Wumms vs. Dynamik

08.02.08

Ein befreundeter Toningenieur machte mich kürzlich auf ein interessantes Phänomen in der aktuellen Musikproduktion aufmerksam: The Loudness War.

Was es damit auf sich hat, erläutern wir im folgenden.

Man stelle sich folgendes Szenario vor: Du bist mit deiner Band im Tonstudio, ihr nehmt eure erste EP auf. Und der Produzent fragt “Yo, wie wollt ihr denn so klingen?“- “Fett!” Wäre woch die Wahl vieler Bands.

Und diese Wahl treffen auch viele Produzenten aktueller Popmusik. Klar, alles soll fett klingen. Soll sich ja auch durchsetzen. Aber… irgendwie.. ist laut direkt gleich besser?

Gerade durch das Bestreben sich unbedingt aus der Masse abzuheben werden viele Platten heute bereits bei der Produktion auf “laut gemacht”. Das klingt nicht schlimm, denn jeder hört sich seine Lieblingsmusik laut an. Was durch die Kompression bereits zur Produktion jedoch auf der Strecke bleibt ist die Dynamik.

Denn wo es kein Laut gibt – da gibt es auch kein Leise.

Alles verschwindet in einem Einheitsbrei der um Aufmerksamkeit buhlt. Die technischen Hintergründe und ein veranschaulichendes Hörbeispiel finden sich in folgendem Clip:



Nun, wen interessiert das in einer Generation, die davon geprägt ist auf billigsten Desktop- oder gar Handy-Lautsprechern Musik zu konsumieren? Niemanden? Hoffentlich nicht.

Denn eine kleine, polyvinylchloridaffine Gemeinschaft leistet Widerstand. Im Gegensatz zu anderen Tonträgern nimmt die Schalllatte unter Musikliebhabern an Verkaufszahlen und Beliebtheit zu. Denn Vinyl macht sich nicht nur unheimlich gut im Plattenregal, sondern vereinbart den unglaublichen Stil noch mit einer Klangqualität die heutzutage nur wenige zu schätzen wissen.

Denn wie wird es wohl weiter gehen im “Loudness war”? Schwer zu sagen, aber viel weiter geht es nicht mehr. Viele CDs kennen wirklich (fast) nur noch an oder aus, mehr rausholen kann man dann einfach nicht mehr. Das Problem wird von der breiten Masse ja auch gar nicht erkannt. Wer braucht die Top-Qualität? Musik wird doch zu großen Teilen wirklich “nur” noch konsumiert, Melodien verschlungen, nebenbei gehört.

Die HiFi Kultur der 80er, wo die Leute noch versucht haben ihre Boxen ordentlich aufzustellen, Tapes für Freunde aufgenommen haben, sind einfach vorbei. Geld und Zeit werden anderweitig investiert.

Daher macht das Lautstärke-Buhlen auf Höraufmerksamkeit leider durchaus Sinn, damit wenigstens ein paar Songs verkauft werden – denn um Geld geht es nach wie vor in der Musikindustrie.

Das dabei sehr viel Klang und möglicher Genuß auf der Strecke bleibt, merken die wenigsten, und denen ist das wahrscheinlich auch egal. Denn dafür sind die Ergebnisse der Maximierung doch einfach zu unauffällig, bzw. muss das Gehör ein bisschen geschult sein, um die negativen Aspekte wirklich wahrzunehmen. Und das ist schwierig, wenn man eh an die Lautheit gewöhnt ist und man sowieso keine Boxen hat die den Unterschied deutlich wiedergeben würden.

Dies ist ein Appell! High Fidelity!

Mehr Informationen:

Text: Jörg Plewe / Benedikt

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6 Responses to Wumms vs. Dynamik

  1. marcel on 08.02.08 at 23:51

    Sind Lautstärkegedöns und die Vorzüge von Vinyl nicht eigentlich zwei verschiedene Themen? Das Problem am “Loudness War” ist doch, dass die CDs dadurch noch ne schlechtere Klangqualität bekommen als sie ohnehin schon haben, unabhängig vom Vinyl-Format. Die Vorzüge von Vinyl liegen ja gar nicht im hörbaren Bereich sondern im “Feeling”. Der “Loudness War” wirkt sich hingegen sehr viel drastischer aus, nämlich innerhalb des hörbaren Bereichs. Finde daher man sollte das Thema unabhängig von der Vinyl-Frage behandeln, weil es ja letztlich eher darum gehen müsste, den CD-Hörern klar zu machen, dass Lautstärke nicht alles ist. Glaube kaum, dass sich sonderlich viele Leute durch das Problem zum Vinyl bekehren lassen würden, ganz im Gegenteil. Wenn man es darauf anlegt würds doch eher noch darauf hinaus laufen, dass das Problem nicht ernst genommen wird, denn auf den alten Vinyl vs. CD – Streit hat doch kaum einer wirklich Bock.

    Hängt wohl auch damit zusammen was man draus macht. Wollen jetzt Vinyl-Fans diesen “Loudness War” als Anlass nehmen für ihr bevorzugtes Format zu werben oder will man die CD retten bzw. verhindern, dass ihre Qualität noch schlechter wird? Ich mache da von der Skip-Funktion schon noch häufig genug Gebrauch um darauf angewiesen zu sein, dass CDs hörbar bleiben und hab daher bei aller Expertokratie doch nicht so wirklich Bock auf Vinyl.

  2. marcel on 08.02.08 at 23:53

    btw. interessanter Artikel! ;)

  3. Andi on 10.02.08 at 15:23

    Darauf habe ich noch nie geachtet!
    Aber jetzt, mit dem Wissen im Hinterkopf, klingt das logisch. Retrospektiv betrachtet.

    (Und trotzdem werde ich auch weiterhin Musik konsumieren. MP3-Musik. Aus meinen Desktoplautsprechern (die durchaus langsam mal qualitativ ersetzt werden sollten…). Punk und so.)

  4. Jörg on 10.02.08 at 17:18

    Vinyl ist sicherlich ein anderes Thema, hat aber Gemeinsamkeiten. Vinyl wird anders gemastert als eine CD, was in erster Linie technische Gründe hat. Es ist bisher noch eine Vermutung, aber ich denke das bei modernen Produktionen die Vinylversion nicht so stark komprimiert wird wie die CD Version. Dazu werde ich bald ein paar Messungen machen, wird es dann hier zu lesen geben.
    Der zweite Grund (bzw. Hypothese) ist der, das Vinylhörer oft auch mehr hinhören. Wer eine Platte auflegt, hat mehr Arbeit, die Platte muss auch gedreht werden, skippen ist auch nicht möglich. Ich mutmaße daher, dass diese Leute sich die Musik konzentrierter anhören, also nicht nur die Songs konsumieren, sondern auch die Instrumentierung, das Stereobild, eben HiFi-Kultur leben. Da merkt man auch recht schnell ob eine Produktion platt komprimiert wurde oder nicht, als wenn man sich die Mucke nebenbei beim Arbeiten vom Dekstop Lautsprecher reinzieht. Das hat mit dem Medium als solches natürlich gar nichts zu tun, man kann auch eine CD bewusst hören. Wer sich aber eben die Mühe macht eine Plattenspieler zu pflegen und aufzustellen, hört mit Sicherheit auch genauer hin, auch bei CDs. ;-)

    Allerdings liegen die Vorzüge der Platte durchaus im hörbaren Bereich (und zwar nur da), dazu muss man sich nur mal das gleiche Album auf den verschiedenen Medien anhören. Ein guter CD Spieler mit ordentlichen D/A Wandler kostet nämlich richtig Geld, dafür bekommt man mehrere gute Plattenspieler.

  5. Eric on 08.03.09 at 16:24

    Interessant, aber einen Zahn kann ich schon jetzt ziehen. Die Vinyls von Nickelback, Meat Loaf und Duffy klingen exakt so schei**e und platt wie die CD Pendanten. Im Klartext werden die plattgemachten Master der CD von den Labels auf Vinyl gepresst und fertig. Was da abläuft ist schlichtweg der globale Tod von Dynamik und Klarheit in der Musik, der Käufer hat keine Möglichkeit mehr an vernünftige Recordings zu kommen. Punkt!

  6. Sascha on 11.03.09 at 20:43

    Ich will mir jetzt nicht die Mühe machen und mir Nickelback und Co (*schauder*) auf Vinyl besorgen und mir das auch noch anhören. ;-) Aber ehrlich gesagt kann ich mir nicht vorstellen, daß sich die Labels einen derartigen Schnitzer leisten und einfach nur die CD Master auf Vinyl pressen.

    Neben der Lautstärkeproblematik gibt´s auch auch noch einige andere Punkte, auf die beim Mastern für Vinyl zu achten ist, z.B. der Dynamikabfall am Seitenende, Klangverfärbung durch die Materialeigenschaften etc. Aus diesen Gründen fertigen manche Acts ja sogar eigens spezielle Abmischungen ihrer Aufnahmen für die Vinyl VÖs an.

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