Jan Drees & Christian Vorbau: Kassettendeck

Nick Hornby hat sie uns gelehrt, die güldenen Regeln des Mixtapes. Diese vermeintliche Philosophie des Zusammenstellens einer Songabfolge war schon in “High Fidelity” im Grunde nur die Aufbereitung von einer allseits bekannten Strategie. Bahnbrechendes liefert auch das Autoren- und Herausgebergespann Drees & Vorbau nicht. Der Popliterat/Radiojournalist und der Szene-DJ liefern mit der Buchpublikation “Kassettendeck” vielmehr die Glorifizierung eines überkommenen Mediums ab.

Gerade die Kassette war lediglich eine Übergangslösung in der Tonträgergeschichte und doch scheint sie einer “Generation” den “Soundtrack” beschert zu haben, wie der Untertitel dem interessierten Käufer weismachen möchte. Ich selbst habe noch lange, viel zu lange in mehreren Fahrzeugen abstruse Kassettenrekorderkonstruktionen verwendet, um Mobilität mit (lofi-)Hörgenuss kombinieren zu können. Es würde mir jedoch nie in den Sinn kommen, im Anflug aufwallender Melancholie diese leiernden, kleinen Dinger noch einmal hochleben zu lassen.

So könnte man vermuten, dass die illustre Buchbeiträgergemeinschaft sich vor allem selbst feiert. Recht hätte man. Smudo, Hans Nieswandt, Peter Glaser, Lars Lewerenz, Benjamin von Stuckrad-Barre, Bret Easton Ellis, WestBam, und, und, und! Die vielen bekannten Namen können nur bedingt die etwas transparent schimmernde Substanz dieses doch sehr kurzweiligen Buches anreichern. Fazit: Ein in der Aufmachung hübsch illustrierter Zeitvertreib, jedoch keine Pflichtlektüre im eigentlichen Sinne.

The Jim Jones Revue: Gimme Deathbilly, baby!

Ich hatte mal dieses Paar High Top Sneaker von der Marke, deren High Top Sneaker man als junger Mensch nun mal trägt. Dieses Paar Schuhe entstammte einer besonderen Edition, die sich durch ein überbordend klischeemäßiges Flammendesign auszeichnete. So bemüht rebellisch dieses Schuhwerk auch daher kam, ich habe es, ganz bewusst jegliche Reflektion ausblendend, bedingungslos geliebt.

Seitdem ich diese Treter nicht mehr habe, beschäfte ich mich auch nur noch höchst selten mit  – Achtung Anführungszeichen – “primitiven” Rock ‘n’ Roll Sounds. The Jim Jones Revue jedoch spielen einen derartig tighten Rocksound, dass man unwillkürlich heiße Fußsohlen bekommt. Seit Wochen bewegt sich die Schwarzscheibe auf meinem Plattenteller und wenn ich unterwegs bin, weht mir der MP3-Player die Pomade ins Haar. Ihr dreckiger Sound ist sicher für die Rockabilly-Puristen zu heterogen, aber an Szenedünkel und Genrebeschränkungen war ich ohnehin nie interessiert.

Allein der Titeltrack ihres aktuellen Tonträgers “Burning your house down” ist so mitreißend und überzeugend, dass man den Rest des Albums ganz (un-)voreingenommen begegnen muss. Dieser exaltierte Bluesbastard mit seinem psychotischen Gesang ist wirklich gefällig, man möchte nicht leise, sondern laut röhrend jubilieren. Das Ding passt definitiv auch auf den True Blood Soundtrack. Um noch zwei Anspieltipps zu liefern, seien noch die wunderbare Rhythm ‘n’ Blues Single “High Horse” und die gut gelaunte B-Seiten-Eröffnung “Shoot First” genannt. Die verrückten Briten sind wirklich eine Offenbarung, da sie einem untoten Genre ein wenig rosige Schminke ins Gesicht schmieren.

Lesung: LCD im Salon des Amateurs

Dienstag geht es los! Der LiteraturClub Düsseldorf feiert seine Premierenveranstaltung im Salon des Amateurs. Eine Bereicherung für die Düsseldorfer Altstadt und Literaturszene gleichermaßen. Zum Auftakt lesen die Initiatoren selbst: A.J. Weigoni, Swantje Lichtenstein, Enno Stahl, Peggy Neidel, Jens Prüss. Pflichtveranstaltung!

The Movement: Still Living The Dream EP

Seit Freitag gibt es sie nun, die neue EP von The Movement, jedenfalls bei iTunes. Nach den Soloaktivitäten von Lukas Sherfey war es schon überraschend, dass der sympathische Däne nun seine alte Band in neuer Besetzung ins Modpunk-Rennen schickt. Dem digitalen Release folgt Mitte April die Veröffentlichung des tatsächlichen Tonträgers.

Ja, Panik: mfg

Ach, die Marsmännchen-Theorie. Ein Außerirdischer landet in Wanne-Eickel, fragt nach der besten deutschsprachigen Band im Indierock-Segment. So bescheuert das Szenario auch anmutet, antworten muss man wohl: Ja, Panik. Musikalisch ausgefuchste Arrangements und Texte, die zwischen Deutsch und Englisch, zwischen Schwermut und Hochgefühl, zwischen Schachtelsinn und scharfzüngigen Kalauern mühelos im Dreieck springen.

Die österreichischen Wahl-Berliner waren in der Vergangenheit bereits mehrfach Band der Stunde, zumindest aus Kritikersicht. Die Spex-Lieblinge veröffentlichen am 15. April ein neues Album mit dem kryptischen Namen “Dmd Kiu Lidt”. Vorab gibt der Free Download “Trouble” Auskunft über die Stoßrichtung des neuen Songmaterials. Dass Ja, Panik an eine musikalischen Wegscheide stehen, wurde band-seitig vor einiger Zeit in einem Interview bestätigt. Noch 34 Tage…

Maritime: Aufgetaucht

Ich kann mich noch gut an mein letztes Maritime Konzert erinnern. Im Düsseldorfer Zakk trug Sänger Davey von Bohlen einen nicht zu gewinnenen Kampf mit dem Mikrofonständer aus, ging immer wieder in die Knie, um seine Vocals in die dafür vorgesehene Apparatur zu leiten. Eine kuriose Performance, schließlich ist ein Mikrofonständer weder ein schwer zu justierender Gegenstand noch Mr. von Bohlen ein wahrer Hüne, was diverse Tauchversuche immerhin hätte erklären können. Ein denkwürdiger Abend allemal, da die Band aus Wisconsin selbst ihre entspanntesten Songs, denen eigentlich eine wohlige Schläfrigkeit innewohnt, in einem schier aberwitzigen Tempo ins Publikum feuerte. Letztgenanntes zeigte sich dann auch begeistert von der lancierten Spielfreudigkeit der Herren aus dem sogenannten Dachsstaat der USA.

Danach verabschiedeten Maritime sich aus der (deutschen) Öffentlichkeit, obwohl 2007 mit Heresy and the Hotel Choir ein neues Album bei Grand Hotel van Cleef erschien. Hierbei handelte es sich um eine solide Songwriting-Leistung mit gelegentlichen Highlights, wie den äußerst gelungenen Singles “Guns of Navarone” und “For Science Fiction”. Eine Album begleitende Tour gab es nicht, jedenfalls kann ich mich nicht an eine solche erinnern. In den letzten Jahren wurde es schließlich mucksmäuschenstill um die Freunde des maritimen Klimas, so dass die in diesen Tagen kursierende Nachricht von einem bald erscheinenden neuen Tonträger durchaus überraschen konnte. Am 8. April erscheint Human Hearts wieder beim Hamburger Label von Wiebusch & co und der musikalische Vorbote “Paraphernalia” findet sich hier als Free Download. Um zu begeistern, muss das Album noch eine Schippe drauflegen, denn der Song, dessen Titel sich auf die Mitgift einer Braut bezieht, ist gerade mal nett und das ist zumeist kein schmeichelhaftes Qualitätsurteil für eine Band. Ob Davey inzwischen einen Mikrofontauchschein gemacht hat, kann noch nicht geklärt werden. Tourdaten sind bisher nicht bekannt.

Alles auf Anfang

Mit einer adenaueresken Rückwärtsrolle zurück in den Startblock, ergo: Alles auf Anfang. Das verkündete Ende von unserem Blog war auch nicht mehr als nur “Geschwätz von gestern”. Es war nicht abzusehen, wie groß die entstandene Lücke für uns persönlich werden würde und die Lust am Schreiben ist wieder ähnlich groß wie vor dreieinhalb Jahren. Nun müssen wir uns eingestehen, dass wir nicht klüger sind als abgehalfterte Schlagersänger und ehemalige Schwergewichtsboxer. Von wegen: they never come back!

Alles ist Pop kommt zurück – allerdings mit einem leicht modifizierten Konzept. Die Ambition, mehr Magazin als Blog zu sein, tritt in den Hintergrund. Es soll keine ausufernden Rezensionsergüsse mehr geben und wir werden auch nicht mehr dem gefühlten Zwang unaufgefordert eingesandte CDs zu besprechen nachgeben. Wir wollen uns die Freude an der eigenen Schreibe nicht erneut trüben lassen und wieder das in den Vordergrund rücken, worum es geht: Unsere Begeisterung für Musik. Bald mehr dazu.

3 Jahre “Alles ist Pop”…und aus!

allesistpop-aus“Mach die Tür zu, es zieht” sang Frank Spilker 1995 bei dem gleichnamigen Sterne-Song und beschrieb damit das Dasein im Transitraum. Ja, ja – alles ist in Bewegung und alles hat ein Ende, nur der/die/das Pop hat keins?

Mag sein, aber nach drei intensiven Jahren “Alles ist Pop” schlagen wir erstmal redaktionell gesehen die Türe zu. Zum einen, weil man zu Architektur bekanntermaßen nicht tanzen kann und andererseits weil einfach die Zeit nicht mehr ausreicht, um dem eigenen Anspruch und dem Anspruch der Künstler, Promoagenturen, Labels und interessierten Lesern gerecht werden zu können. “Alles ist Pop” ist nicht als Soloprojekt konzipiert worden und doch hat es sich so entwickelt, dass oft oder vielmehr lange Zeit nur ein einziges Paar Schultern die popkulturelle Bürde unseres kleinen Magazins zu tragen hatte.

Nichtsdestotrotz waren die letzten drei Jahre eine bewegte Zeit für uns, in der wir viele interessante Alben und Bands vorstellen konnten, einige sympathische und kompetente Künstler interviewen durften und dem chronisch untertanzten Duisburg mittels einer eigenen Partyreihe unsere Vorstellung von adäquaten Tanzflächenfüllern aufzwängen konnten. Zumindest für einige Monate.

Die Verlegung vom Dancefloor an die Theke, sprich vom Steinbruch ins Fährmann, hat sich ausgezahlt, so dass mein Mitstreiter Benedikt a.k.a. (Fast) Alles ist Pop auch weiterhin am zweiten Samstag im Monat die Kneipenlandschaft Neudorfs aufwerten wird.

Ich für meinen Teil kann mich nur bei allen kooperativen Musikern, Bands, Agenturen, Plattenfirmen und co für die vertrauensvolle Zusammenarbeit bedanken und bin jetzt raus, jedoch nicht, ohne noch einmal den großartigen Steven Patrick M. mit einem augenzwinkernen “[...] You’re gonna miss me when I’m gone” zu zitieren. (Morrissey, “All You Need Is Me”)

Beste Grüße,
euer Jan

An Introduction To…Elliot Smith

Viele Leute sehen in Elliot Smith einen der bedeutendsten Songschreiber unserer Generation, eine Einschätzung, die nach dessen Freitod 2003 noch häufiger anzutreffen ist. Nach bereits zwei anderen posthumen Veröffentlichungen folgt am 1. November die Compilation “An Introduction to…Elliot Smith”, die einen Querschnitt seines Schaffens bieten soll. Dass das großartige Album “Either/Or” mit 5 Stücken die größte Quelle des Samplers darstellt, ist sicher kein Zufall. “An Introduction to…” erscheint in CD-Form und 180 Gramm Vinylversion bei Kill Rock Stars / Domino.

The Strange Death Of Liberal England: Drown Your Heart Again

tsdole1Oftmals glaubt man, dass man zu abgeklärt sei, um von einem Album so richtig bewegt, auf dem falschen Fuß erwischt zu werden. Dass dies keinesfalls so ist, lehren The Strange Death Of Liberal England mit ihrem Album Drown Your Heart Again in erstaunlicher Manier. Ein quasi Konzeptalbum zum Thema Meer haben die fünf Briten aus Portsmouth eingespielt und so kann es kaum verwundern, dass dieses nach Sehnsucht, Euphorie, Melancholie, Einsamkeit und Lebensfreude gleichermaßen klingt.

“For me there has alsways been something  spiritual to the sea. It’s a place where people surrender their emotions, like a confession, literally leaving them behind,” so erklärt Sänger Adam Woolway seine Affinität zum Ozean. Man möchte Woolway angesichts dieser Worte augenblicklich die Hand schütteln und für den wunderbar pathetischen Kammerpop, den er schreibt, gleich in die Arme schließen.

Die Band von der englischen Südküste präsentiert sich auf Drown Your Heart Again in orchestralen, opulenten Arrangements und dennoch wird eine Funken schlagende Intensität erzeugt, die man sonst eher von minimal instrumentierten Liedern begnadeter Singer-Songwriter kennt. Beinahe hat man den Eindruck, dass Quintett verschieße sein Pulver bereits zu Beginn des Albums, zu spektakulär verhandeln die ersten Lieder das (musikalische) Sujet der Meererfahrung. “Flickering Light” erweist sich als Ausgangspunkt einer emotionalen Kreuzfahrt durch bewegte…nun ja…Gewässer, verlockt dazu, gleich noch einmal gespielt zu werden. Bevor man dies tatsächlich in Erwägung ziehen kann, übernimmt “Flagships” das Kommando und führt die Thematik in einen weiteren Idealsong und Woolway gibt mit seiner kräftigen Stimme den Dirigenten des Neptunus-Orchesters.

Die Single “Rising Sea” kann einen außerordentlich prägnanten Refrain ihr Eigen nennen und man muss dieser Komposition einfach Tribut zollen. Ein solcher Hit würde auch den zurzeit unvermeidlichen Arcade Fire ausgezeichnet zu Gesicht stehen, was in erster Linie ein großes Kompliment darstellen soll. Ohnehin möchte man den anderen Kleinoden, wie dem intimen “Autumn” oder dem polternd-stürmischen “Come On Young Philosophers!”, den gleichen Stellenwert einräumen. “Drown Your Heart Again” ist ein kohärentes Meisterwerk geworden, man muss so große Worte bemühen, um das Album angemessen zu charakterisieren. Überraschung gelungen und nun: “Get drunk and drown your heart again…”

The Strange Death Of Liberal England: Drown Your Heart Again (VÖ 22. Oktober 2010, DevilDuck)