Estuar: Felicium
Heute in der Manege: versiert inszenierter Indie-Pop mit breiter Instrumenten-Palette, verspielt, mit Hand und Fuß, Herz und Leber. Estuar aus Hamburg legen sich stilistisch nicht fest und nennen ihre eigene Klangwelt “Shycore”, was jedoch eher irritierend als orientierend wirkt. Das soeben erschienene Debütwerk Felicium der Band um Sängerin Helena de Pablos erweist sich als flatternder Tagtraum, der in der Tat fast schüchtern die Sinne betört, aber zuweilen auch verstörend anmutet.
Denn bei Estuar ist ebenso Platz für kreativen Irrwitz wie für eingängige Melodieführungen und einer selbstbewusst inszenierten, originären Ästhetik. Besonders intensiv ist Felicium bei so funkenschlagenden Liedern wie “Fury”, in dem vor allem die energische Stimme der Sängerin vollends zur Geltung kommt, doch auch in den ruhigen Stücken wie “Move like a leaf” ist es der Gesang, der den Hörer fesselt. Ein wahrlich erhabenes Stimmorgan, das Helena de Pablos zweifelsohne in angemessenes Scheinwerferlicht rücken kann.
In den besten Momenten des Albums gelingt es Estuar dank des abwechslungsreichen Songwritings und der mehrschichtigen Liedstrukturen zugleich mysteriös zu glitzern als auch gefällig Pop zu zelebrieren, sprich Anspruch und Leichtigkeit in Einklang zu bringen. Dabei ist zudem der Sache zuträglich, dass sich Estuar nicht nur auf den herausragenden weiblichen Gesang verlassen, sondern sich die Mikrofonzeit teilen, beziehungsweise die Vocals komplementär zu gestalten wissen wie beispielsweise im düster-warmen “Until the dawn”.
Allerdings will sich nicht alles Dargebotene so recht erschließen und so manches fällt angesichts der merkwürdigen Zwischen-den-Stühlen-Stimmung durchs sphärische Raster und doch sind es die außergwewöhnlichen Arrangements die überzeugen und in Erinnerung bleiben. Gerade ein Kleinod wie das auf Französisch gesungene Indie-Chanson “La folie de la vie” muss eine Band erstmal im Repertoire haben. Prädikat wertvoll.

