Es liegt in der Natur des Menschen, sich potentielle Helden zu suchen, um diese anschließend zu glorifizieren und zu ihnen aufsehen zu können. Dieser Vorgang ist so alt wie die Welt an sich und so sehr der (post-)moderne Mensch auch seine Individualität proklamiert, an diesem Schema ändert sich rein gar nichts. Wenn man von Paul Weller spricht, potenziert sich in einer Gesprächsrunde die Verwendung von Superlativen um ein Vielfaches.
Phrasen wie “Lebende Legende” sind entsprechend keine Seltenheit, doch wie soll man auch anders über einen Mann sprechen, der nun schon seit über 30 Jahren die britische Musikgeschichte maßgeblich mit geprägt hat. Am vergangenen Sonntag wurde Weller 50 Jahre alt und am kommenden Freitag (30.05.) erscheint mit “22 Dreams” ein neues Album des “Modfather”. All dies zusammen sind eine ganze Latte an hervorragenden Gründen, um den Mythos Paul Weller eine weitere Fußnote in Form eines Alles-ist-Pop Berichts anzuhängen.
Keine Frage. Schon mit seiner ersten Band The Jam hat Weller bereits auf beeindruckende Weise den Grundstein für eine außergewöhnlichen Musiker Laufbahn gelegt. Als The Jam 1977 auf den Plan trat, war Punk musikalisch wie ästhetisch ein dominierendes Phänomen in Englands Straßen, welches als Massenbewegung so schnell wieder verglühte wie es Feuer gefangen hatte. The Jam lieferten mit ihrem Mod und Soul beeinflussten Powerpop und ihrem Auftreten und ihrer Kleidung einen klaren Kontrapunkt zum dreckigen Bruder Punk. Als Speerspitze des Mod-Revival beriefen sie sich zwar auf Vorbilder wie den Rolling Stones, The Who und nicht zuletzt The Kinks und doch wurden sie selbst schnell zu Referenzgrößen und erzielten auch einige gute Chart-Platzierungen und entsprechenden kommerziellen Erfolg. Es ist schon erstaunlich, dass Weller 1982 sein eigenes Baby The Jam zur Zeit der größten Popularität überraschend auflöste.
Mit seiner neuen Band The Style Council feierte Weller nicht minder große Erfolge und wurde als Kritikerliebling im U.K. immer mehr zur Ikone. Nach vier Studioalben und einige Top10-Singles später, wurde 1990 The Style Council in übertragener Hinsicht sowie als Band aufgelöst. Nachdem also auch seine zweite Band nur kurz- bis mittelfristigen Bestand hatte, obwohl kommerzielle Erfolge vorhanden waren, entschied sich der damals 32 jährige Weller dazu, seine musikalische Laufbahn als Solokünstler fortzusetzen.
Zu diesem Zeitpunkt galt er bereits als eine, wenn nicht gar als die Persönlichkeit der populären Musiksparte Englands. Ein Ruf und eine Reputation, die Mitte der 90er dazu führte, dass Weller als der Vater und Pate junger Britpop Kometen wie Oasis galt. Nicht zuletzt weil diese ihn als genau das in der Öffentlichkeit darstellten. Ein Umstand, den die britische Musikpresse nur liebend gerne aufgriff und vermarktete. Dennoch soll nicht unterschlagen werden, dass Paul Weller seit 1992 acht Studioalben veröffentlichte, von denen alle in Großbritannien in den Top 10 der Album-Charts landeten. Besonders hervor zu heben, ist das formidable “Stanley Road” von 1995, welches sicher nicht zu Unrecht von den Lesern des englischen Q Magazines unter die 50 besten Alben aller Zeiten gewählt wurde.
Paul Weller ist aber nicht nur ein begnadeter Songschreiber und Musiker, sondern auch als politischer Mensch positiv unbequem. Gesellschaftliche Missstände und politische Verfehlungen hat er stets in seinen Texten und in der Öffentlichkeit schonungslos analysiert und offen gelegt. Umso erstaunlicher ist es, welcher Popularität sich der Querdenker bis heute erfreut. Das Weller menschlich ebenso urig wie sympathisch zu sein scheint, belegt auch Hilmar Benders Erfahrungsbericht in “Die Schönheit der Chance”. Insgesamt muss man ihm attestieren, musikalisch und ästhetisch ein Vorbild zu sein (immerhin entwarf er eigene Polo-Hemden für Fred Perry und seine Frisur ist wohl der Prototyp aller Britpop Stereotypen), ohne dabei aufgehört zu haben, als Musiker und Persönlichkeit wirklich relevant zu bleiben.
Das neue Album “22 Dreams” muss erst noch beweisen, ob es jene Einschätzung untermauern kann. Gäste wie Noel Gallagher oder Graham Coxon verdeutlichen in jedem Fall etwas, was auch mir längst und lange bewusst war. Weller ist eben eine Legende und höchst lebendig dazu. Wer sich davon persönlich ein Bild machen will, hat dazu u.a. am 06. Oktober im Kölner E-Werk Gelegenheit.
Album ist draußen!!!
Komplett im Stream anhören auf: http://artists.universal-music.de/_player/paulweller/