Immer mitten rein in die vermeintliche Sommerpause: The Gaslight Anthem sind zurück und wählen zum dritten Mal die einzig diskutable Jahreszeit für die Veröffentlichung ihres neuen Longplayers. Im Rock’n'Roll-Westen nichts neues also? Mitnichten. Das liegt allein schon daran, dass “American Slang” noch heißer erwartet und in einer abermals breiteren Öffentlichkeit beachtet wird als seine beiden Vorgänger. Zu groß waren die Erfolge von “Sink or Swim” und insbesondere “The ’59 Sound”, zu sehr lagen Kritiker und Fans der Band zu Füßen, zu umjubelt (und reihenweise ausverkauft) waren ihre Gigs.
Damit also Bühne frei für einen der potentiellen Album-Lieblinge des Jahres. Der Opener, neben seiner Funktion als Titelsong auch gleich noch in der wichtigen Rolle als Vorab-Single, wird der Dreifach-Bürde nur schwerlich gerecht. Die Hookline wirkt etwas ausgelutscht und der Song insgesamt zu schwachbrüstig, um an Ohrwurm-Vorgänger “Wooderson”, “The ’59 Sound” oder “Old White Lincoln” anzuknüpfen. Was allerdings sofort auffällt, ist die Abkehr vom charakteristischen Hall in Brian Fallons Stimme, der den Zweitling noch durchzogen hatte. Auch in der Folge wirkt die Produktion wieder direkter als zuletzt, die große Rock-Oper steht also nicht zu befürchten.
Nicht zu übersehende Abnutzungserscheinungen dagegen schon. Mit “Stay Lucky” bleibt auch der zweite Track im Niveau-Mittelfeld stecken, zu sehr rettet sich der Dreiminüter von Refrain zu Refrain ohne dabei wirklich catchy zu werden. “Bring it on” tritt dann sogar nochmal auf Bremse, birgt aber mit der ersten Fallon-typischen Melancholie-Spitze (“When everybody’s cold, who’s gonna keep my baby warm?”) einen Moment der Geborgenheit im Gaslight Anthem-Kosmos. Verlernt haben sie es nicht, wie auch “The Diamond Church Street Choir” beweist, der sich schon auf dem letzten Album wohlgefühlt hätte.

Doch anstatt sich auf der bereits nahenden zweiten Hälfte freizuspielen, bleibt American Slang unentschlossen. “The Queen of Lower Chelsea” geht zwar als wohl ambitionierteste (Beinahe-)Ballade der bisherigen Discographie durch, ohne dabei aber die Intensität seiner simpler gestrickten Schwestern “The Navesink Banks” oder “Here’s Looking at You, Kid” zu erreichen. Das folgende Song-Quartett schlängelt sich meist im Mid-Tempo-Bereich unauffällig durch die Gehörgänge der geneigten Rezipienten. Nicht, dass das nicht zu gefallen wüsste, aber weder die wohlportioniert rotzige Energie von 2007 noch die treffsichere Hymnik von 2008 werden vollends erreicht.
Exemplarisch für die Misere auf hohem Niveau steht die Vollbremsung zum Schluss. Einmal mehr als geprügelter Hund krächzt sich Fallon in lieb gewonnener Weise in die Herzen der Anhänger – in diesem Fall nochmals im Down-Tempo und minimal instrumentiert. “I am older now, and we did it when we were young” lautet der Leitspruch des Songs, der beinahe für das ganze Album gelten könnte. The Gaslight Anthem haben auch 2010 ihre Markenzeichen und Qualitäten gewahrt und taugen weiterhin gleichermaßen für die “große Bühne” (ob live oder oder auf dem Indie-Tanzparkett) wie für die einsame Fahrt in den Sonnenuntergang. Die Antwort auf die Frage, wohin die Reise letztlich geht, wurde mit American Slang aber elegant vertagt. Nicht mehr, und nicht weniger.

[...] auf die Ohren. Neu im Gepäck sind diesmal u.a. die aktuellen Singles von The Sunshine Underground, Gaslight Anthem und Pains of beeing pure at Heart. Bis [...]
hey, coole rezension. Ich habe mir erlaubt sie in meinem blog zu verlinken. Vielleicht möchtest du auch eine Verlinkung oder einen Trackback zu meinem blog setzen?!
gruß
gregor