Helgi Jonsson: For The Rest Of My Childhood
Ein Album mit Herzklabaster-Gefahr, denn solch eine üppig wachsende, melancholische Schönheit muss man zunächst erdulden und verarbeiten können. Die Musik des Isländers aus dem Dunstkreis von Sigur Rós gleicht einer Naturgewalt an Gefühlseindrücken, denn hier werden wunde Punkte ungeniert berührt und seelische Risse mit bitter-süßem Honig verklebt. Helgi Jonsson liefert mit For The Rest Of My Childhood ein ungeheuer intensives Album ab, das mehr als ein saisonaler Höhepunkt, nur ein Herbstwerk ist.
Allein die wehmütige und zerbrechlich anmutende Stimme Jonssons ist dazu imstande, einem sämtliche Luft aus der Lunge zu pressen. Wie glasklar dieser entwaffnende Gesang zuweilen im Raum schwebt, ist die reinste Ohrenweide und zugleich Schlüssel zu einem knapp 43minütigen Stimmungs-Auf-und-Ab, das den Zuhörer noch lange, nach dem der letzte Ton bereits entschwunden ist, beschäftigt. Fesselnd, magisch - Worte stoßen an ihre deskriptiven Möglichkeiten um diesem Album gerecht zu werden.
Bereits das Piano zu Beginn von “Ashes Away” wirkt betörend, doch sobald sich Jonssons Stimme zum ersten Mal einen dieser herzzerreißenden Schlenker erlaubt, ist es geschehen und man hoffnungslos dieser außergewöhnlichen Musik verfallen. Auf For The Rest Of My Childhood wirkt ohnehin alles richtig, jedes Instrument hat seinen festen Platz in der Komposition, ob Glockenspiel oder Blasinstrument und dann dieser Gesang. Wie der Isländer in “September” den Zuhörer mit seinem vor Passion berstenden Stimme durchschüttelt - das hat Erlebnischarakter.
Doch neben aller zur Schau gestellten Melancholie besitzen Lieder wie das wunderbare “Digging Up A Tree”, welches die titelgebende Textzeile enthält, eine ungeheuer stürmische Art, von der man sich nur so mitziehen lassen muss. “This Solitude” besitzt wiederum eine Leichtigkeit, die man bei der im ersten Moment wahrgenommenen Schwere kaum vermuten würde, mündend in einem fast feierlich-andächtigen Höhepunkt. Auch hier sind es die Trompeten, die sich als wichtige Bausteine des Songfundaments erweisen. Helgi Jonsson, der auch einige Jahre in Graz studiert und Posaune für Sigur Rós gespielt hat, erweist sich als ein Künstler, der den Blick für das Besondere im Allgemeinen besitzt und diese Beobachtungsgabe mit ausgefeiltem Songwriting zu kombinieren weiß. Seine behutsame Herangehensweise ermöglicht ein sanftes Abdriften in so verträumte Klangwelten, wie sie beispielsweise “Soft Targets” bietet. Selten war Eskapismus so positiv zu bewerten.
Umso bedrückender wirkt dann aber auch die Schwermütigkeit in “AM Radio Signal”, die zwar For The Rest Of My Childhood leitmotivisch zu durchziehen scheint, doch letztlich sind es die lichten Momente, die alle dunklen Ecken dieses beeindruckenden zweiten Album Jonssons in einen so herrlich versöhnlichen Glanz tauchen, wie es exemplarisch das wunderbare “Lay It Down” abschließend darstellt. Auch bei diesem letzten Lied schwingt sich die Stimme Helgi Hrafn Jonssons, wie der in Reykjavik geborene Künstler mit vollständigem Namen heißt, in solch schwindelerregende Höhen, dass einem angesichts dieser hinreißenden Unwirklichkeit beinahe die Tränen kommen. Solch vertonte Gefühlslawinen enden unweigerlich im Tal, so denkt man, doch For The Rest Of My Childhood setzt vor allem eines frei: Endorphine. Gipfelsicht. Panorama!


[...] gefühlsstark/ entrückt und verzaubernd/ mit leicht melancholischem Unterton klagend/ exaltiert/ glasklar entwaffnend mit herzzerreißenden Schlenkern/ wabernd/ ein betörend schönes Falsett, das einlädt, Schneeflocken zu [...]