Die Annahme, Kunst entstünde vor allem aus erlebtem Schmerz, ist weit verbreitet und trotz vieler Beispiele, die man auch in der Popgeschichte findet, nur bedingt vertretbar. Trifft diese Vorstellung dennoch zu, so müssten Ra Ra Riot mit ihrem zweiten Album The Orchard reichlich Qualität abliefern. Ob es der sechsköpfigen Band aus Syracuse (New York) recht ist, dass anlässlich der Albumveröffentlichung allerorts wieder an den tragischen Tod ihres Drummers John Ryan Pike erinnert wird?
In jedem Fall sind Ra Ra Riot mit dem Verlust ihrer Schlagzeugers und Freundes in der Vergangenheit souverän umgegangen und doch ist es vermutlich für die Band besonders schwierig, dass ihr musikalisches Schaffen zumeist nicht von diesem Schicksalsschlag losgelöst betrachtet werden kann. Bereits das Debütalbum The Rhumb Line pendelte zwischen Trauer und Euphorie – eine wirklich merkwürdige Stimmungsmelange, die dennoch ausgezeichnet zum praktizierten Stilsprung zwischen Indierock und Kammerpop passte. Vor allem der Einsatz von Cello und Violine machten und machen den Mehrwert von Ra Ra Riot aus und in den besonders gelungen Momenten klingen die Amerikaner wie eine Mischung aus The Smiths, Arcade Fire und Belle and Sebastian.
Nun also das erste Album ganz ohne Drummer und Co-Songwriter Pike und bereits die Myspace
-Seite der Band bestärkt den Eindruck, dass die enstandene Lücke emotional keineswegs geschlossen wurde. “We will always love and miss you, John”, fällt dort als erstes ins Auge und man muss kein Hellseher sein, um zu behaupten, dass auch die Lyrics auf The Orchard den erlebten Verlust reflektieren werden. Musikalisch klingt der erste Vorbote des Tonträgers, das auch als Free Download verfügbare “Boy”, zunächst nach unbeschwertem Wohlfühlpop, was durchaus erleichternd ist. Die unaufgesetzte Leichtigkeit war schon auf dem Vorgängeralbum die Stärke des Sextetts, so dass man sich erneut auf so oder so stimmungsvolle Songs freuen darf. Dabei dürfen die anderen Stücke des am 24. August erscheinenden Albums The Orchard gerne im Vergleich zur Vorabsingle qualitativ zulegen. Ein Hit wie “The Dying Is Fine” ist “Boy” nämlich keineswegs.
Ra Ra Riot “Too Dramatic” (Preview) from Barsuk Records on Vimeo.