Duisburger Tristesse

19. Januar 2008, von benedikt

Du siehst ja selber hier verändert sich nichts groß
Und wie immer ist hier immer noch nichts los
Nur die eine Kneipe wo man hingehen mag
Und die Disco mit Independent-Tag

sangen Tocotronic. Und genau diese vier Zeilen fallen mir immer ein, wenn ich an die musikkulturelle Situation Duisburgs denke…

Das es um das kulturelle Angebot in Duisburg nicht gut bestellt ist, und die Stadt auch sonst nicht gerade den besten Ruf hat sind keine Neuigkeiten. Doch bist jetzt wurde es von niemanden in so humorvoll treffende Zeilen verpackt wie von der Duisburger Gruppe Die Bandbreite:

Von “Abends ist die City tot, hier gibt es nix zu sehn” über “In dieser Stadt gibt es keine Disco die ich mag” bis zum Fazit der Hymne: “Du musst schon hier geboren sein um dat zu ertragen“.

Im begleitenden Video präsentiert der Sänger passenderweise die Unsehenswürdigkeiten der Stadt im Duisburg-Asi-Look. Einfach zynisch auf den Punkt:



Jetzt aber nochmal ernst: Immerhin hat Duisburg den Vorteil in einem großen Ballungsgebiet zu liegen - Man kommt sehr schnell in die Städte der Umgebung. Aber diese Notwendigkeit ist doch echt ein Armutszeugnis.

Spätestens das unsägliche Event-Schloss hat den kümmerlichen Resten eines Nachtlebens den Todesstoss versetzt und es scheint als ob jegliche Konkurrenzangebote auf zu wenig Interesse stossen - und daher von vorneherein zum Scheitern verurteilt sind.

Und so sehr die Emo-Kids am Hauptbahnhof auch belächelt werden… es gibt halt keine nennenswerten Zentren, in denen Jugendliche Gleichgesinnte treffen und auch mal selber was auf die Beine stellen können.

Eigentlich kann es also nur besser werden. Und das muss es.

Immerhin gibt es ab und an z.B. im Djäzz, Hundertmeister, Steinbruch oder Buschbrand ein paar interessante Veranstaltungen. Alles ist Pop empfiehlt diese übrigens in der Rubrik Termine - und wer weiß, vielleicht findet sich ja irgendwann eine kritische Masse interessierter Menschen und die “Disco mit Independent-Tag” wird nicht nur voller sondern findet auch Nachahmer…

7 Kommentare
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  1. Also, ich mag das Pulp ja immer noch…

  2. Ich kann das Pulp ab und an ertragen weil a) die Musik nicht sonderlich weh tut und b) sowiso jeder da hin geht bzw. mitkommen würde.

    Aber gerade deswegen: So ein fauler Kompromiss ist doch echt scheisse.

  3. Irgendwie bezweifle ich, dass die Sozialstruktur, Demographie und geographische Zerstückelung der Stadt viel mehr (Musik-)Kultur zulässt. Das fängt schon damit an, dass nachts an den Wochenenden gar nicht jeder Duisburger per ÖPNV überall hinkommen könnte. Das bißchen Jugend in unserer Rentnerstadt ist also dazu verdammt in ihren langweiligen Stadtteilen zu verbleiben (die wenigsten haben nen S-Bahn-Anschluss und die Straßenbahnen fahren nur bis Mitternacht). Das bißchen Jugend in der Stadt wird zudem nicht unbedingt dazu sozialisiert kulturschaffend tätig zu werden.

    Auch wenn man sich dem im (feinen) Duisburger Süden vielleicht nicht überall ganz so bewusst ist, aber unser Städtchen ist immernoch ein Arbeits(losen)städtchen. Mag ja klischeehaft klingen, aber das kreative Schaffen beschränkt sich trotzdem bei vielen Leuten darauf die MSV-Hymne rückwärts zu rülpsen. Bier und Bockwurst zu Schlager und Fussball scheint mir die einzige Konstante zw. Walsum und Serm zu sein. Das traurige an dieser Stadt ist doch, dass sie ihren Klischees häufig auch entspricht. Mehr Grün und schicke neue Bürobauten ändern eben nicht von heute auf morgen die Sozialstruktur oder gar die Sozialisation der Bevölkerung.

    Kurz gesagt: Es gibt hier (immernoch) kein nennenswertes “Bohème-Milieu” wie in anderen Großstädten. Damit gibt es eben nicht nur einen Mangel an künstlerisch tätigen, sondern auch einen Mangel an Publikum. Davon zeugt nicht nur der Mangel an Diskotheken sondern auch der Mangel an Theatern oder wirklich originellen Cafés/Kneipen. Selbst die Kinolandschaft beherbergt nicht mehr als ein Multiplex und ein Programmkino. Woher sollen die Leute denn kommen die den Indie-Wunschtempel der Zukunft besuchen sollen?

    Trotz Uni kann man auch nicht von einer Studentenstadt reden weils eben nur ne Pendleruni ist und die meisten Studenten nach den Seminaren sofort wieder verschwunden sind entweder per Auto über die A3 oder per Zug, wo dann alle Studis am Ostausgang aussteigen ohne jemals was anderes von der Innenstadt gesehen zu haben als den Bahnhof.

    Ich denke als Renter kann man hier ganz gut leben und für eben diese wird in dieser Stadt auch Politik gemacht. “Mode Wichtig” wollte hier ja letztes Jahr eigentlich mit dem Bau einer neuen Disko für “alternative” Jugendkulturen beginnen, aber die Stadt hat bei allen Flächen die dafür in Frage kamen ein Veto eingelegt. Jetzt haben die das Projekt erstmal für längere Zeit auf Eis gelegt (aber wahrscheinlich hätten die sich mit ihrer Punk und Gothik Ausrichtung wohl doch zu sehr spezialisiert für euren Geschmack).

    Wenn man sich anschaut, dass das Hundertmeister nur mit städtischen Zuschüssen überleben kann und das Djäzz immer am Rande der Existenzfähigkeit steht, dann kann man sich ja vorstellen, dass sich an der Situation in Duisburg nicht allzuviel ändern wird. Der Trend hin zur Individualisierung schließt wohl auch aus, dass es zukünftig einen neuen großen Indie-Trend geben könnte. Wie will man bei dem starken Grad an Ausdiffernzierung unter den Jugendkulturen auch genug Leute zusammenbekommen, vor allem hier? Das geht doch nur wenn man über Genregrenzen hinweg Menschen an sich binden kann. Und gerade dies scheint das achso verpönte Pulp ja zu schaffen. Was man dem Laden höchstens vorwerfen kann, das ist die erfolgsorientierte Konzentration auf etablierte Stile. Was dem Laden fehlt ist der Wille auch mal unbekannteren, originellen Bands eine Möglichkeit zu geben aufzutreten oder deren Musik auch mal ins übliche 08/15 Programm hineinzumischen. Aber letztlich ist es wohl besser so wie es ist, denn würd das Pulp dem Hundertmeister Konkurrenz machen, dann wären die bald ebenfalls pleite. Mehr als die paar Läden ist nunmal nicht drin in dieser Stadt. Das kann man bejammern, aber letztlich muss man sich entscheiden ob man wegzieht oder bereit ist dieses Defizit zu ertragen. Letzteres fällt mir immer schwerer.

  4. Hallo zusammen.
    Duisburg liegt mitten im Ruhrgebiet. Und für jeden der einen Studentenausweis oder ein “Schoko”-Ticket hat ist der Weg nach Essen, Oberhausen, Mühlheim oder auch Düsseldorf (wers mag) nicht weit. Und im Umkehrschluss ist der Weg zu uns auch nicht weit.
    Ich wehre mich auch entschieden dagegen dass wir hier keine Musikkultur haben. Es gibt immer wieder lichtblicke, Bands und Events. Natürlich kann man uns nicht mit Köln vergleichen. Wie Marcel schon sagt ist die Sozialstruktur dafür hier nicht gegeben.
    Ich finde auch Benedikt hat recht. Im Grunde gibt es hier schon eine Szene. Das Beispiel von den belächelten Emos ist doch gar nicht schlecht. Es gibt einfach keine Jugendzentren für so viele “Kids”. Und wenn ich dann sehe wie viel personellen Aufwand die Stadt Samstags vor dem Bahnhof betreibt um diese Szene von Beamten beaufsichtigen zu lassen und minderjährigen den Alkohol wegzunehmen dann sehe ich nur wieder die falsche Politik bestätigt. Denn diese Ressourcen im Vorfeld in Jugenarbeit zu stecken wurde ganz klar versäumt.

    Ich kenne das von meiner eigenen Jugendzeit. Ich hatte lange Zeit eine Band. Wir waren auf einer Gesamtschule mit sogenannter “besonderer musikalischer Förderung”. Wir haben 3 Jahre lang versucht einen Proberaum von der Stadt (Schule) zu bekommen. Fehlanzeige. Und kein Jugendlicher kann im Monat 50 Euro für nen Bunkerraum abdrücken. Also, wo sollen denn die ganzen Duisburger Bands herkommen? Denn nur wenn auch Bands aus Duisburg die Szene pushen kommen auch Bands von ausserhalb. Eine Hand wäscht hier die andere.

    Ein weiteres Beispiel: Auch wenn dies wieder mal eine zweifelhafte Szene ist, so gab es längere Zeit den sogenannten Brunnentreff wo sich die “schwarze Szene” getroffen hat. Das ging eine Weile gut, bis es zu Streit mit anderen “Szenen” kam, die durch mangelnde Lokations ebenfalls Samstag abends in der Stadt waren (mussten). Ausserdem hatte die Stadt keine Lust die Strasse rund um ihr tollen “Wahrzeichen” Sonntags reinigen zu müssen. Das Ordungsamt löste die Sache auf und die Erlaubnis sich dort zu treffen wurde entzogen. Ersatzlos gestrichen! Typisch. Seitdem ist diese Szene in Essen. Und das ist der Stadt Duisburg auch mehr als recht.

    Was ich sagen will: Ich glaube es ist ein Trugschluss, dass wir nur ein paar neue “Läden” brauchen die gutes Eventmanagement betreiben. Wir brauchen Kultur die ganz unten ansetzt.

  5. Das Old Daddy ist Geschichte. *Achzelzuck*

    “Seit nunmehr 30 Jahren existiert im historischen Stadtkern von Duisburg eine Diskothek dessen guter Ruf weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt geworden ist. Mann verabredete sich zum abrocken und gemütlichem Beisammensein im „Keller“ und meinte damit das OLD DADDY. Nun, nach drei Jahrzehnten, trifft die seit September 2007 eingesetzte Geschäftsführung bei der erforderliche Umbenennung in KULTKELLER den Nagel auf dem Kopf. Obwohl das Ambiente der Diskothek mit seinem historischen Gewölbe dem lateinischem Ursprung des Namens schon nahe kommt wird durch die Umbenennung eher auf den mittlerweile zurecht erworbenen Kultstatus hingewiesen. Zudem schreibt man sich auch das KULT als Abkürzung für „KULTUR“ auf die Fahne denn die neue Geschäftsführung hat noch einiges vor – so werden neben dem regelmäßigen Diskobetrieb auch Konzerte und Live-Auftritte diverser Szene-Stars stattfinden. Auch Comedy-Veranstaltungen sind denkbar sodass man demnächst auch zum Lachen in den Keller gehen kann.”

    Aha…

  6. @Der Saven:
    Vielleicht steckt hinter der nahezu perfekt konsequent verfehlten Jugend- bzw. Kulturpolitik der Stadt Duisburg ja ein höherer Plan. Und sei es die Umwandlung zur Trabentenstadt des Ruhrgebiets oder zur Migranten- und Rentnerstadt.

    @Jan: Das “Gute Alte Old Daddy” ist ja leider schon länger Geschichte.

    Die Umbenennung des jetzigen Rest-(..)-Rest-Daddys ist dann auch eher aus rechtlichen Gründen und passend zum geplanten Klamottenladen. Siehe auch Neues vom Alten (Artikel in der WAZ Duisburg).

    Ob da noch was bei rumkommt bleibt höchst zweifelhaft aber abzuwarten…

  7. Kritisches zur “Bandbreite” gibt es hier:

    http://reflexion.blogsport.de/2009/03/26/verschwoerer/

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