Alben

Tom Waits: Bad as me

Es gibt Musiker, die begründen ein ganzes Genre, prägen es nachhaltig. Es gibt auch Musiker, die eine ganze Stilrichtung ermeucheln, da sie die Charistika des Stils via musikalischem Copy & Paste Verfahren geradezu ins Groteske entstellen. Echte Kunstkiller sozusagen. Und dann gibt es Musiker wie Tom Waits, die schlicht und ergreifend ein Genre sind, jegliche Referenzen obsolet werden lassen und sich potenzielle Epigonen nicht trauen, eine stilistische Kombination aus Strg + C und Strg + V durchzuführen.



Nun also  “Bad as me”, ein neues Waits Album nach 7 Jahren Longplayer-Pause. Erstaunlicherweise habe ich überhaupt keine Erwartungen mehr an das One Man Genre, was mir eine Besprechung von “Bad as me” durchaus erleichtert. Waits zelebriert in unnachahmlicher Weise einen brillanten Freak Boogie Woogie, der gleichsam auf einer Theaterbühne, in einem verrauchten Jazzkeller und im heimischen Refugium Wirkung erzielen kann. Während Waits auf den Fotos im Booklet gewaltig gealtert aussieht, demonstrieren einige Songs des neuen Albums einen recht jugendlichen Tatendrang. Zwischen Rockabilly, Blues, Jazz und düsterem Folk zu verorten, ist “Bad as me” das bewegende Alterswerk eines echten Pioniers. Zuletzt sei noch angemerkt, das Waits Stimme beinahe samtig wirkt, die einzige große Überraschung nach 7 Jahren Albumabstinenz.

Black Lips: Arabia Mountain

Die Partycrasher der Garagenrock-Szene zeigen der sogenannten Altersmilde, dafür sind die vier Herren auch eigentlich noch viel zu jung, weiterhin gekreuzte Mittelfinger. Auch auf dem sechsten Studioalbum erweisen sich die Black Lips als Glücksfall für ein Subgenre, das nicht unbedingt für Selbsterneuerung bekannt ist. The Black Lips haben sich und ihre vermeintliche Szene noch nie so richtig ernst genommen und so sprüht Arabia Mountain vor Spielfreude, kalauereskem Gehabe und dem so liebgewonnenen lo-fi Sound der ersten Bandstunde.

Neben psychedelischen Anwandelungen darf es auch mal gepflegter Sixtiespop sein, was im Band- und Albumkontext hervorragend funktioniert. Und so gelingt es den Black Lips in 41 Minuten die Genregrenzen gekonnt auszuloten und der Hörerin oder dem Hörer ein gewohnt debiles Grinsen ins Gesicht zu zaubern. Allen, die nicht ohnehin bereits davon gehört haben, sei noch gesagt, dass Arabia Mountain von keinem Geringeren als Mark Ronson produziert wurde. Eine Kollaboration, die zunächst merkwürdig anmutet, aber den Black Lips offensichtlich geholfen hat, das eigene Soundspektrum sinnvoll zu ergänzen. Im Übrigen ist der Opener “Family Tree” vielleicht der perfekte Black Lips Song. Auschecken.

Laura Vane & The Vipertones: Sugar Fix

Mein Körper wehrt sich stets gegen gesteigerte Koffeinzufuhr und ich vermute, dass es ihm unrecht ist, dass mit Sugar Fix eine neue Laura Vane & The Vipertones LP erschienen ist. Die man konsumieren muss, versteht sich, die extrem anregend wirkt und somit zu den Stimulantien der suchtgefährdenden Sorte gehören dürfte.

Schon gleich der Opener “Capsized” – Free Download hier – sorgt dafür, dass Extrasystolen durch die Blutbahn rollen. Ein großartiger Uptempo-Stomper, der durch die Bläsersektion der Vipertones und Miss Vanes sensationellem Organ ein fettes Ausrufezeichen setzt.

Das selbstbetitelte Vorgängeralbum von 2009 zeichnete sich bereits durch eine gelungene Stilvermengung traditioneller und moderner Soul- und Funkspielarten aus und Sugar Fix führt diesen Weg fort, jedoch nicht ohne dem ganzen noch einen Hauch Popappeal angedeihen zu lassen. So reihen sich samtweiche Motown-Perlen wie “All Over Again” oder “Just Keep Smoking” an Funksprengsätze wie “Wicked Man”.

Keine Frage, dass das holländisch-britische Bandkollektiv seine Sache versteht und erneut ein Qualitätsrelease auf Unique Records veröffentlicht hat. Es könnte ab und an noch ein wenig mehr in “Steam”-Manier grooven, aber nun geht es in den Bereich übermäßiger Detailkritik. Laura Vane & The Vipertones sind on top der europäischen Soulszene. Ende der Durchsage.

 



 

Atari Teenage Riot: Is This Hyperreal?

Sie trugen in den 90ern die alte Tante Anarchía in die elektronische Tanzmusik. Wenn man sich vor Augen führt, was sich heute alles Elektropunk schimpft, unterstreicht das reflexiv die enorme Bedeutung von Atari Teenage Riot innerhalb der deutschen Popgeschichte. Umso erstaunlicher, dass ihr Digital Hardcore, oder wie man die Mixtur aus unterkühlten Knüppelbeats und heißen, politischen Parolen auch immer nennen mag, keinerlei Epigonen angezogen hat.

12 Jahre nach dem letzten Studioalbum und 11 Jahre nach dem Bandsplit erschien dieser Tage mit Is This Hyperreal? ein neuer Longplayer von Alec Empire & Co. Allerdings ist die Reunion personell nur bedingt geglückt Sängerin Hanin Elias, damals zuständig für herausstechende Verbalattacken und Selbstkasteiung, ist leider nicht mehr dabei, so dass Atari Teenage Riot nun als Trio – Nic Endo übernimmt den vakanten Vocalpart aber in gelungener Manier – die Uhr zurückdreht.

Genauso mutet Is This Hyperreal? nämlich an. Industrial ist immer noch oder wieder dominantes Stilelement, wobei Songs wie “Black Flags” fast schon ein wenig bei den ehemaligen Weggefährten Nine Inch Nails abgeschrieben wirken. Zugute halten, muss man sicherlich, dass bei aller 90er-Haftigkeit der vertonten Raserei das neue Material frisch und authentisch wirkt. Atari Teenage Riot knüpfen zwar fast unmittelbar da an, wo sie zur Jahrtausendwende die Brocken hingeworfen haben, und doch bemühen sie keineswegs den eigenen “Heldenstatus” und wirken alles andere als satt. Ein größeres Komplimemt kann man einer wiedervereinigten Formation wohl nicht aussprechen. Somit schließt diese kurze Besprechung auch mit einem programmatischen Anspieltipp: “Re-Arrange Your Synapses”.

The Crookes: Ladendiebe aller Länder

Wie könnte man die Besprechung des Debütalbums der jungen, britischen Band The Crookes anders als mit einem abgewandelten Songtitel von The Smiths beginnen? Ich erspare mir einfach die Suche nach alternativen Anfängen und beginne mit der Referenzgröße schlechthin. Seit Voxtrot mit “The Start of Something” debütierten, hat niemand mehr so dreist (und gelungen) Morrissey, Marr & co zitiert, ohne als Plagiat durchzugehen.

Der Gitarrenpop auf “Chasing After Ghosts”, wie passend, steht eindeutig im Geiste der 80er Vorzeigeband. Erstaunlich, dass dieser Sound auch heute keineswegs altbacken wirkt und man den Jungs aus Sheffield  daher nicht vorwerfen kann, die Nostalgiepauke zu schlagen. Jedenfalls nicht ausschließlich.  Wer unter einer Pathosallergie leidet, kann mit den 11 Songs wohl nur wenig anfangen. Mir persönlich geht bei einem Tearjerker wie “Chorus Of Fools” das Herz auf. “Bloodshot Days” lässt klanglich Lilien regnen, so wie es auch Moz gefallen würde: eine Empfehlung für den Indieszene-DJ in der Provinz wie in den Metropolen. Talent borrows, genius steals!

The Strange Death Of Liberal England: Drown Your Heart Again

tsdole1Oftmals glaubt man, dass man zu abgeklärt sei, um von einem Album so richtig bewegt, auf dem falschen Fuß erwischt zu werden. Dass dies keinesfalls so ist, lehren The Strange Death Of Liberal England mit ihrem Album Drown Your Heart Again in erstaunlicher Manier. Ein quasi Konzeptalbum zum Thema Meer haben die fünf Briten aus Portsmouth eingespielt und so kann es kaum verwundern, dass dieses nach Sehnsucht, Euphorie, Melancholie, Einsamkeit und Lebensfreude gleichermaßen klingt.

“For me there has alsways been something  spiritual to the sea. It’s a place where people surrender their emotions, like a confession, literally leaving them behind,” so erklärt Sänger Adam Woolway seine Affinität zum Ozean. Man möchte Woolway angesichts dieser Worte augenblicklich die Hand schütteln und für den wunderbar pathetischen Kammerpop, den er schreibt, gleich in die Arme schließen.

Die Band von der englischen Südküste präsentiert sich auf Drown Your Heart Again in orchestralen, opulenten Arrangements und dennoch wird eine Funken schlagende Intensität erzeugt, die man sonst eher von minimal instrumentierten Liedern begnadeter Singer-Songwriter kennt. Beinahe hat man den Eindruck, dass Quintett verschieße sein Pulver bereits zu Beginn des Albums, zu spektakulär verhandeln die ersten Lieder das (musikalische) Sujet der Meererfahrung. “Flickering Light” erweist sich als Ausgangspunkt einer emotionalen Kreuzfahrt durch bewegte…nun ja…Gewässer, verlockt dazu, gleich noch einmal gespielt zu werden. Bevor man dies tatsächlich in Erwägung ziehen kann, übernimmt “Flagships” das Kommando und führt die Thematik in einen weiteren Idealsong und Woolway gibt mit seiner kräftigen Stimme den Dirigenten des Neptunus-Orchesters.

Die Single “Rising Sea” kann einen außerordentlich prägnanten Refrain ihr Eigen nennen und man muss dieser Komposition einfach Tribut zollen. Ein solcher Hit würde auch den zurzeit unvermeidlichen Arcade Fire ausgezeichnet zu Gesicht stehen, was in erster Linie ein großes Kompliment darstellen soll. Ohnehin möchte man den anderen Kleinoden, wie dem intimen “Autumn” oder dem polternd-stürmischen “Come On Young Philosophers!”, den gleichen Stellenwert einräumen. “Drown Your Heart Again” ist ein kohärentes Meisterwerk geworden, man muss so große Worte bemühen, um das Album angemessen zu charakterisieren. Überraschung gelungen und nun: “Get drunk and drown your heart again…”

The Strange Death Of Liberal England: Drown Your Heart Again (VÖ 22. Oktober 2010, DevilDuck)

The Great Bertholinis: Gradual Unfolding Of A Conscious Mind – Part 3

tgbOb ein Gegenwarts-Dante wohl der Musikindustrie in der Divina Commedia einen eigenen Höllenkreis gewidmet hätte? Zum Glück muss man nicht pauschal den sprichwörtlichen Teufel an die Wand malen, denn solang  Bands wie The Great Bertholinis so wunderbar entrückte Musik veröffentlichen können, ist vielleicht viel, aber sicher nicht dir Hoffnung verloren.  Das Album mit dem sperrigen Titel Gradual Unfolding Of A Conscious Mind – Part 3 ist seit 2006 bereits die dritte Veröffentlichung der flunkernden “Ungarn”-Kapelle beim sympathischen Indielabel Hazelwood und bietet kategoriensprengende Seelenmusik.

Indierock, Folk-Spielarten, Pop; Kaizers Orchestra und Tom Waits – bei Einordnungsversuchen gerät man schnell in eine Erklärungsnot, die zu ähnlich augenzwinkerndern Lügengeschichtchen führt, wie sie die vermeintliche Bertholini-Großfamilie selbst aufzutischen pflegt. Begeben wir uns also weg von Genre-Etikettierungen und hin zu dem, was ohnehin ganz für sich allein steht, nämlich den erdachten Songwelten der Great Bertholinis.

Bereits auf dem Vorgängeralbum Planting A Tree Next To A Book waren es die wehmütig klingen Blasinstrumente, die im Gedächtnis verhaftet blieben. So ist es nicht verwunderlich, dass es wieder die Bläser sind, die den Hörer an die Hand nehmen und mittels “Bright Days (Intro)” sanft ins Album geleiten. Das folgende “Run To Hide” klingt wie ein wohl bekanntes Stück Musik, gefischt im See des kollektiven Gedächtnisses und in eine ganz neue Gestalt tranformiert, was eine besondere Qualität dieser außergewöhnlichen Band darstellt. Es scheint für  The Great Bertholinis ein Leichtes zu sein, solche Melodiekaninchen aus dem Zylinder zu zaubern. In der Vergangenheit attestierte Ähnlichkeiten mit John, Paul, George & Ringo flackern kurz in “I Am Ctgb2an” auf, bevor die Band bei “The Things I Gave” wieder die melancholischen Straßenmusiker geben und dabei die Assoziation Murder By Death Aufmerksamkeit beansprucht.

In der Folge werden funkelnde Popsteinchen in passende Folkschmuckstücke gefasst (“Puzzle With A Milion Thoughts”) und ein muskalisches Chanson-Riesenrad (“String Puppets And Bees”) in Schwung gebracht. So bildreich sich diese Kritik gibt, so anregend und inspirierend ist die Wirkung von “Gradual Unfolding Of A Conscious Mind – Part 3″, so dass man leicht in einen schwärmerischen Ton fallen könnte, – ja – fällt! Dass mit der “Zucker Serenade” gar Varieté-Soundtrack geboten wird, sei nur am Rande bemerkt und auch, dass The Great Bertholinis im Songwriting beeindruckende Spannungsbögen einarbeiten (“Lost The Key”), denn letztlich sollte jeder selbst die Entdeckungsreise Gradual Unfolding Of A Conscious Mind – Part 3 antreten. Genug zu entdecken, gibt es in jedem Fall. Eins noch. Skeptiker sollten sich vom wunderbaren “Bright Days” eines besseren belehren lassen, denn dem Charme allein dieses einen Stückes kann und mag man sich nicht entziehen.

The Distinctives: Hermeneutica EP

hermeneuticaWer hätte gedacht, dass Düsseldorf als postkolonialer Außenposten der einstigen Großmacht Britpop zu sehen ist. Bei The Distinctives weht in jedem Fall der geistige Union Jack und das nicht nur auf Halbmast. Zudem steckt der Pressetext die Koordinaten Indierock, Soul, Modbeat und Psychedelic ab, womit das Trio sich gleich einen zusätzlichen Vertrauenszuschuss verdient und diesen keineswegs verschenkt. Die am 22. Oktober erschienene Hermeneutica EP vermittelt das Gefühl, dass man es hier nicht mit Grünschnäbeln zu tun hat und in der Tat haben die Düsseldorfer ihre Erfahrungen in den Bands The Wedges und Perfect Ballroom Cast gesammelt, was bei den vier Songs der EP in einer nicht zu überhörenden Abgeklärtheit mündet.

Bereits der Türöffner “On Time” begrüßt den Hörer mit einem unerwartet britischen Akzent, was jedoch perfekt zu dem entspannten, wohl ausbalancierten Song passt, der problemlos im Tempo variiert und von der Qualität auch auf das erste The Rifles Album gepasst hätte. Kompliment, jedoch reißt das Niveau in der Folge nicht ab. Ähnlich souverän gibt sich das kurz geratene “Half Past 11″, das merklich Referenzmarker in der britischen Pop- und Rockgeschichte gesetzt hat und ebenfalls dazu geeignet ist, an einem trüben Sonntag Morgen die Sonne in die Wohnung zu lassen. “Payback Time” macht dann gekonnt einen Ausfallschritt nach vorne und erhöht die Schlagzahl im Geiste Paul Wellers, bevor “You Better Run” bereits – leider muss man sagen – die gelungene Hermeneutica EP beschließt.

Auch dieser letzte Song der Veröffentlichung präsentiert die drei Herren jeweils für sich an ihren Instrumenten, jedoch ebenso im Zusammenspiel als fähig, was eine vielversprechende Verbindung ergibt, die hoffentlich noch weitere Tonträger nach sich zieht. Demnach fällt das Fazit ungemein postiv aus: klasse EP und gerne mehr davon. Am 3. Dezember spielen The Distinctives übrigens im/beim Düsseldorfer FFT Freitagsklub. Hingehen!

Beat! Beat! Beat!: Lightmares

lightmaresDa wurde den Jungs von Beat! Beat! Beat! ein ganz schöner Rucksack voller Erwartungen aufgebunden, den man erstmal Schultern muss, ohne orthopädische Schäden davonzutragen. Ganz ohne Fehlhaltung erscheint nun mit Lightmares das Debütalbum der Band aus dem niederrheinischen Viersen, auch wenn die Vorschusslorbeeren der britischen Hypemaschinerie NME ( “Germany’s answer to Foals”) so gar nicht beim Charakterisieren des gebotenen, lockerleichten Indiepops zu helfen scheinen.

Anders als beim Foals-Debüt, das die Verspieltheit des Mathrock mit der Zackigkeit von Gang of Four kreuzte, präsentieren Beat! Beat! Beat! auf ihrem Erstling die Bandbreite modernen Gitarrenpops mit gelegentlichen Ausflügen in experimentellere Gefilde, was den Viersener ganz hervorragend zu Gesicht steht. Natürlich überstrahlt beim ersten Hördurchgang immer noch das inzwischen wohl bekannte “Fireworks” seine Songbrüder und doch stehen viele seiner Geschwister dem Überraschungshit der Band in Sachen Leuchtkraft in nichts nach.

Nach dem netten Einstieg mittels des gefälligen “Hard To Cherrish”  geht die erste Single “We Are Waves” eine sprudelnd-chemische Verbindung ein, die man sonst nur aus Mentos-Cola-Experimenten kennt oder wie das britische Magazin mit den drei Buchstaben verlauten lassen würde: huge hit! Wie auf einem guten Mixtape nimmt nun “Graveyard” ein wenig Tempo raus, wobei auch hier die eingängige Melodie Wiedererkennungswert besitzt. “You’re bbbDesigner” ist dann ein absolut herausragendes Stück, da es jegliche Indiepop-Niedlichkeit hintersichlässt und tatsächlich in die Foals-Richtung schielt, Postpunk und Nebelmaschine gleichermaßen bemüht. Großartig, wirklich großartig! Der Titelsong der “Stars EP” rudert dann wieder zurück in seichteres Gewässer und ist immer noch ein solides Liedchen in bester Kooks und Konsorten Manier, dabei auf den Punkt poduziert.

Apropros. Labelchef und Produzent Dennis Schneider (Ex Muff Potter) hat  Beat! Beat! Beat! tatsächlich den Sound auf den oder die Leiber, nun ja,  geschneidert. Ein  Maßanfertigung ist das bereits abgehandelte “Firework” ohnehin, auch wenn die ältete Version des Songs sogar noch ein Stück weit charmanter war. Eine weitere Facette gewinnen die Viersener dem eigenen Sound in “I See It Glisten” ab, das tatsächlich an eine der Lieblingsband der vier Jungs erinnert – The Strokes-, jedoch in einer entschleunigten Variante, was ebenfalls funktioniert.

Einen potentiellen Ohrwurm schenken Beat! Beat! Beat! mit dem abschließenden “Lightheavy Rapture” die Freiheit und das musikalische Getier dürfte noch einige Gehörgänge heimsuchen. Pssst. Der spärlich instrumentierte Hiddentrack ist ebenfalls als gelungen zu bezeichnen und rundet sehr trefflich ab. Alles in allem ist Lightmares ein beeindruckendes Debütalbum geworden, auch wenn man der Band noch ein wenig mehr Mut zu unkonventionellen Elementen wünschen würde, doch da die musizierenden Abiturienten am Anfang einer Entwicklung stehen, kann man diesen Punkt getrost unter den Rezensionsteppich kehren und nur raten: kauft Lightmares. Draft of the season!

Kings of Leon: Come Around Sundown

kolBreitwandformat, Panoramablick. Es ist immer noch die Sehnsucht, an die der schwelgerische Stadionrock der Kings of Leon zu appellieren scheint. Das bewährte Konzept der Followill-Brüder wird auf Come Around Sundown allenfalls variiert, doch wer will es der Band verdenken, die vor zwei Jahren allein durch zwei Singles und einem eher durchschnittlichen Album zu den Konsenskönigen schlechthin avanciert ist. Erneut ist es die erste Auskopplung aus dem Longplayer, die aufhorchen lässt. “Radioactivity” ist in seiner Schlichtheit ein Phänomen. Seit Wochen rotiert der Song in Funk und Fernsehen und wirkt bei dem ganzen Airplay immer noch völlig frisch und unverbraucht und der über allen Vorurteilen erhabene Refrain schickt immer wieder Textfetzen quer durch die Denkfabrik. Wie fast zu befürchten war, ist “Radioactivity” mit der flotteste Song des Albums und die Familie Followill setzt ansonsten primär auf mehr oder weniger energetische (Semi-)Balladen.

Allein der Opener “The End” spielt bereits alle Trümpfe der Band aus. Die besonders charakteristische Stimme des Sängers schmachtet vorbildlich im Songkontext und die flirrende Gitarre befördert die emotionale Befindlichkeit in die gewünschte Richtung. Eine Sackgasse? Direkt im Anschluss verhindert “Radioactivity” den Griff zur Taschentücherbox. “Pyro” kupfert gelungen bei The Boss ab, als ob Springsteen selbst bereits im Schaukelstuhl die Pension genießen würde. Komisch, dass der Meister des populären Roots Rocks in den vergangenen Jahren wieder öfters als Referenzgröße herhalten musste. “Mary” geht zumindest muskalisch noch weiter in der Geschichte der Rockmusik zurück und es weht ein Hauch von einem Rock ‘n’ Roll Tearjerker der 50er Jahre durch den Song: Milkshake, Pomade und Lederjacke auf der Checklist. Eine Track by Track Vorgehensweise macht in der Folge keinen Sinn, da manche Songs einfach zu heiß in Belanglosigkeit gebadet haben. Hervorzuheben ist das Folksong-Juwel “Backdown South”, bei dem die Wahlheimat der Kings of Leon (Nashville) durchzuscheinen scheint. “No Money” ist der nächste Singleanwärter, da hier wieder die Flucht nach vorn angetreten wird: es rockt, es popt, es gefällt.

Mitten in der zweiten Albumhälfte würde man sich und Sänger Caleb neben der tollen Stimmfarbe auch ein wenig vocalistische Variation wünschen, doch das Schema F (ollowill) wird konsequent beibehalten, worunter Songs wie “Pony Up” leiden und ohnehin schon schwächere Kompositionen wie “Birthday” zusammenbrechen. Was keine Erwähnung findet, verdient wohl auch keine und das abschließende “Pickup Truck” (wirklich?) sorgt sich um den Einsatz handelsüblicher Feuerzeuge unter dem Stadionrockhimmel. Man kann nicht genau sagen, ob Come Around Sundown nun das bessere Only by the Night ist, denn zuviel präsentiert sich als belanglos, als Soundtrack für Hausfrauen und Hausmänner zum Feudelschwingen. Fazit: Kings of Leon sind tatsächlich eine Band, die hervorragende Songs zustande bringt, auf Albumlänge jedoch eher enttäuscht, was die eigentliche Zielgruppe wohl anders sieht.