Kaum verlasse ich meinen popkulturellen Elfenbeinturm zu Köln, schon habe ich ein Kopfschüttel-Erlebnis fürs Leben weg. So oder so ähnlich kann man den Konzertbericht für Johna Matranga in Lüdenscheid zusammenfassen. Die Ausgangssituation: Mr. Matranga aka Onlinedrawing, Mastermind von New End Original usw., besucht mit seinem Homie Ian Love und dem ersten Studioalbum unter eigenem Namen im Gepäck im Dezember deutsche Lande. Mich verschlägt es dabei trotz eines Kölner Konzerts ins tiefmärkische Lüdenscheid, genauer gesagt die Alte Druckerei.
Nach dem Check der exakt 4 Namen umfassenden Gästeliste gewährt mir der Türsteher Einlass. Türsteher? Ja, genau. Die Alte Druckerei ist nämlich eigentlich eine 2-Floor-Disco. Und auch an diesem Abend steht normales Alternative-Discoprogramm auf dem Plan und in den 4 Euro Eintritt ist das ‚Akustik-Live-Special’ einfach enthalten. Dieser Umstand sollte den Abend zu einem – positiv ausgedrückt – echten Erlebnis machen. Denn das Publikum, was sich im ersten Stock, einem liebevoll beinahe wohnzimmerartig gestalteten Raum, einfindet, ist in der Mehrzahl für das wöchentlich-ländliche Partyhighlight gekommen, und hat an der ihm unbekannten Musik, dazu noch so ‚lahmem Akustik-Kram’, nicht das geringste Interesse.
Erster Leidtragender ist Ian Love. Der New Yorker Singer-Songwriter macht Musik, die leiser, zurückhaltender, fragiler und introvertierter kaum sein könnte. Leider ist davon für das handgezählte Dutzend interessierter Besucher selbst direkt vor den Lautsprechern kaum etwas zu hören, so laut unterhält sich die Lüdenscheider Landjugend quer durch den Raum. Herr Love versucht nach den ersten Songs und wachsender Frustration mit zaghaften „Shhhs” die jugendliche Meute zur Ruhe zu bringen – vergebens. Kurze Zeit später der erste Auftritrt von Jonah, den, man mag es kaum glauben, einige wenige sehnlich erwarten.
Verärgert springt er vom Sofa nebenan auf die Bühne und bittet unverblümt darum, den Lautstärkepegel zu senken oder die Unterhaltungen doch wenigstens draußen fortzusetzen. Dies gebühre der Respekt, vor allem gegenüber den Leuten, die wegen der Musik gekommen seien. Seine Ansprache verhallt ungehört. Bei Jonahs eigenem Auftritt eskaliert die Situation dann in geradezu sensationeller Weise. Noch immer ähnelt die Stimmung in der Druckerei eher einer ausgelassenen Jahreshauptversammlung der örtlichen Pfadfinder als einem intimen Akustik-Gig. Dabei gibt sich Jonah alle Mühe, überzeugt stimmlich und mit dem gesamten Repertoire von neuen Songs über Hits von Onelinedrawing und New End Original bis hin zu Far.
Doch vor allem aus der Sitzecke drei Meter links von der Bühne schallt unvermindert ein kleiner Jugendstammtisch herüber. Jonahs Wut wächst. Plötzlich bricht er, zur Überraschung seines Kompagnons Love, der ihn bei einem Teil des Sets unterstützt, mitten im Song ab. Er rennt in die Sofaecke, die Diskussion der Störenfriede verstummt, nur einer hat noch immer nichts gemerkt und redet, Jonah direkt hinter sich, unvermindert weiter. Jonah brüllt ihn an. Wie viel Eintritt er bezahlt habe. Dann hält er ihm 5 Euro entgegen. Er solle sie nehmen und verschwinden. Es sei ihm Scheißegal, wie er ihn oder seine Musik finde, „I couldn’t care less“, fährt Jonah ihn an. Der Junge, dem auf einmal nichts mehr einfällt, traut sich nicht mal, seinem Gegenüber in die Augen zu sehen. Doch Jonah sich wieder zur Bühne wendet, dreht er sich um und flüstert ihm ein nicht ganz akzentfreies „Masafacka” hinterher. Jonah dreht sich um und brüllt ihn an: „Take the money and get out! And by the way: it’s MOTHERFUCKER!” Unter tosendem Beifall wird der Typ jetzt endlich vom Veranstalter aus dem Raum geholt.
Der Rest des Abends ist schnell erzählt: Emtion pur, ein Jonah der sich die Seele aus dem Leib singt, flüstert und schreit, ein Publikum, das gezeichnet vom Verlauf des Abends in eine Ekstase für sich selbst und Jonah entbrennt und die Erkenntnis des Protagonisten, der sich bis zur Erschöpfung verausgabt: „This was the craziest fucking show on this whole Tour.” Mein persönliches Fazit: Fast alles ist Pop – das Lüdenscheider Publikum war es an diesem Abend in Teilen ganz sicher nicht.
boa, es gibt echt nichts schlimmeres als Anwesende auf Konzerten, die die Musik nicht interessiert. Aber Jonah scheint das ja wunderbar gelöst zu haben. Ich werde mir jetzt ersma Onelinedrawing einlegen, hab ich auch länger nicht gehört …
[...] gewandt und sie gebeten uns Bilder zur Verfügung zu stellen. Da man bei einem Matranga Konzert eigentlich von einem tollen Publikum ausgehen kann, hat es auch geklappt. Nicolai hat mir eine handvoll Bilder [...]