Pearl Jam: Lightning Bolt

Die Band, die nicht enttäuschen kann, ist zurück. Zumindest ihre enorm große und bedingungslos loyale Fanschar nicht. Und um das Fazit vorwegzunehmen, “Lighting Bolt” ist alles andere als das obsolete Album einer übersättigten Rockband. Weit gefehlt, denn Pearl Jam wirken ohnehin seit Jahren so, als ob sie sich ständig selbsterneuern würden. Große Überraschungen bietet das zehnte Studioalbum der Grunge-Überlebenden zwar nicht, doch sie müssen auch längst keinem Kritiker mehr etwas beweisen.

Gerade die ersten Songs des Albums präsentieren die Band mit dem jugendlich-unbequemen Rebellengestus, der auch schon bei vielen “Backspacer”-Songs stimmungsbildend war und nachwievor authentisch wirkt. “Getaway”, “Mind your manners” sowie “My father’s son” sind somit laut dröhnender Auftakt zu einem facettenreichen Album. Es ist hoch anzurechnen, dass Eddie Vedder und co nicht zu Rockisten geworden sind, die alle paar Jahre lediglich ihren Kontostand erhöhen wollen. Pearl Jam’s Haltung war bekanntermaßen schon immer eine aufrechte.

Und so bietet “Lighting Bolt” die Gesellschaft reflektierende Beobachtungen, aber auch Einblicke in  persönliche Gedankenwelten , eine der großen Stärken des Songwriters Vedder. So ist es auch kaum verwunderlich, dass bei “Sirens” – Pardon – großer Gänsehautalarm herrscht. Der Titelsong selbst würde sich auch gut im Repertoire eines gewissen Bruce Frederick Joseph Springsteen machen: toller, energetischer Midtempo-Stomper. Beim Anhören von “Pendulum” hingegen scheint sich unmittelbar der Himmel zu verfinstern, eine weitere Spielart auf der großen Pearl Jam Gefühlsklaviatur. “Let the records play” präsentiert sich hingegen keck im Roots Rock Gewand, was schon ein wenig Verwunderung hervorruft, der präsentierten Vielfalt auf Albumlänge jedoch zuträglich ist. Der balladeske Schlusspunkt des Albums (“Future Days”) unterstreicht dann noch einmal, dass Pearl Jam unter den seit Jahrzehnten etablierten Rockinstitutionen eine der relevantesten sind.

Grant Glue: Demo-nstration Spielfreude

Die “file under”-Frage wäre mit der gewählten Überschrift zum Teil abgehakt, denn vor allem die technische Versiertheit an den Instrumenten sowie die Experimentierfreude der Musiker sind es, die den Sound von Grant Glue interessant werden lassen. Versucht man die acht Songs der vorliegenden Demo in Sachen Genre einzuordnen, landet man wohl bei den Koordinaten Alternative Rock (mit Prägung der 2000er Jahre) und staubtrockenem Stoner Rock. Man könnte fast meinen, dass sich Dave Wyndorf (Monster Magnet), Brandon Boyd (Incubus) und Josh Homme (Kyuss/QOTSA) in einem gemeinsamen Nebenprojekt austoben. Aber wie das so oft im Leben mit Vergleichen ist, sie sind subjektive Beobachtungen und sie hinken.

Grant Glue scheinen sich zudem nicht darum zu scheren, was musikalisch zurzeit in Mode ist und begeben sich mit ihrem Post-Grunge, wie sie selbst ihren Stil bezeichnen würden, auf einen durchaus interessanten Seitenweg, abseits der ausgetretenen Pfade. Dafür sorgen schon allein die immer wieder eingesetzten Effekte und Samples, die die Songs zuweilen in Richtung Soundscapes abdriften lassen. Man kann leicht erahnen, was für ein Brett von einem Album mit einer professionellen Produktion im Rücken möglich wäre. Live türmen Grant Glue ohnehin schon eine monströse Wall of Sound auf, deren Fundament definitiv das fulminante Spiel des Gitarristen ist.

Ein wenig problematisch erscheint die Reihenfolge der Songs auf der Demo-CD, denn das düster-schleppende “Bleed” als Opener zu wählen, bei dem vor allem die Gesangslinie in den Strophen hinter dem Gesamtpotenzial des Sängers zurückbleibt, ist schon ein wenig mutig. Sänger Andre wirkt übrigens gerade live auf angenehme Weise noch wesentlich präsenter und dominanter im Sound der Band. Aber zurück zu den Inhalten der Demo-CD. Songs wie “Walk of Fame” preschen beachtlich tight und druckvoll nach vorne. Besonders gut in Erinnerung bleibt – live und auf dem Tonträger – das entspannt mäandernden “Ruins”. Hitverdächtig, wenn man so möchte.

“Glue” fordert die Nackenmuskulatur durch den mächtigen Groove zur Trainingseinheit auf, während “Luma” kräftig die Synapsen massiert. Wobei man auf den Jonathan-Davis-Gedenk-Sprechpart gerne verzichten kann, denn NuMetal-Assoziationen sind heutzutage, zumindest für den Rezensenten, ein No-Go. An dieser Detailkritik kann man aber deutlich erkennen, dass Grant Glue schon sehr viel richtig machen. Gerade das Zusammenspiel der einzelnen Musiker sowie der Einfallsreichtum mit dem man zu Werke geht, überzeugen auf voller Linie. Insgesamt nicht unbedingt musikalisch meine Baustelle, aber die Band hat gewaltig Potenzial und wird hoffentlich von den richtigen Leuten zukünftig goutiert werden. Frei nach einer aufgelösten Band aus Hamburg: Machen Sie das groß, bitte!

The Pikes: Rollt und rollt und rollt…

Nachtigall, ick hör dir trapsen. Von wegen. The Pikes aus Berlin sind längst keine Unbekannten mehr, was selbstredend vor allem für die Subkultur der smart gekleideten Roller-Fahrer gilt. Ihr erstes full-length Album “Something´s going on” ist auch schon eine ganze Weile käuflich zu erwerben, doch da die LP seit Wochen den Plattenspieler des hier Schreibenden höchstens vorrübergehend verlässt, soll an dieser Stelle noch einmal eine nachdrückliche Empfehlung ausgesprochen werden.

Der dargebotene Mod Revival trifft ’77 Punk Sound ist einfach zu eingängig und mitreißend, um  das Ganze nur in unbeteiligter Weise abzunicken. Die A-Seite mit dem Opener und gleichnamigen Titeltrack sowie “Another show tomorrow”, der vermutlich gelungenste Stomper des Albums, geht direkt gewaltig in die Vollen, wobei die sechs Stücke der B-Seite keineswegs qualitativ abfallen. Allein das allzu “deutsche” Englisch des Sängers schmälert den Genuss der mal drängelnden und mal entspannt wippenden Songs minimal.

Wenn die vier wohl gekleideten Herren aus Berlin also mal in der Nähe zum Tanz aufspielen, sollte man unbedingt nachschauen, “Where the action is.”  Zum Weiterhören: Es sei zudem erwähnt, dass auch die Debüt EP namens “No-Name Street” nachwievor via Mailorder, zum Beispiel hier, oder über den Plattenladen des Vertrauens bezogen werden kann. Top notch!

Marla Blumenblatt: Immer die Boys

Romantisieren ist schön, Romantisieren ist fein. Zugegebenermaßen können übertriebenes Nostalgiegehabe und überdosierter Retrokult auch mal nerven, aber wer sich gar nicht auf popkulturelle Rückwärtsblicke einlassen kann, durchwacht vermutlich auch traumlose Nächte. Marla Blumenblatt erleichtert mit ihrer authentischen Klangreise in die 50er Jahre (Tag-)Traumaktivitäten ungemein. Mit einer Messerspitze Rock ‘n’ Roll, ein wenig Swing und vor allem ganz viel Schlagercharme macht die gebürtige Wienerin eine Musik wieder salonfähig, die als peinlich und altbacken verschrien gilt.

Dass Schlagermusik von damals so gar nichts mit dem zu tun hat, was man heutzutage unter diesem Begriff subsumiert, muss man schon wissen, um mit dieser Einordnung etwas anfangen zu können. Nennen wir es doch, einfache, sorgenfreie Populärmusik einer vergangenen Dekade. Marla Blumenblatt übertragt den Geist der 5oer allerdings ins hier und jetzt und offeriert mir ihren Liedtexten genug aktuelle Anknüpfungspunkte, um über jeden aufgebrachten Plagiatsvorwurf verschmitzt lächeln zu können.

Besonders amüsant ist dabei, dass die sympathische Künstlerin gekonnt mit dem Geschlechterverhältnis zu spielen weiß. Ihr Album “Immer die Boys” kommt dementsprechend gleichsam clever-frech sowie intuitiv-naiv daher. Musik und Stimme sorgen zudem dafür, dass die Authentizitätspolizei ihre Wachtmeister getrost daheim lassen kann. Oder wie es in dem Song “Fernsehapparat” so passend heißt: “Ich spul mal eben kurz zurück!”

Bastille: Bad Blood

London hat mal wieder gewonnen, denn aus der britischen Metropole stammt zum x-ten Mal das Popalbum des Jahres. Um einen Überraschungssieger handelt es sich hierbei jedoch nicht. Vielmehr haben Bastille schon ein paar Jahre am Siegerjersey gestrickt. Das bittersüße Song “Flaws” erschien bereits im Sommer 2011 als Vinylsingle im Vereinigten Königreich.

Darauf folgte die Laura Palmer EP - wer Twin Peaks mag, ist schon mal auf der guten Seite – im Winter des selben Jahres. Bis zur Veröffentlichung des Debütalbums Bad Blood im März 2013 ist also noch viel Wasser die Themse entlang geschwappt. Das Warten hat sich in jedem Fall gelohnt.

Bad Blood, mit seinem tollen, cineastisch angehauchten Artwork, ist voller smart arrangierter Popsongs zwischen The Temper Trap, The Shout Out Louds, Snow Patrol und Hurts. Bastille kann aber auch ohne Bedenken gehört werden, wenn man nicht auf solche bestselling Popbands steht. Sänger und Mastermind Dan Smith verzückt einfach als Goldkehlchen mit gutem Herz und ungewöhnlich-interessanten Texten. Kein Wunder also, dass im UK mittlerweile einige Songs zu Single-Auskopplungen erwählt wurden.


Frank Turner: Recovery

Er ist der Charmebolzen unter den raubeinigen Sängern und Songschreibern. Und wer Frank Turner nicht mag, ergo nicht hört, hat wirklich was verpasst. Seit Kurzem kann man online das Video zur ersten Single aus Turners neuem Album “Tape Deck Heart” begutachten. “Recovery” ist wieder so ein wunderbarer Turner und Band im Rücken Ohrwurm geworden. The Sleeping Souls verrichten wie immer einen soliden Job im Hintergrund und ihr Frontmann glänzt mit durchdringenden Vocals.

Und doch darf es auf dem am 22. April erscheinenden Album noch ein wenig intensiver und mitreißender werden. Der Appetizer verstärkt in jedem Fall die Vorfreude auf den Longplayer, der in der Deluxe Version noch 6 Songs mehr zu bieten haben wird.

Was gibt es noch Neues im Hause Turner? Eine hübsch aufgemachte, neue Homepage zum Beispiel. Und das Album Artwork wird sich wohl alsbald auf dem ein oder anderen Unterarm wiederfinden.