“Es ist nicht der Berg der dir zum klettern so hoch erscheint, es ist der Kiesel in deinem Schuh”, so die pragmatisch-philosophische Lebensweisheit des wohl talentiertesten Boxers aller Zeiten. Wie einst Muhammad Ali waren auch Bloc Party ein absolutes Schwergewicht in ihrer Disziplin und wenn nun Frontmann Kele Okereke alleine in den Ring steigt, sind Skepsis und Erwartungshaltung von ebenbürtigen Ausmaßen. Um Autonomie ringend, jedoch nicht vollends losgelöst von den Frührentnern Bloc Party präsentiert sich Kele auf seinem ersten Soloalbum.
Vielmehr wirkt “The Boxer” wie eine Modifizierung, mehr oder weniger konsequente Abkehr vom vormals praktizierten Stilhybrid der erfolgreichen Hauptband. Augenfälligste Entwicklung ist sicherlich die weitgehende Verbannung der Gitarre aus dem eigenen Songmaterial. Erst nach dem bereits die erste Hälfte von “The Boxer” verklungen ist, rückt das Saiteninstrument als tatsächliches Motiv und nicht nur als Sample bei “Unholy Thoughts” in den Vordergrund.
Ansonsten dominiert zu Beginn des Albums zwischen Experiment und Popappeal nervös auf den Zehenspitzen tippelnde Dance Music. Bereits der Opener “Walk Tall” rechtfertigt diese Einschätzung mittels militärischem Chanting und sägenden Basslinien, was in der Summe den Rezipienten anerkennend mit dem Kopf nicken lässt. Gleich der zweite Song “On The Lam” kommt gänzlich ohne Keles eigene Vocals aus und überlässt das Mikro den Londoner Studiosängerinnen Bobbie Gordon und Jodie Scantlebury, überrascht im Gegensatz zum besagt ausgeklinkten “Walk Tall” mit lupenreinem Electropop aus der David Guetta Ecke, was in dieser Stelle keineswegs disqualifizierend gemeint ist, sondern vielmehr eine gewisse Verwunderung zum Ausdruck bringen soll. Die Single “Tenderoni”, von der seit Wochen diverse Remixe dank der zahlreichen MP3-Blogs verbreitet werden, steuert ebenfalls das Zentrum der Tanzfläche an und funktioniert ganz hervorragend, auch wenn an dieser Stelle bereits manche Bloc Party Sympathisanten irritiert sein dürften.
Spätestens ab “Everything You Wanted” greift Kele dann wieder auf gewohntes Songwriting zurück und offenbart dabei sein Talent, eingängige, fast schon wohlbekannte Melodien in neues Liedterrain zu überführen, wobei dieses Stück auch durchaus von einem der letzten beiden Bloc Party Alben stammen könnte. “The New Rules” erscheint im Albumkontext, wieder gesanglich unterstützt durch Jodie Scantlebury, beinahe schon als Ballade, während das bereits erwähnte “Unholy Thoughts” nebst musikalischem Joy Division Zitat wieder Richtung Tanzbarkeit drängt. “Rise” zeigt dann Kele völlig schwerelos, gänzlich emanzipiert von sämtlichem Erwartungsdruck und dieser kulminiert schließlich im Laufe des hymnenhaften Schachteltracks in auditiver Glückseligkeit. Anschließend breitet “All The Things I Could Never Say” die in der zweiten Albumhälfte vorwiegende Afterhour-Stimmung in epischer Breite aus, bevor “Yesterday’s Gone” noch einmal verdeutlicht, inwiefern sich elektronische Musik und niveauvolles Songwriting gegenseitig befruchten können. Fazit: Kele schwebt wie ein Schmetterling und sticht…