Kettcar oder Quo Vadis, Wiebusch?

21. März 2008, von jan

gracelandHeute in einer Woche (28.03) erscheint mit der Single “Graceland” der erste Vorbote auf das dritte Kettcar Album “Sylt” (Release: 18.04.). Unzerstörbar zieht seit Jahrzehnten der Mythos vom “dritten, schwierigen Album” seine Kreise im Musikdiskurs und auch im Fall des neuen Kettcar Releases verdichten sich die Zeichen, dass “Sylt” einen Wendepunkt für die Band darstellt und vor allem darstellen muss. Eine Entwicklung ist absolut notwendig, um sich nicht stetig um die eigene “Du und wieviel von deinen Freunden” Achse zu drehen.

 

Keine Frage. Als im Herbst 2002 das besagte Album erschien, wichen die Tränen über das But Alive Ende einem melancholischen und zugleich euphorischem Hochgefühl. Man kann es einer Band nicht hoch genug anrechnen, ein Album ket promozu schreiben, in dem man sich spontan zu Hause fühlt. “Du und wieviel von deinen Freunden” war nicht nur für mich ein absoluter musikalischer und zugleich emotionale Höhepunkt. Die Popularität der 5 Hamburger wuchs und das von Wiebusch und Uhlmann geführte Label Grand Hotel van Cleef etablierte sich zum Glück. Nicht auszudenken, wenn das große Risiko der (erneuten) Flucht nach vorn in der Form eines eigenen Labels in einem finanziellen Fiasko geendet hätte. Mit den intimen und persönlichen Konzerten sollte es spätestens 2005 mit dem Release des zweiten Albums “Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen” vorbei sein.

 

Selbstredend hat Marcus Wiebusch sein Songwriter-Händchen für umschmeichelnde Pop-Perlen auch auf dem zweiten Kettcar Output unter Beweis gestellt und dennoch hielt eine große Portion Ernüchterung Einzug in meine ungebrochene Sympathie für diese Band. Einzelne Songs wussten mich immer noch zu verzücken, doch leider erkannte man in vielen Liedern Pendants zu alten Bekannten aus “Du und wieviel…” und dies war und ist nur als unverständlich zu bezeichnen. Die Aufmerksamkeit für die Band kulminierte in Beiträgen über Kettcar in den Tagesthemen und der FAZ und respektablen Chartpositionen. Wie sehr ich der Band diesen Erfolg gönne, kann ich an dieser Stelle nicht ausreichend genug verdeutlichen, denn SIE haben es ja verdient. Die Konzerte wurden immer größer, leider meine ich jedoch nicht die Qualität und Atmosphäre der Auftritte. Einst ermahnte Wiebusch ein Feuerzeug schwingendes und laut und schief mitgrölendes Publikum mit Nachdruck. Ab einem bestimmten Zeitpunkt kippte die ausgelassene Stimmung auf Kettcar Konzerten und wurde zu einem tosenden Strudel aus der Band gegenüber rücksichtslosen Vergnügungssucht und (”Indie”-) Ballermann-Mentalität. Das Publikum zelebrierte sich selbst mehr als die Künstler auf der Bühne und Wiebusch hat sich damit arrangiert, fühlte sich doch geschmeichelt oder aber resignierte. Die Wahrheit liegt wohl wie immer irgendwo in der Mitte dieser Vermutungen.

 

Und jetzt: “Sylt”. Das Cover des neuen Albums stellt das Gemälde des Künstlers David Schnell dar, wird dadurch aber leider auch nicht ansehnlicher. Dies fällt wie so vieles im Leben sicher in die Kategorie Geschmackssache, doch weder diese Erkenntnis ketnoch das angesprochene Artwork kann mitnichten die gemischten Gefühle für das neue Album in positive Bahnen lenken. Meine Hoffnung und meine Wünsche, dass “Sylt” der musikalisch große Wurf wird, könnten nicht von größeren Ausmaßen sein. “Graceland” als erste Single ist zumindest schon mal kein neues “Ausgetrunken”, “Deiche” oder “Im Taxi weinen” und der Verdacht der Eigenkopie oder eines gefälligen, kalkulierten ‘Hits’ erhärtert sich nicht. Vielmehr ist die neue Single erstaunlich roh ausgefallen und zeigt gleich eine neue Facette im Kettcar Kosmos auf. Nach 2, 3 mal hören, wurde bei mir der Schalter umgelegt und die Erwartung an und Spannung auf “Sylt” potenzierte sich um ein vielfaches. Ab dem 18.April fällt meine subjektive Entscheidung für oder gegen Kettcar und dann gibt es kein “Löschen und spul zurück” mehr. Ich bin zuversichtlich und Kettcar Konzerte muss ich ja nicht zwangsläufig besuchen. Das erledigen andere…

“Graceland” im Myspace Player der Band

5 Kommentare
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  1. So sehr wie ich die “Du und wieviel von deinen Freunden” schätze, wäre Kettcar sowiso nur noch die Auflösung geblieben um nicht ewig in ihrem eigenen Schatten zu spielen. Sie haben sich dagegen entschieden und daher blicke ich mit gemischten Gefühlen auf jede neue Veröffentlichung. Lieber nichts erwarten, dann ist die Enttäuschung nacher nicht so groß.

  2. Ich fand die Spatzen lyrisch wesentlich reifer, weniger sentimental und positiver, vielleicht mit Teilweise besseren Gesangslinien, ich kann mich nicht genau erinnern.
    Die musikalische Zusammensetzung kann man vielleicht am ehesten mit dem Kettcarkindergefährt an sich, also der Klapperkiste von Kettler, vergleichen: klein, der Fortbewegung dienlich, ein bisschen Plastik drumherum aber unendlich robust, besonders wenn man bedenkt, dass es schon beim Neukauf klapperte.
    Unausgegorene Experimente vom Schlag der …but alive Hallo Endorphin würden nur stören. Allenfalls der Sound könnte etwas rauer ausfallen (siehe letztes Maritime oder Weakerthans Album), das wär schön.

  3. Du triffst den Nagel auf den Kopf! Ich bin auch schon sehr gespannt auf das neue Album, erwarte aber vorsichtshalber einmal nicht zu viel. Überhaupt bin ich bei Kettcar immer hin- und hergerissen zwischen totaler Begeisterung (”Im Taxi weinen”, “Wäre er echt”) und totaler Ablehnung (das schreckliche Publikum auf den Konzerten, die ständige Phrasendrescherei in den Texten).

  4. Es kommen immernoch zig Leute über die Suchanfrage “Kettcar Sylt Rapidshare” auf diesen Beitrag. Leute: Gab’s hier nicht und wird’s auch nicht geben.

    +++ Die Platte ist seit heute draussen - kauft sie doch einfach. Lohnt sich! +++

  5. [...] Skepsis zum Trotz habe ich nach 1,5 Wochen Dauerrotation diese Platte sehr zu schätzen gelernt. Vorher [...]

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