Wolf Parade: Expo 86

05.07.10

expo-86Die Indierock-Dissidenten Wolf Parade haben bei Expo 86 erneut mit verschiedensten Rezepturen jongliert und kredenzen dem Hörer eine prickelnde Songbrause, die den eigenen Geschmacksnerven nuancenreich Freude bereiten kann, ein vortreffliches Pülverchen ganz ohne songwriterischem Mononatriumglutamat. Kaum zu glauben, dass der Nachfolger von At Mount Zoomer (2008) in einem lediglich vier Monate währenden Kreativ- und Aufnahmeprozess entstanden ist, denn die zwischen frickelig und geradlinig zu verortenden Songaufbauten sind durch eine bemerkenswerte Architektur gekennzeichnet, so dass der wiederkehrende Aha-Effekt zu betonen ist. Eine Gemeinsamkeit, die sich Wolf Parade mit den großartigen Modest Mouse teilen, deren Frontmann  Isaac Brock die Band aus Montreal einst für Sub Pop unter Vertrag nahm.

Bereits das eröffnende “Cloud Shadow On The Mountain” zieht und zerrt die Aufmerksamkeit sogleich in die Klangwelt der Kanadier, was mittels Drums und Sprechgesang ein wenig unvermittelt vonstatten geht und dann in fast barocker Erhabenheit und ein wenig zu dick aufgetragener Hymnenhaftigkeit aufgeht. “Palm Road” kommt dann eher mit staubigem Schuhwerk daher und gibt zunächst den sehnsüchtigen Folkrocker, was gleichzeitig durch einzelne Sequenzen von Synthesizer-Tönen kunstvoll aufgebrochen wird und in anderen Genre-Gefilden mündet, bevor enstandene Assoziationen hemmungslos über den Haufen gerockt werden. Interpretationsfreiraum a là Wolf Parade.

Obwohl ein Großteil der auf Expo 86 versammelten Stücke die 5Minuten-Grenze knackt, kommt garantiert keine Langeweile auf, da oftmals Songstrukturen sich derartig verselbständigen, dass man getrost von regelrechten Dynamikeruptionen sprechen kann, wie “Pobody’s Nerfect” exemplarisch demonstriert. Mitreißend, eingängig und nahe an den Indiefolk-Lieblingen Okkervil River präsentieren sich Wolf Parade in “Yulia”, während “Ghost Pressure” dem Väterchen Post-Punk die Tanzschuhe poliert und ein wahrhaft komplimentäres Zusammenspiel von Gitarre und Synthesizer demonstriert, so dass diese 5 Minuten und 16 Sekunden zen-artige Glückseligkeit verströmen  (können). Relativieren muss man bei der Bewertung der 11 Songs kaum etwas, auch wenn Einzelstücke wie “Little Golden Age” das Momentum auf ihrer Seite haben und sirenhaft zum wiederholten Genuss verleiten wollen.

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Manchmal, in flüchtigen Augenblicken erinnert Sänger Spencer Krug gar an eine wohlbekannte Pop-Eminenz, an den  Thin White Duke, wobei ein solcher Eindruck keinesfalls ausreicht, die gebotene Musik bowie-esk zu nennen. Unterhaltsam ist es dennoch, dass das Stück, bei dem jene Impression am ehesten die Wahrnehmung anspringt, ausgerechnet mit “Oh You, Old Thing” betitelt ist. Unabhängig von dieser mutmaßlichen Respektlosigkeit erinnert “In the Direction Of The Moon” dagegen an manch eine andere Synthie-Pop und New Wave Größe, wobei an dieser Stelle der Referenzbogen nicht überspannt werden soll, da der gesamte Albumkontext ohnehin diverse, rahmensprengende Spurensuchen begünstigt. Wolf Parade gelingt auf ihrem mittlerweile dritten Album eben die Balance zwischen weitsichtig geplanter Komplexität und unverbrauchter Schlichtheit. Auf Expo 86 ist kein Platz für unnötigen Ballast und dennoch ist der Longplayer ein ganz schön feist-schwerer Junge geworden, dem der Schalk defintiv im Nacken sitzt.

P.S. Dass eine Rezension zu Wolf Parade kaum ohne die Erwähnung von Arcade Fire auskommen kann, würde manch einer mutmaßen. Manchmal täuscht man sich eben!

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