“[...] und alle endlich frei!” Nach eineinhalb Dekaden Kafkas mündet der Begriff “libertär” musikalisch nicht mehr im Punk, wie das neue Album “Paula” nachhaltig verdeutlicht. Vielmehr steht die Band aus Fulda hüfttief im Pop, wobei die Texte immernoch von Freigeist, Attitüde und Aufrichtigkeit zeugen. Greift man die ausgediente Selbsteinschätzung “Punkrock ohne Lederjacke und Hardcore ohne Muskeln” auf und wandelt diese im Bezug auf das Soundspektrum “Paula”s, so könnte man gar von Electro ohne Knicklicht und Pop ohne Plüschzwangsjacke sprechen. Gleich der Opener “Klatscht in die Hände!” überrascht mit Elektronischem, wie es auch aus dem Hause Audiolith stammen könnte, wobei die enorme Radiotauglichkeit des Refrains noch am meisten verdutzt. Aber in gelungener Art und Weise. “Deine Lippen schweigen” weist ähnlich großes melodisches Potential auf, wobei der emotionale (ja, ja) Text wie eine Klitschko-Faust ihr Ziel trifft: Tko für szenige Erwartungshaltungen. Lupenreiner Poppunk (“90 Minuten”) trifft auf Electropunk mit Kinderchor (“Leben ist gut”), Liebeslied-Pogo (“Wenn es eine Hölle gibt”) trifft auf Zitatfalle (“Ich will kein Kumpel von euch sein”).
Zugegeben, manches plätschert so dahin, ohne dass viel hängen zu bleiben scheint und doch wird ein Abdriften in die Belanglosigkeit zumeist vermieden. Sprechgesang der Marke Jens Rachut kann ohnehin nie schaden, auch wenn dann manches wie “Hell oder Dunkel” doch nur am thematischen Lack kratzt. Eingängig ist das alles, erst Recht solche Smasher wie “Der Kuchen ist gegessen”, nur leider wirft die Denkmaschine öfters Einwände wie “dutzendmal gehört” aus, vielleicht auch weil Kafkas Expedition lediglich vermeintliches Terra incognita erschließt. Wenn dann noch naive Träumereien wie “Warum kann die Welt keine Scheibe sein?” die Alarmglocken schrillen lassen, muss die Band aufpassen, dass sie nicht mit dem Hintern das vielversprechende Fundament wieder einreißen. Mitreißend können sie aber auch, die Kafkas, wie beispielsweise “2000 Hände” zeigt. Insgesamt ein paar elektronische Akzente zu viel gesetzt, textlich manchmal zu banal, aber doch ein gelungene “Neuerfindung” im Hause Kafkas, wobei das nicht gerade gelungene Artwork wirklich diskussionswürdig ist, was man darin auch immer zu erkennen glauben mag.