Nils Koppruch: Caruso

04.09.10

caruso-coverAuch als Nachzügler unter den Rezensenten kommt man nicht umhin, bezüglich Caruso anerkennend mit dem Kopf zu nicken. Nils Koppruch präsentiert sich auf seinem zweiten Soloalbum musikalisch furios als Genregrenzgänger und auf der Textebene angenehm kryptisch und zuweilen kumpelhaft, jedoch nie anbiedernd oder gar uninspiriert. Zwischen metaphorischem Schönklang und Weisheiten aus dem Alltag, restauriert Koppruch das ausgeblichene Bildnis eines Liedermachers mit geschwungenen Pinselstrichen und grundiert dieses mit charmanten, zuweilen auch traurigen Geschichten.

Auf Caruso gibt Koppruch zwar erneut den Singer-Songwriter  traditionellen Verständnisses, erlaubt sich und den  12 neuen Liedern jedoch Ausflüge außerhalb des bekannt folkloristischen Terrains. Dabei ist ihm ein Album gelungen, das endgültig jegliche sentimental bedingten Reminiszenzen an die 2006 aufgelösten Fink abzuschütteln vermag. Daher nachfolgend auch keine weitere fink’sche Bezugnahme.

Mit “Armer Junge weint, armes Mädchen” beginnt Koppruch das Album mit der Eindringlichkeit einer dampfenden Tasse Kaffee um drei Uhr nachts – mit Sinn stiftenden Worten, die sich in der Summe nicht sogleich erschließen und entsprechend Aufmerksamkeit einforden. Mit dem (album)-titelgebenden Stück “Caruso” erinnert Koppruch dann an die Pianobar-Zeiten eines Tom Waits. Heart of Saturday Night. Gute Nummer. “Kirschen (wenn der Sommer kommt)” exzerziert in all seiner spürbaren Wärme das Nutze-den-Tag-Prinzip durch und erinnert folgerichtig in augenzwinkernd mahnender Manier an die Vergänglichkeit aller Dinge. Ein Reinhard-Mey-Momentum, was wirklich gar nicht diskreditierend gemeint ist. Und immer fort geht es, mit potentiellen Songfavoriten auf Caruso. In der Folge wirken das rankende “Wort im Wasser” und anschließend “Die Aussicht” gar unverschämt eingängig und liebenswert, so dass man stets dorniges Zwischengebüsch zu erwarten glaubt. Das bläserreiche “Verrückt vor Liebe” braucht man im Albumkontext nicht unbedingt, doch wer will schon bei Koppruch den Geschmackspolizisten geben?

Das beatlastige “Weil’s möglich ist” ist in seiner dylanesken Art unfassbar schnodderig-cool und “Wissen musst du es doch” entzündet in der zweiten Albumhälfte ein – ganz konventionell – flackerndes Lagerfeuer, das natürlich zum Geschichtenerzähler Koppruch passt. Keine Frage. “Vergessen was ich wusste” erweist sich zudem als Alternative Country Poem, bevor “Stadt in Angst” in Marmor meißelt, warum Koppruch in seinem Handwerk als Großer gilt. Wer Singer-Songwriter mag, die sich nicht in überbordender Gefühlsduselei verlieren, sollte sich die aktuelle Koppruch-Veröffentlichung zu Ohren kommen lassen.

Tags: , ,

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*