich durch eine langjährige musikalische Kollaboration, welche im Frühling dieses Jahres in „Sycamore Feeling“ gipfelte, der ersten Singleauskopllung aus Trentemøllers Album „Into The Great Wide Yonder“, für die Marie Fisker nicht nur die Vocals beisteuert, sondern ebenso für die Musik mitverantwortlich ist.

Eröffnet wird das Album mit dem Titeltrack „Ghost Of Love“ – eine schwermütige und reuige Ballade, die bei einer nicht all zu betrübter Stimmung des Rezipienten wohl ein wenig zäh daher kommt. Der darauf folgende Song „Seven Days“ verzichtet völlig auf eine rhythmische Begleitung durch Schlaginstrumente. Damit bleibt Marie Fisker zunächst bei einem mühseligen Gemüt. Harmonien in Moll und direkte Texte lassen keinen Zweifel daran, dass es sich thematisch ums Verlassen und Verletzt werden, letztendlich ums Allein sein dreht. Immerhin besudeln sich Marie Fiskers Zeilen nicht in Selbstmitleid, sondern sollen wohl eher eine bereinigende Funktion haben. Hier scheint Freuds Auffassung über Sublimierung – Kunst- und Kulturproduktion aufgrund von Triebverzicht – zu greifen.

Auch auf den nächsten Track „Hold On To This For A While“ lässt sich diese These anwenden, glücklicherweise schlägt Marie Fiske hier nun aber andere Töne an. Ein beschwingtes Zusammenspiel aus Bassdrum und Schellenkranz lässt ihre Zeilen umso lasziver daher kommen und durch eine nach und nach üppiger werdende Instrumentierung schwillt der Song prächtig an. Von nun an kann „Ghost Of Love“ die angesetzte Marke halten. Zu nennen sind vor allem die Stücke „Jack Of Heart“, „Devil Tear“ sowie „My Love My Honey“ und „City Lies“, welche durch leichten Anklang an Patti Smith, PJ Harvey, zeitweilig auch an The Raveonettes und Black Rebel Motorcycle Club begeistern und definitiv Anwärter für rotierendes Hören sind. Hat man also zunächst die ersten zwei Albumtracks hinter sich gelassen, kann man auch Verständnis für Marie Fiskers Status in Dänemark aufbringen. (VÖ: 27. August 2010 auf Maryvine Records/Cargo Records)

The Thermals: Personal Life

thermals-coverNummer 5. The Thermals erweisen sich immer mehr als nimmermüde Marathonläufer in Sachen Indierock, auch wenn sie im Laufe der Jahre ein paar Trademarks an der Wegstrecke haben liegen lassen. Nicht mehr so ganz unterproduziert wie einst, nicht mehr so dilettantisch-ungestüm schrammelnd und inzwischen ungeniert mit der Dame Pop flirtend – so könnte man knapp die Entwicklung des Trios aus Portland (Oregon) zusammenfassen. Nachdem 2009 The Thermals mit Now We Can See ein geradezu ideales Album für die Festivalsaison veröffentlicht haben, kommt das diesjährige Release quasi ein wenig spät, schließlich wurden inzwischen (fast) alles Open Air Bühnen wieder abgebaut.

Schade, denn allein die erste Single “I Don’t Believe You” kann man sich leicht als Soundtrack zum Umherspringen in Schlammpfützen vorstellen. Ähnliche Ohrwurmqualität zeichnet “Never Listen To Me” aus, das einem schrecklich bekannt vorkommt und man dennoch nicht den vermeintlichen Vergleichssong ausfindig machen kann. Vielleicht ist dies auch nur eine Selbstreferenz  im Hause The Thermals. So funktioniert wohl Markenetablierung. Die Band um Frontmann Hutch Harris sollte längst so viele Alben verkaufen wie die inzwischen ziemlich peinlichen Genrezombies Weezer, aber Popmusik hat noch nie etwas mit Gerechtigkeit zu schaffen gehabt.

Dass The Thermals sich fast nur noch im Midtempobereich bewegen, ist keinesfalls als störend zu bezeichnen, da Melodien wie bei “Power Lies” oder à la “Not Like Any Other Feeling” einen Schokoladeneffekt erzielen, sprich sich überhaupt nicht schnell abnutzen. Wie die meisten Leute nicht die Finger von der braunen Kakaomasse  lassen thermals-bandkönnen, so mag man sich auch an The Thermals selten satt hören. Dennoch ist festzuhalten, dass das Trio sich ein weiteres Gitarrenpop-Album im bekannten Stil zukünftig nicht mehr leisten kann, wenn sie sich nicht wie besagte Weezer nur noch selbst kopieren wollen. “Your Love Is So Strong” fällt als Uptempo-Nummer noch aus dem Albumkontext heraus und weiß zu begeistern und auch der Rausschmeißer “You Changed My Life” ist recht gefällig, und doch wird man den Eindruck nicht los, dass einige Songs aus der Session zu Now We Can See stammen und letztes Jahr aussortiert wurden.

Entweder werden The Thermals jetzt richtig groß und erschließen sich ein neues Publikum, das die alten Alben nicht kennt, oder Harris, Bassistin Kathy Foster und Schlagzeuger Westin Glass müssen zukünftig getrennte Wege gehen. Es steht zu befürchten, dass die Band sich sonst in Richtung Stadionrock entwickelt und das kann man nun wirklich nicht wollen. Gegenwärtig heißt das Motto jedoch, The Thermals mit ihrem Konzeptalbum zum Thema zwischenmenschliche Beziehungen hören und das sich einstellende Bauchgefühl unbefangen genießen.  Ist das im Sinne des Erfinders? Egal – Kopfpause olé!

Kraków Loves Adana: Beauty

krakow_loves_adana_pressefoto_3_low_resDass Schönheit eben nicht nur im Auge des Betrachters liegt, sondern auch über den Gehörgang erfahrbar ist, manifestieren Kraków Loves Adana mit ihrem Debüt „Beauty“ und präsentieren damit, welche Art von Klang sie mit dem Attribut „schön“ schmücken. Dieser behauptet sich auf „Beauty“ als sanft, aber dennoch bestimmt.

Obwohl die Instrumentierung recht schlicht ist, obliegt ihr eine Vorliebe fürs Detail. Auf diese Weise gelingt es Kraków Loves Adana trotz ihres minimalistischen Ansatzes einen üppigen, klaren Sound zu erzeugen. Wie zum Beispiel in der aktuellen Singleauskopplung „Porcelain“: ein prägnantes Gitarrenzupfmuster addiert mit einer harmonischen Orgel, einem griffigen Schlagzeug und der sinnlich dunklen Stimme von Deniz Cicek resultiert das Stück in einer treibend zärtlichen Melancholie.

Die Freiburger Deniz Cicek und Robert Heitmann zelebrieren mit „Beauty“ eine verklärte Tristesse, die musikalisch stark an Cat Power und teils an The Kills erinnert. Charakteristisch für die elf Tracks sind dabei repetitive Phrasen, die besonders bei „1993“ gelungen eingesetzt werden. Denn dort greifen diese rhythmisch ineinander, sodass eine Dynamik entsteht, deren Höhepunkt durch die kraftvoll gesungenen Zeilen „it’s an action/an illusion/the attraction/of a physical love/it’s an excuse an llusion/ the attraction/of an unphysical worth“ artikuliert wird.

Das Timbre des Albums ist bestimmt von einer hallenden Klarheit, die nicht Mal durch zerrende Gitarren oder Verstärkerrauschen getrübt wird. Was jedoch nicht heißen soll „Beauty“ verliere sich in einem aufpolierten Glanz – ganz im Gegenteil. So gefällt beispielsweise das verträumte „A 60s Troubadour“, weil seine eingängige Melodie entlang eines Noise-Walls vegetiert. Doch eigentlich bietet bereits der erste Song „Geistermanier“ das Paradebeispiel. Denn hier wird Wohlklang durch sachte Brüche und einen Hang zur Dissonanz charakterisiert. Bezeichnend sich auch die zuletzt gesungenen Wörter von des Openers: „I will stay here“ – Kraków Loves Adana sind mit ihrem Debut definitiv gekommen um zu bleiben. (VÖ: 2. Juli 2010 auf Snowhite)

Fotos: Porzellan

Wenn sich der Blick Richtung Schuhe senkt und dort angekommen für eine heilsame Ewigkeit verweilt – Fotos begeben sich auf ihrem neuen Album Porzellan in die Welt derporzellan-gross verrauschten Atmosphäre und lärmenden Gitarren, ohne jedoch das inzwischen wieder ziemlich hippe Shoegaze-Ding vorbehaltlos zu kopieren. Vielmehr gelingt es Fotos zwischen Noise und Dream Pop ein neue Plane aufzuspannen, eine Bettdecke unter der man samt Taschenlampe Mikrokosmos sein kann, sein will.

Nach dem selbstbetitelten Debütalbum (2006) und Nach dem Goldrausch (2008) gelingt den Hamburgern mit Porzellan ein Qualitätssprung in – für sie – luftige Sphären. Herauszustreichen ist in jedem Fall das musikalische Spagat zwischen Sonnenseite und Mondscheinterrain, zwischen der wärmenden Strahlkraft eingängiger Popmusik und der unterkühlten Stimmung eins Soundtracks, der Selbstreflexion bedingt, respektive möglich macht.

Sogartige Wirkung entfaltet der Albumopener “Alles schreit”, wenn der Song nach fast 2 Minuten Exposition ein leicht verschwommener Twee-Pop-Hit wird, wie ihn zurzeit The Pains of Being Pure At Heart fotos_pressefoto_2_low_reszu präsentieren pflegen, wobei man sich durchaus auch an die Referenzband schlechthin, an My Bloody Valentine, erinnert fühlt. Denkt man an die Art und Weise, wie Kevin Shields und seine Mitstreiter mit ihrem letzten Werk Loveless (1991) den Zuhörer um den sprichwörtlichen Finger gewickelt haben, so scheint der Beginn von Porzellan ähnlich betörend zu sein.

Das ebenfalls sehr gefällige Gewummer des Titeltracks samt herrlich scheppernden Schlagzeug wird durch den gelegentlich weit entfernt wirkenden Gesang Thomas Hesslers ergänzt. “Nacht” variert käsigen 80er Pop und ist textlich nah an der romantisch-kitschigen Lyrik eines Dirk von Lowtzows, wie sie  zuweilen auf den letzten Tocotronic-Alben zu finden ist. Das muss einem nicht unbedingt zusagen und doch funktioniert die Musik-Text-Verbingung insofern, dass man allzu gerne die gerunzelte Stirn sich glätten lässt.

Das regelrecht fröhliche “Mauer” ist ebenfalls kilometerweit von der Ausfahrt namens beliebig entfernt und hat das Navigationsgerät ohnehin auf eine andere Route programmiert. Süß wie eine gemischte Tüte vom Kiosk ist “Wasted”, das als zartes Duett in Erinnerung bleibt. Beinahe hypnotisierende Wirkung entfaltet “Feuer” – schleppend, schwerfällig, aber vereinnehmend. Manchmal hat man schon den Eindruck, dass die Band, die inzwischen vom schwächelnden Major EMI ausgehend beim Berliner Indielabel Snowhite gelanded ist, zu dick aufträgt. Man höre sich nur das aufdringlich-schöne “Angst” an. Sicher ist Porzellan das tatsächlich beste Album von Fotos, auch wenn man sich ein paar mehr Ecken wünschen würde, denn sich an Musik zu stoßen, macht diese schließlich erst richtig spannend und das in nachhaltiger Weise. Dennoch ist die Zwischenwelt Porzellan defintiv eine Reise wert. Taschenlampe nicht vergessen.

Fotos: Porzellan (VÖ 10. 09. 2010; Snowhite)

Nils Koppruch: Caruso

caruso-coverAuch als Nachzügler unter den Rezensenten kommt man nicht umhin, bezüglich Caruso anerkennend mit dem Kopf zu nicken. Nils Koppruch präsentiert sich auf seinem zweiten Soloalbum musikalisch furios als Genregrenzgänger und auf der Textebene angenehm kryptisch und zuweilen kumpelhaft, jedoch nie anbiedernd oder gar uninspiriert. Zwischen metaphorischem Schönklang und Weisheiten aus dem Alltag, restauriert Koppruch das ausgeblichene Bildnis eines Liedermachers mit geschwungenen Pinselstrichen und grundiert dieses mit charmanten, zuweilen auch traurigen Geschichten.

Auf Caruso gibt Koppruch zwar erneut den Singer-Songwriter  traditionellen Verständnisses, erlaubt sich und den  12 neuen Liedern jedoch Ausflüge außerhalb des bekannt folkloristischen Terrains. Dabei ist ihm ein Album gelungen, das endgültig jegliche sentimental bedingten Reminiszenzen an die 2006 aufgelösten Fink abzuschütteln vermag. Daher nachfolgend auch keine weitere fink’sche Bezugnahme.

Mit “Armer Junge weint, armes Mädchen” beginnt Koppruch das Album mit der Eindringlichkeit einer dampfenden Tasse Kaffee um drei Uhr nachts – mit Sinn stiftenden Worten, die sich in der Summe nicht sogleich erschließen und entsprechend Aufmerksamkeit einforden. Mit dem (album)-titelgebenden Stück “Caruso” erinnert Koppruch dann an die Pianobar-Zeiten eines Tom Waits. Heart of Saturday Night. Gute Nummer. “Kirschen (wenn der Sommer kommt)” exzerziert in all seiner spürbaren Wärme das Nutze-den-Tag-Prinzip durch und erinnert folgerichtig in augenzwinkernd mahnender Manier an die Vergänglichkeit aller Dinge. Ein Reinhard-Mey-Momentum, was wirklich gar nicht diskreditierend gemeint ist. Und immer fort geht es, mit potentiellen Songfavoriten auf Caruso. In der Folge wirken das rankende “Wort im Wasser” und anschließend “Die Aussicht” gar unverschämt eingängig und liebenswert, so dass man stets dorniges Zwischengebüsch zu erwarten glaubt. Das bläserreiche “Verrückt vor Liebe” braucht man im Albumkontext nicht unbedingt, doch wer will schon bei Koppruch den Geschmackspolizisten geben?

Das beatlastige “Weil’s möglich ist” ist in seiner dylanesken Art unfassbar schnodderig-cool und “Wissen musst du es doch” entzündet in der zweiten Albumhälfte ein – ganz konventionell – flackerndes Lagerfeuer, das natürlich zum Geschichtenerzähler Koppruch passt. Keine Frage. “Vergessen was ich wusste” erweist sich zudem als Alternative Country Poem, bevor “Stadt in Angst” in Marmor meißelt, warum Koppruch in seinem Handwerk als Großer gilt. Wer Singer-Songwriter mag, die sich nicht in überbordender Gefühlsduselei verlieren, sollte sich die aktuelle Koppruch-Veröffentlichung zu Ohren kommen lassen.

Justus Parker: Exil oder Disko

justus-parkerZwischen Indiepop-Niedlichkeit und post-punkiger Trennschärfe liegt ein immenses Stück Acker, das im brachliegenden Zustand zunächst eine menge Arbeit verspricht. Justus Parker spannen allerdings weder den Diskursgaul vor ihren Albumpflug “Exil oder Disko”, obwohl man das bei der Catch Phrase im Titel erwarten dürfte, noch wirkt die Band aus Düsseldorf/Köln/Wuppertal bei besagter Ackerbestellung irgendwie angestrengt.

Die ersten Songs des gerade veröffentlichten Longplayers zappeln und hibbeln sich gleich ins Aufmerksamkeitszentrum, was gleichsam an der treibenden Gitarrenarbeit und dem angenehm hysterischen Gesang liegt. “Unter Menschen” gibt entsprechend die Marschroute vor, schubst hinein – rüttel, rüttel – und dann: da sein gegen Dasein. “Durch den Nebel, ein paar Sterne/Ohne Kompass, ihre Glut/Großer Wagen, nee, Laterne/Schwere Schritte, träges Blut.”

Wer jetzt noch nicht versteht, was bei Justus Parker Sache ist, wird bei “Ich erhöhe meine Geschwindigkeit” belehrt. Beinahe zu eingängig wird hier gefuhrwerkt und doch kann man sich dem Drive der fünfköpfigen Band keineswegs entziehen. Textlich angemessen plakativ, könnte man sagen und falls sich der Eindruck einstellt, dass kontemporärer Indierock in deutscher Sprache Befindlichkeitsfixiertheit nicht mehr angemessen und in der rijustus-parker-21chtigen Dosis in Worte hüllen kann: “Zwischen auf die Barrikaden,/Selbstzerstörung und Blockade/Lieg ich wach und denk an nichts/Und bin allein.” Verkopft geht anders. Dennoch, ein wenig kryptischer dürften die Texte schon sein, obwohl Musik und Wort  klanglich sicher durchgehend symbiotisch wirken. Zwischen Exil und Disko liegt halt Alltag und dieser speist beispielsweise das schön vorwärts drängende “Das muss wohl Liebe sein”.

Gefällig ist sicher auch das radiokompatibele “Tanz, Baby (Solange du noch kannst)” und der Energielevel bleibt lobenswert oben. Letztlich kann man sich aber nicht dem Eindruck entziehen, dass Justus Parker ein wenig mehr von der dem Kameraden Post-Punk immanenten Kantigkeit gut stehen würde, eine Nuance mehr greifbare Gefahr, ein wenig mehr Diskurs und Ellenbogen. “Paläste aus Glas” geht eher in diese Richtung, kann sich den catchy Refrain jedoch auch nicht verkneifen, denn Justus Parker buchstabieren Pop stets in Großbuchstaben. Von “Am Ende kommen Touristen” lässt man sich schlussendlich gerne aus dem Album schmeißen, wobei mit dem Hidden Track noch einmal ein atmosphärischer Schlussstein gesetzt wird.

Mit “Exil oder Disko” haben Justus Parker, um doch noch ein Fazit zu ziehen, ein eingängiges, zumeist gefälliges Album eingespielt, das der Band noch die ein oder andere Türe öffnen könnte. Dem Rezensenten hätte jedoch ein wenig mehr Türeintreten statt Anklopfen besser gefallen.

!!! (chk chk chk) – Strange Weather, Isn’t It?

chk chk chkSchüttelt die Thrombosestrümpfe von den Füßchen, denn die Band mit dem kurzen, aber umständlichen Namen ruft wieder rattenfänger-like auf die Tanzfläche. !!! schmeißen auf Strange Weather, Isn’t It? die letzten Reste Disco-Punk über Bord und haben einen unwirklich groovenden Funkroboter zusammengeschraubt, der sicherlich subtiler als der allseits beliebte Comic-Blechmann namens Bender zu Werke geht und dennoch eine außerordentlich gut funktionierende Schalk-Platine sein Eigen nennt. Read more »